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Eraser 

Geliebte Aphrodite  

Schwarzenegger und Woody Allen zur Deckung gebracht – das schafft jedes Grafikprogramm – , dann hätten wir ihn, den definitiven US-Mann-Gott, der Schicksal spielt und allmächtige Kräfte einsetzt, eher physischer Art beim einen, psychischer beim andern. Vorläufig haben wir es jedoch noch mit zwei verschiedenen Filmen zu tun, mit »Eraser« (Schwarzenegger) und »Mighty Aphrodite« (Woody Allen), aber das göttliche Imponiergehabe ist identisch. Es geht jeweils um die attraktive, aber unvernünftige Frau, die belehrt und bewacht werden muß. Es braucht den Allmächtigen, um die FBI-Mitarbeiterin (Vanessa Williams in »Eraser«) ins Zeugenschutzprogramm und um die Porno-Queen (Mira Sorvino in »Mighty Aphrodite«) in die Mutterschaft zu schicken.

 

Unsere Doppel-Frau tut wie geheißen, denn es ist doch nur ihretwegen, daß der Mann ins Schwitzen kommt, zum Beispiel Schwarzenegger in der Schwulendisco; man sieht ihm die übernatürliche Anstrengung an, die es ihn kostet, eine lange Großaufnahme lang mit dem hübschen Tresenjungen zu flirten, denn auch er weiß, was alle wissen, daß das Mienenspiel nicht eben seine Stärke ist. Wie Woody Allen sich windet, wenn die Frau, um die er sich wortreich-intellektuell bemüht, sachlich-geschäftsmäßig vorschlägt, ihm ordentlich einen zu blasen – das können wir uns eher vorstellen. Aber geschwitzt hat auch er wie lange nicht. – Der Reihe nach. 

 

Schwarzenegger braucht einen Feind. Der sitzt in Europa, heißt Russenmafia und will auf der MS »Podeba« die allergrauenhafteste Superwaffe aus den USA verschiffen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als die neueste Gewehrentwicklung, was überraschen mag, aber mit dem amerikanischen Gun-Kult vollkompatibel ist. Da der Waffenhandel, gleichfalls überraschenderweise, illegal ist, muß Frauenbeschützer Schwarzenegger mit dem Gewehr schießen und manch aufregendes Abenteuer erleben. Ein Krokodil will ihn beißen, aber er hat einen Dolch im Koppel, auch weiß er ein Eisenbahnunglück herbeizuführen. – Was er verbal absondert, sind Sprechblasen; seine unbewegliche Mimik ist längst Kult, und die eher altmodischen Abenteuer haben in diesem Film einen Hauch von Nostalgie. Wir sind in der heilen Welt der Comics. Der klassische Tim ist wieder auferstanden; statt mit Struppi müssen wir allerdings mit Vanessa Williams vorliebnehmen. Tim Schwarzenegger ist unser Held, und er verdient liebevolle Nachsicht. Selbst wenn es unfreiwilliges Gelächter gibt, weil die Maske überzogen und der Stunt verschnitten ist, akzeptieren wir das, was in anderen Filmen ernüchternde Fehler wären, als die Karikatur, die jeder gute alte Comic ist. 

 

Woody Allen braucht keinen äußeren Feind. Nur dem tumben Zwiebelfarmer, an den er Mira Sorvino, die von ihm beschützte Frau, verkuppeln will, muß er erklären, wer die Bösen sind – auf Nachfrage. Dem als Vater ausersehenen Dumpfbauern preist er die Porno-Aktrice als Schauspielerin an, welche in »Schindlers Liste« gefilmt habe. Der Verkuppelte: »Das ist doch der Film mit den Juden, und wer waren gleich wieder die Bösen Allen: »Die Nazis.« Der Verständnistest: »Tough Motherfuckers.« – »Mighty Aphrodite«, die sich mit allem, was von der Political Correctness beherrscht wird, anlegt, braucht ebenfalls ihr angestammtes Europa. Ein Amphitheater am blauen Meer.

 

Sirtakiklänge definieren den Platz geographisch. Der griechische Chor, die Götter selbst kommentieren Allens Frauenbeschützerspiel im fernen New York; Verstöße ohne Ende gegen alles, was moralisch einwandfrei und korrekt ist. Unser Held braucht abgetakelte alte und neue Götter, reihenweise, um seine Omnipotenz zu sichern. Teiresias, der Betrüger, kann sehr wohl sehen. Kassandra ist nichts weiter als ‘n Partypooper. Zeus, um Hilfe angefleht, hat nur ein Band laufen, auf dem man sein Problem hinterlassen kann. Die Klagen des fernen Chores verwandeln sich langsam aber sicher in heimischen Jazz. Der kultivierte Allen-Gott hat das Abendland eingemeindet; so lustig wie im »Eraser«-Comic ist seine Welt daher nicht. 

 

Als deus-ex-machina wird, logisch, ein Hubschrauberpilot-in-der-Maschine eingeführt. »Ist das Leben nicht voller Ironie fragt da der Chorführer (der berühmte F. Murray Abraham) feinsinnig, um dann voll auf »Be Positive« zu sülzen: »Das Leben ist unglaublich, voller seltsamer Wendungen, einfach wunderbar!« Und siehe, von einer Dirne wird ein Kindlein geboren. Der Chor stimmt den good old song an: »When you’re smiling, the whole world smiles with you. But when you’re crying, you bring on the rain. Keep smiling – Smiley Allen, alter Frauenbeschützer, Du großer Gott, das war der Abgesang. 

 

Dietrich Kuhlbrodt 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 08/1996

Zu "Eraser" gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Zu "Geliebte Aphrodite" gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Eraser

ERASER

USA - 1995 - 114 min. – Scope - Verleih: Warner Bros., Warner Home - Erstaufführung: 22.8.1996/21.2.1997 Video/1.3.1998 premiere - Produktionsfirma: Warner Bros. - Produktion: Arnold Kopelson, Anne Kopelson

Regie: Charles Russell

Buch: Tony Puryear, Walon Green

Kamera: Adam Greenberg

Musik: Alan Silvestri

Schnitt: Michael Tronick

Darsteller:

Arnold Schwarzenegger (Eraser)

James Caan (Deguerin)

Vanessa Williams (Lee)

James Coburn (Beller)

Robert Pastorelli (Johnny C.)

 

Geliebte Aphrodite

MIGHTY APHRODITE

USA - 1995 - 95 min. - Verleih: Kinowelt, Arthaus - Erstaufführung: 15.8.1996/10.2.1997 Video - Produktionsfirma: Magnolia Pictures/Sweetland Films - Produktion: Robert Greenhut

Regie: Woody Allen

Buch: Woody Allen

Kamera: Carlo Di Palma

Musik: Dick Hyman

Schnitt: Susan E. Morse

Darsteller:

Woody Allen (Lenny Weinrib)

Helena Bonham Carter (Amanda Weinrib)

F. Murray Abraham (Chorleiter)

Mira Sorvino (Linda)

Michael Rapaport (Kevin)

Olympia Dukakis (Iocaste)

Jack Warden (Teiresias)

Peter Weller (Jerry Bender)

Steven Randazzo (Bud)

J. Smith Cameron (Buds Frau)

David Ogden Stiers (Laius)

Claire Bloom (Amandas Mutter)

Jimmy McQuaid (Max)

 

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