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Fack ju Göhte 2

 


7,3 Millionen Kinozuschauer wollten „Fack ju Göhte“ (fd 42 025; 2013) sehen – da wird eine Fortsetzung zur sportlichen Herausforderung. Keine Frage, dass Regisseur und Drehbuchautor Bora Dagtekin diese angenommen hat, schließlich hatte er nach drei Fernsehstaffeln „Türkisch für Anfänger“ den reichlich auserzählten Stoff auch noch in den erfolgreichsten deutschen Kinofilm des Jahres 2012 transformiert (fd 40 991). Und überdies gehören zu den „Lümmel“- und „Pauker“-Filmen der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre, denen hier ein zeitgemäßes Denkmal gesetzt werden soll, eben auch ihre unzähligen Fortsetzungen: von „Die Lümmel von der ersten Bank – Zur Hölle mit den Paukern“ (fd 15 436; 1968) bis „Betragen ungenügend“ (fd 17 927; 1972). In „Fack ju Göhte 2“ lautet die Erfolgsformel kurz und knapp „Klassenfahrt“, doch bis es schließlich auf Reisen geht, muss noch der Aushilfslehrer Zeki Müller motiviert werden. Der ist des Schulalltags nämlich längst überdrüssig – und braucht erst eine Erinnerung, dass er der Klasse 10b versprochen hat, sie durchs Abitur zu bringen. Es erfordert jedoch schon die Beute seines Überfalls, die ehrgeizigen Pläne der Schulleiterin Gerster, das konkurrierende Schiller-Gymnasium und einen Unfall der Kollegin Leimbach-Knorr, um Müller, die 10b und den Autisten Etienne auf große Fahrt ins Schwellenland Thailand zu befördern.

In der Fortsetzung vertraut Bora Dagtekin auf das glänzend eingeführte Figuren-Ensemble mit der tiefergelegten Sprache, und er setzt zudem in mehrfacher Hinsicht auf „culture clash“. Durch die Wahl des Reiseziels nähert sich „Fack ju Göhte 2“ ein wenig „Türkisch für Anfänger –Der Film“ an, und durch die Konkurrenz von Gymnasium und Gesamtschule um die Partnerschule in Thailand Kurt Hoffmanns „Das fliegende Klassenzimmer“ (fd 3467; 1954), mischt jedoch auch „ernste“ Themen wie „Zugang zur Bildung“ und Erinnerungen an die Tsunami-Katastrophe ins bunte Treiben. Weil Lehrer Müller gleich mehrfach außer Gefecht gesetzt und die Liebesgeschichte zwischen Müller und der politisch korrekten Kollegin Schnabelstedt ohne größere Umstände auf Eis gelegt wird, bekommen die Schüler der 10b mehr Spielraum, ihre Figuren zu profilieren. Was Jella Haase als notorische „Chantal“ neben Elyas M’Barek zum Star des Films macht.

Zum notorisch derben Sound von „Fack ju Göhte“ gesellt sich in der Fortsetzung ein ordentlicher Schuss Sentimentalität, wenn Müller den Eltern der Schüler eine freundlich-dankbare SMS schickt und die Kinder von den liebevollen Reaktionen ihrer Erzeuger regelrecht geplättet sind. Wenn dann noch eine Kinderbande von Tsunami-Waisen ins Spiel kommt, ein Autist in die Gruppe integriert, nach Diamanten getaucht, einem Drogendealer das Handwerk gelegt und ein Waisenhaus gebaut wird, wähnt man sich fast schon in einer prolligen Folge von „Fünf Freunde“. Wie „Fack ju Göhte 2“ überhaupt mit seinen „Facebook“-Witzchen und „YouTube“-Tutorials auf eine deutliche jüngere Zielgruppe zu schielt, wozu auch das Product Placement passt.

Auch wenn das furiose Überraschungsmoment der ersten „Schulkomödie 2.0“ abgeht, so muss man die Professionalität, die Reflexivität und das Kalkül würdigen, mit der Bora Dagtekin seine Version einer „kommerziellen Komödie“ als wirklich abendfüllenden Zutatenfilm konstruiert hat. Jeder Gag unterhalb der Gürtellinie wird mit Sentimentalität aufgewogen, die Bildungsferne der Akteure wird sozial ausdifferenziert, der kleinkriminelle Lehrer hat ein großes Herz und der Streberkollege vom Elite-Gymnasium ist ihm, was die kriminelle Energie angeht, mindestens ebenbürtig. Nimmt man noch Social Media, kaputte, nicht-kommunizierende Familien, Körperkult, Feierwut und profilierungssüchtige Schulpolitik mit fadenscheinigen Partnerschaften und den Deckmantel der Political Correctness hinzu, dann wird hinter der knallbunten Turbo-Fassade von „Fack ju Göhte 2“ schon etwas sichtbar, was man „Deutschland 2015“ nennen könnte. Fortsetzung bei Erfolg gewiss nicht ausgeschlossen.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 19/2015

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Fack ju Göhte 2
Deutschland 2015 - Produktionsfirma: Rat Pack Filmprod./Constantin Film - Regie: Bora Dagtekin - Produktion: Lena Schömann - Buch: Bora Dagtekin - Kamera: Andreas Berger - Musik: Michael Beckmann, Djorkaeff, Beatzarre, Uli Kleppi - Schnitt: Charles Ladmiral - Darsteller: Elyas M'Barek (Zeki Müller), Jella Haase (Chantal), Karoline Herfurth (Lisi Schnabelstedt), Katja Riemann (Gudrun Gerster), Volker Bruch (Hauke Wölki), Max von der Groeben (Danger), Gizem Emre (ZEynep), Aram Arami (Burak), Anna Lena Klenke (Laura), Lucas Reiber (Etienne), Runa Greiner (Meike), Johannes Nussbaum (Cedric), Alwara Höfels (Caro Meyer), Zsa Zsa Inci Bürkle (Silke), Uschi Glas (Ingrid Leimbach-Knorr), Jana Pallaske (Charlie), Farid Bang (Paco), Michael Maertens (Eckhard Badebrecht), Bernd Stegemann (Herr Gundlach), Nissa Amani (Flight Attendant) - Kinostart(D): 10.9.2015 - Länge: 115 Min. - FSK: ab 12; f - Verleih: Constantin

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