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Die ewigen Momente der Maria Larsson

 

 

 

An die paradoxe Macht der Fotografie und des Films, Augenblicke verweilen zu lassen, glaubt Jan Troell in seinem schönen Spätwerk "Die ewigen Momente der Maria Larsson".

 

Sigge trägt als Tätowierung den Namen der falschen Frau über dem Herzen. Und Sigge trinkt, dann schwört er, nie wieder Alkohol anzurühren, dann trinkt er wieder. Mal ist er Mitglied einer Gesellschaft der Nichttrinker, dann schmeißen sie ihn raus, dann darf er nach einer Karenzzeit wieder hinein in die Runde. Maria putzt vor der Tür. Maja erzählt, wie es war. Das ist die Konstellation von "Die ewigen Momente der Maria Larsson" des schwedischen Regieveteranen Jan Troell. Maja, erzählt, sich erinnernd an ihre Teenagerzeit, beginnend im Jahr 1907. Am Ende der erste Kuss. Was danach gewesen sein wird, erfahren wir nicht. Maria ist die Titelheldin. Sigge, ihr Mann, ist das Kreuz, das sie trägt. Er trinkt, er schläft mit anderen Frauen, er flirtet mit dem Marxismus, er hat einen Freund, der es mit dem Anarchismus viel ernster meint als Sigge, der seinem Pferd den Namen Kropotkin gibt, aber das ist es dann auch.

 

Auf seine etwas altmodische Art ist dies ein schöner Film. Es wird aus einem Leben erzählt und der Rhythmus, den die Erzählung sucht und findet, ist der eines Auf und Ab. Nichts ist hier einer Dramaturgie unterworfen, die Sachen zuspitzte, eindeutig machte und einzelne Ereignisse einer diesen zugemuteten Gesamtansicht unterwürfe. Das einzelne Ereignis behält so seinen Wert. Sachen wiederholen sich, wie sie es im Lauf der Zeit eben tun. Blicke verschieben sich und manchmal hat man Sympathien, manchmal nicht. Eher das Episodische als das Epische ist, worauf dieser Film hinauswill. Und vielleicht eher sogar das Momentaufnahmenhafte als das Episodische: eine Motte und ihr Schatten, der sich einfangen lässt und auch nicht; ein Zeppelin, der majestätisch und furchteinflößend am Himmel vorüberzieht; die große Tätowierung, ein Schiff, auf Sigges Rücken und wie es sich, wenn er Akkordeon spielt, wie im Wasser bewegt. In Bildausschnitten, die den Mund nie zu voll nehmen, sieht man das. Die Kamera bewegt sich oft als lebendes Wesen unter lebenden Wesen.

 

Maria hält ihren Mann aus trotz des falschen Namens über dem Herzen, trotz des Alkohols, trotz des Fremdgehens, trotz der oft bitteren Armut, trotz seiner völligen Unzuverlässigkeit. Maja wird am Ende sagen, das habe sie niemals verstanden. Das müsse wohl Liebe gewesen sein. Zuvor zeigt der Film seine Heldin als Zweifelnde, zeigt den Mann, den sie liebt, als einen, den man ohrfeigen möchte und dann wieder als einen, der der Liebe doch wert scheint. Er zeigt seine Heldin auch als eine Ehefrau, die ihren Mann hasst und die ihm ein Kind nach dem anderen gebiert, zuletzt gegen ihren eigenen Willen. Zweimal suchen Menschen in diesem Film den Freitod. Eine geht ins Eis, einer hängt sich auf. Die "ewigen Momente" des Titels sind nicht ewig, sondern verdammt schnell vorüber und ganz sicher sagt Jan Troell nicht, dass irgendwas gut ist, sondern nur: dass es war. (Und tatsächlich war es, so oder ähnlich: Die Geschichte beruht auf dem Leben einer Maria Larsson, die es wirklich gab. Sie war eine entfernte Verwandte von Jan Troells Ehefrau Agneta.)

 

Von zwei Leben der Maria erzählt die Geschichte, wenn man genauer hinsieht. Dem allzuoft bitteren, das sie lebt, und dem schöneren, gelungeneren, das ihr verwehrt bleibt, das sie sich selbst verwehrt oder nur in Momenten gewährt. Für das andere Leben der Maria Larsson steht die Fotografie. Eine alte, schöne Kamera kommt ihr, zeitgleich mit dem Ehemann, als Preis, den sie bei einer Tombola gewinnt, ins Haus. Erst vergisst sie sie, dann will sie sie verpfänden, dann lernt sie, zu fotografieren und die Bilder selbst zu entwickeln. Der Fotograf, zu dem sie die Kamera trägt, bringt sie darauf. Er ist ein Fremder wie sie, sie stammt aus Finnland, er ist Däne. Er sieht etwas in ihr. Das wird dann auch Liebe sein, aber es ist eine Liebe als Gegenteil von Abhängigkeit. Eine bescheidene Ermöglichungsliebe, die keine eigenen Ansprüche stellt.

 

Eine gleichfalls bescheidene Form von Selbstbewusstsein zieht Maria aus ihrem sich erweisenden fotografischen Talent. Sie bekommt Anerkennung, sie verdient etwas Geld. Sie gelangt, sehr buchstäblich, zu einem anderen Bild ihrer selbst. Auch hier rundet der Film nichts großartig auf. Eine Emanzipationsgeschichte im kleineren Rahmen. Und in sehr schönen Bildern. Das Pathos der Fotografie und des Films (auch in der rekonstruierenden Fiktion) als Kunstform, die dem Vergänglichen befristete Ewigkeit schenkt, stellt Jan Troells Film niemals aus, doch sieht man jeder einzelnen Einstellung seinen Glauben daran an. Auf 16mm gedreht, auf 35mm dann umkopiert, mit Absicht körnig, Film als Film, manchmal betörend schön ausgeleuchtet, aber nie pittoresk. Niemals ein Bilderbuch, niemals Opfer von Nostalgie. Die Montage lässt Szene für Szene just im rechten Moment enden, weder abbrechend noch abrundend, offen genug, geschlossen genug. Man muss vielleicht keine Historienfilme drehen. Aber wenn, dann bitte so.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Die ewigen Momente der Maria Larsson

Dänemark / Schweden / Norwegen / Finnland / Deutschland 2008 - Originaltitel: Maria Larssons eviga ögonblick - Regie: Jan Troell - Darsteller: Maria Heiskanen, Mikael Persbrandt, Jesper Christensen, Emil Jensen, Ghita Nørby - Länge: 105 min. - Start: 8.4.2010

 

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