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Evet, ich will!

 

 

Amüsante deutsch-türkische Kulturdifferenzen gilt es auszugleichen, bevor auf dem Berliner Standesamt das Ja-Wort fallen kann: Ich will! Wobei es genauer gesagt, um das Ja-Wort des Türkenvaters geht. Die Mitgift muss ausgehandelt werden. 50.000 Euro? Gegenangebot: 10.000. Oder aber: Dirk (Oliver Korittke) muss nachweisen, dass die Vorhaut abgeschnitten ist. Wie? Ein Foto muss her. Oder aber, wenn gar nichts mehr geht, muss der junge Kurde dem türkischen Hardliner-Vater die Tochter nach altem Brauch wegrauben. Kulturell ist die Entführung tradiert, Günay ist nun aber nicht mehr Türkentochter. Weiter. Wie ringt der schwule Kfz-Mechaniker dem türkischen Vater das Ja-Wort zur Partnerschaft mit seinem deutschen Freund ab? Und wie lange soll ein Türke warten, bis er keine Aufenthaltsgenehmigung mehr braucht? EU-Beitritt in zwanzig Jahren? Dreißig Jahren (Wahrsagerin)?

 

Fragen über Fragen. Die Väter werden respektiert, aber respektlos vorgeführt. Die Dialoge haben Witz. Multikulticlashs sind zum Schmunzeln da. „Evet, ich will!“ ist ein TV-Film, koproduziert von RBB und Arte. Wir können sicher sein, dass wir im Vordergrund bleiben. Wir kommen zum guten Ende zur Einsicht. Es lebe die Harmonie! Es lebe die allseitige Toleranz! Tränen des Glücks rinnen, wenn der harte Vater dann doch öffentlich einsichtig wird – per live-Schaltung zum Hörfunk. Und Tränen der Trauer, wenn fern in der Türkei der Opa dahinscheidet. Alle reichen sich jetzt die Hand – die Paare, die Generationen. Das Multikultimärchen erfreut alle. Es ist frech, ohne wehzutun. Es macht gute Laune. Es ist einzigartiges Leichtgewicht im Vergleich mit den niederschmetternden deutschen Problemfilmen, die alles nur noch schlimmer machen. Regisseur Sinan Akkus, ausgebildet auf Film- und Kunsthochschulen auf Kuba und in Kassel, bekam für „Evet, ich will!“, seinen ersten Spielfilm, Publikumspreise in Lünen und auf dem San Francisco Filmfestival Berlin and Beyond. Der Verleih zählt den Film zum Genre des Feelgoodmovie und der Liebeskomödie. Die FSK gab den Film ohne Altersbeschränkung frei, und die Filmbewertungsstelle Wiesbaden schätzt ihn als besonders wertvoll ein. Wie komm ich bei dieser Sachlage dazu, daran rumzukritteln, dass in Berlin an der Uni die Hörsäle so schwach besucht sind, dass es sich darin ungestört vögeln lässt? Wir sind doch nicht im Kino! Wohl aber im TV-Film.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 10/09

 

Evet, ich will!

Deutschland 2008 - Regie: Sinan Akkus - Darsteller: Eralp Uzun, Mickey Hardt, Tim Seyfi, Idil Üner, Oliver Korittke, Lale Yavas, Mürtüz Yolcu, Hülya Duyar - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 94 min. - Start: 1.10.2009

 

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