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Erinnerungen an Marnie

 


Außerhalb des Kreises

Hiromasa Yonebayashi erzählt in "Erinnerungen an Marnie" eine Coming-of-Age-Geschichte als Geisterfilm.

Es beginnt mit Bildern spielender Kinder, die wirken, wie zufällig entstandene Momentaufnahmen. Jungs, die eine wackelnde Holzbrücke überqueren. Mädchen, die im Sandkasten Burgen bauen. Es gibt einen unsichtbaren Kreis in der Welt, sagt eine Stimme dazu aus dem Off. Einige befinden sich im Inneren, andere bleiben draußen. Die das erkannt hat, ist Anna, eine brünette, kurzhaarige Zwölfjährige. Anna sitzt am Rand des Spielplatzes. Sie ist eine derjenigen, die außerhalb des Kreises bleiben. Und sie hat eine Methode gefunden, sich zu dieser Außenseiterschaft zu verhalten: Sie zeichnet diejenigen, die sich im Inneren befinden.

Eine wunderschöne Anfangsszene, mit einer unaufdringlich selbstreflexiven Pointe: Der Film, der auf diese Weise beginnt, ist selbst gezeichnet. Was auch heißt: Der Schwenk, der die spielenden Kinder mit der zeichnenden Anna verbindet, ist in echt gar kein Schwenk, sondern lediglich eine Folge distinkter, handbemalter frames. Es gibt, anders ausgedrückt, noch einen anderen, unsichtbaren Zeichner, von dem aus betrachtet Anna sich nicht außer-, sondern innerhalb des Kreises befindet.

"Erinnerungen an Marnie" beschreibt, auf der Plotebene recht treu der Vorlage, einem britischen Kinderbuchklassiker folgend, wie ein Mädchen lernt, sich als Teil der Welt, die sie umgibt, zu begreifen. Da nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Ziehmutter Annas Isolation bemerkt, wird sie aufs Land geschickt, zur Familie der Tante. Schon die Anfahrt, während der das Auto der Familie plötzlich ob der baufälligen Straße Probleme bekommt, die Spur zu halten, etabliert wie nebenbei eine ganze Welt. Die Tante stellt sich als eine gut genährte, fröhliche Frau heraus, deren schwungvolle Kurven nehmende Mimik in deutlichem Kontrast zu den stets mit dem Lineal gezogenen Gesichtszügen der Stadtmenschen steht. Die entscheidende Begegnung ist aber eine andere: In einem geheimnisvollen Haus über dem Meer entdeckt Anna erst ein Licht, und dann die blonden, lockigen Haare eines Mädchens.

Das wendet sich sogleich um, strahlt Anna mit offenem Lächeln ins Gesicht. Ab sofort lebt Anna nur noch für diese geheimnisvolle Fremde mit Namen Marnie - deren Realitätsgrad freilich von Anfang an prekär ist. Eine Coming-of-age-Geschichte als Geisterfilm… Und vielleicht nebenbei die Andeutung eines erwachenden lesbischen Begehrens? Nach den Diskussionen in zahlreichen Internetforen zu schließen, liegt es im Auge des Betrachters, ob die überaus zärtliche, aber in keiner Weise sexualisierte Beziehung der beiden Mädchen eine erotische Komponente enthält. (Ich würde sagen: ja klar, auf jeden Fall enthält sie die, Marnie ist für Anna nicht einfach nur eine emotionale Stütze, nicht nur jemand, der sie Geborgenheit fühlen läßt, sondern eine welterwärmende Kraft, das Zentrum ihres Universums).

Das legendäre japanische Studio Ghibli hat angekündigt, nach "Erinnerungen an Marnie" bis auf weiteres keine neuen Filme mehr produzieren zu wollen. Sollte es tatsächlich so weit kommen, wäre Hiromasa Yonebayashis zweite Regiearbeit ein schöner Abschiedsfilm: Kein Ende mit Knall, weil deutlich kleiner formatiert als die überbordenden Weltentwürfe des Studiogründers Hayao Miyazaki, eher ein sanftes, melancholisches, intimes Ausklingen. Ein Film, der über die gesamte Laufzeit ein einziges Gefühl moduliert. Die fantastischen Elemente der Geschichte, auch die etwas umständlich ausgewalzte, und doch zu Tränen rührende backstory Marnies, treten systematisch in den Hintergrund zugunsten der Subjektivität Annas: Nicht nur die Erzählung an sich, auch fast jede einzelne Szene ist aus Annas point of view entworfen, oft übernimmt der Film direkt ihre visuelle Perspektive.

Gelegentlich auftauchende Traumszenen und Erinnerungsbilder wirken fast schon unpassend in einem Film, der in der Lage ist, die Innerlichkeit seiner Hauptfigur deutlich eleganter und feinsinniger in Szene zu setzen. Durch einen plötzlichen Lichtwechsel zum Beispiel (bei einem Auftauchen Marnies, natürlich), durch die perspektivische Verzerrung eines finsteren Leuchtturms, oder durch die Isolierung kontingenter Wahrnehmungsdetails wie dem Zerschneiden einer Melone.

Will man den Verlust ermessen, den das Kino erleiden würde, sollten tatsächlich keine weiteren Ghibli-Filme produziert werden, muss man "Erinnerungen an Marnie" nur mit "Inside Out" vergleichen, einem Film der amerikanischen Pixar-Konkurrenz, der zuletzt ebenfalls die Innenwelt eines heranwachsenden Mädchens erkundete. Und der dabei durchaus einigen Spaß bereitet. Aber der jugendliches Bewusstsein und emotionalen Weltbezug eben doch nur positivistisch denken kann, im Sinne eines Verfügens über Ressourcen. Die weitaus zärtlichere Ghibli-Phänomenologie, die keinen strikten Unterschied macht zwischen Innen und Außen, die außerdem dem Leben gegenüber offener ist, weil sie auch Stillstellungen und Blockierungen zulässt, wird dem Kino, wird der Welt fehlen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

 

 
Erinnerungen an Marnie
(Omoide no Marnie) Alternativer Titel: When Marnie Was There - Japan 2014 - 103 Min. - Kinostart(D):12.11.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Hiromasa Yonebayashi - Drehbuch: Joan G. Robinson, Keiko Niwa, Masashi Ando, Hiromasa Yonebayashi - Produktion: Yoshiaki Nishimura, Toshio Suzuki - Musik: Takatsugu Muramatsu - Darsteller: Sara Takatsuki, Kasumi Arimura, Nanako Matsushima, Susumu Terajima, Toshie Negishi, Ryôko Moriyama, Kazuko Yoshiyuki, Hitomi Kuroki, Hiroyuki Morisaki, Yô Ôizumi, Takuma Otoo, Shigeyuki Totsugi, Ken Yasuda - Verleih: Universum Film GmbH

 

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