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Exit Marrakech

 



Nach fünf Jahren Abstinenz meldet sich Caroline Link wenig überraschend mit einem Vater-Sohn-Duell zurück. Wie im Familiendrama „Im Winter ein Jahr“ (fd 38 988) taucht sie erneut in die Gefühlswelt sich reibender Sippenmitglieder ein. Die Story um einen pubertierenden Filius, der seinem geschiedenen Erzeuger in den Sommerferien nach Marrakech folgt, wo dieser als Theaterregisseur an einem Festival teilnimmt und es sich am Pool des Luxushotels gutgehen lässt, wartet nicht gerade mit originellen Wendungen auf. Auch das Leiden der Figuren an einem wie immer gearteten seelischen Defizit hält sich in Grenzen. Und doch soll man glauben, dass diese beiden sich entfremdeten Menschen erst ihre Grenzen erproben müssen, um einander wiederfinden zu können. Dass der Tourismusaspekt des Drehorts mit dem Schlaghammer die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs überdecken möchte, macht die Sache nicht besser.

Der 17-jährige Ben (Samuel Schneider), der sich, abgeschoben in ein Internat, seit Jahren vernachlässigt fühlt, kann dem hedonistischen Lebensstil seines temporären Erziehungsberechtigten Heinrich (Ulrich Tukur) nichts abgewinnen. Er ignoriert trotzig dessen Ratschläge, die früh aufgetauchte Diabetes-Erkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, und erforscht die fremde Stadt auf eigene Faust. In einem Nachtclub begegnet er einer jungen Einheimischen, dem puren Gegenteil einer unterwürfigen Muslimin, die wohl die sich wandelnden Werte in einem Teil der marokkanischen Gesellschaft repräsentieren soll. Aus frisch entbrannter Liebe umwirbt Ben sie mit Geschenken, die er sich beim verhassten Papa ohne dessen Wissen ausgeliehen hat. Wild entschlossen, die Reise zu einem Abenteuer zu küren, folgt er der Marokkanerin in das archaische Bergdorf ihrer Familie und versetzt damit den gleich zweifach beklauten Vater doch noch in Suchbereitschaft.

Was während der Rückführung des Verschollenen aus der pittoresken Steinzeitszenerie folgt, sind eine Menge werbetauglicher Landschaftsbilder und folkloristisch wertvoller Musikeinlagen, mitunter aufgelockert durch eine authentisch wackelnde Kamera, die selbst den Ausflug in die Wüste samt obligatorischer Kamele nicht scheut. „Exit Marrakech“ ist ein beim großen Publikum sich anbiedernder Trip, überladen mit Klischees vom gerüche- und farbintensiven Orient, an dessen befreiendem Ende der eine des Selbsterfahrungs-Duos erwachsen und der andere ein Fünkchen weiser und verantwortungsbewusster erscheint. Denn natürlich kommt sich das viel geprüfte Gespann näher, beim Kiffen auf dem Hoteldach, bei der Wüsten-Safari, deren auf dem Reißbrett erzwungene Strapazen ihr verschüttetes wahres Ich zum gefühligen Liebesgeständnis drängt. Nordafrika als Besserungsanstalt für wohlstandsgeschädigte Europamüde? Angesichts der noch lang nicht ausgestandenen Arabellion und der sich dramatisch häufenden Flüchtlingsströme ein zweifelhaftes Musterbeispiel einer aufs Eskapistischste gelungenen westlichen Projektion.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmdienst 22/2013

 

Exit Marrakech
Deutschland 2013 - Produktionsfirma: Desert Flower Filmproductions - Regie: Caroline Link - Produktion: Peter Herrmann - Buch: Caroline Link - Kamera: Bella Halben - Schnitt: Patricia Rommel - Musik: Niki Reiser - Darsteller: Samuel Schneider (Ben), Ulrich Tukur (Heinrich), Hafsia Herzi (Karima), Josef Bierbichler (Dr. Breuer), Sophie Rois (), Marie-Lou Sellem (Lea), Mourad Zaoui (Abdeslam), Stefanie Höner (Chris), Clara-Marie Pazzini (Hannah), Goetz Schulte (Martin), Tom Radisch (Tom)
Länge122 (24 B./sec.)/118 (25 B./sec.) Minuten - Verleih: StudioCanal - Start (D): 24.10.2013

 

 

 

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