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Fack ju Göhte

 

 

Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt braucht der Kriminelle Zeki Müller dringend Geld, weil er einige Rechnungen offen hat. Zum Glück verfügt Zeki noch über die Beute aus dem letzten Überfall, das seine strippende Freundin Charlie vergraben hat. Leider war es etwas einfältig, dafür eine Baustelle zu wählen, die inzwischen zu einer Turnhalle geworden ist, weshalb Zeki sich auf die Hausmeisterstelle an der Goethe-Gesamtschule bewirbt, um sich, so der klassisch anmutende Plan, vom Heizungskeller aus an die Beute heran zu buddeln. Doch durch ein Missverständnis wird Zeki nicht Hausmeister, sondern bekommt eine Stelle als Vertretungslehrer mit Befristung.

Soweit die etwas forcierte Exposition, die es braucht, damit der „Pädagoge“ Zeki in „Fack ju Göhte“ auf die Menschheit losgelassen werden kann. Das Personal, dem er begegnet, ist seit „Die Feuerzangenbowle“ (fd 5172) und diversen „Pauker“- und „Lümmel“-Filmen wohlbekannt, wenngleich etwas zugespitzt und verschärft. Da sind die bürokratisch-desillusionierte Schuldirektorin, die überforderte Routinekraft am Rande des Nervenzusammenbruchs, die so tolerante wie beliebt-eitle Jung-Lehrerin und schließlich die permanent überforderte, weil direkt von der Uni kommende Referendarin. Zu diesem vertrauten Umfeld gesellt sich nun mit Zekis rauer Straßenpädagogik ein neuer, von keinerlei Empathie gegenüber den Kindern und Jugendlichen angekränkelter Ton. Der neue Lehrer scheint aber geradezu prädestiniert für die problematische Klasse 10b, deren Schüler sich illusionslos auf Hartz IV und eine Karriere als Dealer vorbereiten.

Anfangs droht sich selbst Zeki an diesen Früchtchen die Zähne auszubeißen, doch dann nimmt er die Herausforderung an und zieht andere Saiten auf. Jetzt hat der Film seine stärksten, weil bösesten Momente, und es ist höchst vergnüglich, Zeki dabei zuzusehen, wie er mit Paintball-Gewehr über den Schulhof marodiert und aus dem coolen Anführer Danger im Sportunterricht handgreiflich wieder den greinenden Daniel macht. Doch die erfolgreiche Disziplinierung der Klasse diszipliniert gleichzeitig auch den Film, in den sich jetzt sentimentale Misstöne mischen. Unvermittelt steht die Idee einer Shakespeare-Inszenierung der Theater-AG im Raum; in der Begegnung mit der Kunst enthüllen die Schüler plötzlich unerwartete Talente, und siehe da: am Horizont leuchtet eine bessere Zukunft als die stumpfsinnige Utopie vom dealenden Sozialhilfeempfänger. Zeki, der „Lümmel“ aus dem Rotlichtviertel, verguckt sich derweil in die plötzlich nicht mehr hilflose, sondern sehr souveräne Referendarin Lisi Schnabelstedt und wandelt sich zum erfolgreichen Pädagogen wider Willen, der seine Bestimmung als Angestellter im mittleren Schuldienst findet.

Über eine derartige Wandlungsfähigkeit staunt nicht nur seine prollige Ex, sondern erst recht der Zuschauer, der sich nach einer erfrischenden Dusche voller politischer Unkorrektheit plötzlich in einem Pool aus Pennäler-Klischees wiederfindet, die nicht einmal mehr im ZDF-Vorabendprogramm noch funktionieren würden. Nähme man diesen Film ernster als er selbst es tut, dann müsste man wohl davon sprechen, dass die Macher hier versucht haben, der Deutschen liebstes Genre – den Pennälerfilm – auf verschärftes Comedy-Format zu hieven und damit auf Zeitgeist zu trimmen.

Leider kann man „Fack ju Göhte“ jedoch auch ansehen, dass Regisseur und Drehbuchautor Bora Dagtekin auf halbem Weg der Mut verließ, den „Lehrer Dr. Specht“ radikal in einen „Bad Teacher“ zu verwandeln und sich stattdessen letztlich für die konventionell warmherzige Variante eines doppelten Bildungsromans entschieden hat. Ein Unterfangen mit einer gewissen Fallhöhe in Sachen Derbheit, aber auch mit allerlei dramaturgischen Absicherungen, die mögliche Verirrungen oder schmerzhafte Zuspitzungen schnell wieder in folgenlose Harmlosigkeit ummünzen.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 23/2013

 


Fack ju Göhte
Deutschland 2013 - Produktionsfirma: Rat Pack Filmprod. - Regie: Bora Dagtekin - Produktion: Christian Becker, Lena Schömann - Buch: Bora Dagtekin - Kamera: Christof Wahl- Schnitt: Charles Ladmiral - Darsteller: Elyas M'Barek (Zeki Müller), Karoline Herfurth (Lisi Schnabelstedt), Katja Riemann (Gudrun Gerster), Jana Pallaske (Charlie), Alwara Höfels (Caro), Jonas Holdenrieder (Peter Paker), Uschi Glas (Frau Leimbach-Knorrs), Jella Haase (Chantal), Gizem Emre (Zeynep), Aram Arami (Burak), Max von der Groeben (Danger), Nino Böhlau (Robbin), Dustin Raschdorf (Leo Deckweiss), Thalia Neumann (Mädchen), Paul Triller (Kevin), Lenny Den Dooven (Junge an der Ampel), Talin Lopez () - Länge: 118 (24 B./sec,)/114 (25 B./sec.) Minuten - Verleih: Constantin - Start (D): 7.11.2013

 

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