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The Equalizer


 

"Antoine Fuquas Actioner "The Equalizer" macht, dass wir uns noch einmal jung fühlen können.

Antoine Fuqua ist ein Actionspezialist mit Vorbildern aus der frühen Postklassik des Genres (Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre), die inzwischen selbst als klassisch gelten kann: formvollendet, in sich ruhend, sich selbst bedeutend. Sich selbst - und mich, den damals jungen Protagonisten erster Kinoerfahrungen. "The Equalizer" ist Fuquas neuester Actioner: Er hat mich sehr glücklich gemacht. 

Die Erzählprämisse von "The Equalizer" beruht auf einer Fernsehserie aus den 1980ern, die ich nicht gesehen habe. Viele Kritiken zum Film tun sich (wohl auch aus Unkenntnis) schwer, diese Vorlage ernst zu nehmen. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass sich von dieser Herkunft etwas mitteilt in der Leinwandfassung (hier die schöne Introsequenz zur Serie). Aber nicht nur in dieser Hinsicht ist der Equalizer ein Besucher aus einer anderen Zeit. Robert McCall heißt der "Ausgleicher" mit bürgerlichem Namen. Er ist ein soignierter Herr mit altersbedingt schon leicht verlangsamtem Gang und Betragen, tagsüber in einem Bostoner Baumarkt angestellt, abends im immer gleichen, sympathisch ranzigen Diner anzutreffen, wo er sich bei einer Tasse Tee (den Beutel hat er, sorgfältig in eine Serviette eingefaltet, selbst mitgebracht) durch die Weltliteraturausgabe seiner verstorbenen Frau liest - alles sprechende Titel: von Cervantes ("Don Quixote") bis Hemingway ("The Old Man and the Sea"). Denzel Washington gibt diesen Durchschnittsbürger in so exaltierter Manier, dass man sofort versteht: In der militärisch korrekt gefalteten Serviette verbergen sich ganz andere Intensitäten.

Als die junge Prostitutierte Alina (Chloë Grace Moretz als trauriges Kind), die jeden Abend in McCalls Diner Kuchen isst, mit ihrem russischen Zuhälter in Konflikt gerät, will McCall sie freikaufen. Weil das nicht gelingt, bringt er den Zuhälter kurzerhand um und ein gutes Dutzend durchtrainierter Wachleute gleich mit. Jetzt rücken ihm, wie es das Drehbuch eher vage umschreibt, "die Russen" auf die Pelle, psychopathisch inkarniert im Auftragskiller Teddy (Marton Csokas), dessen mit Gefängnistätowierungen übersäter nackter Rücken sich an einer Stelle (in einer bravourösen Überblendungsequenz) über die Bostoner Skyline spannt. So ist auch das moralische Universum beschaffen, das "The Equalizer" bewohnt. Wie der Film im Ganzen verstehen es beide Darsteller, ihre Eindimensionalität ästhetisch zu wenden: Csokas' böser Engel tritt gegen Denzel Washingtons leicht ins Süßliche glorifizierte Starimago an.

Ein zentraler Genuss, den "The Equalizer" bereitet, liegt im Wiedererinnern und Reaktivieren historischer Actionkinoaffekte. Dass Fuqua dieses Empfinden teilt und mit anderen teilen will, ist in der Erzählprämisse des Films allegorisch aufgehoben: McCall/Washington ist ein alternder Actionheld, der sich an vergangene moves wiedererinnern muss, damit er sich noch einmal jung fühlen kann. Damit wir uns noch einmal jung fühlen können.

Die erste Actionsequenz (gegen Alinas Zuhälter und seine Entourage) lässt auf sich warten. Bevor McCall loslegt, macht er sich mit dem Raum vertraut, in dem das Handgemenge sich abspielen wird. Seine Wahrnehmung setzt sich aus vielen, rasch wechselnden Einstellungen zusammen. Im Kampfgeschehen dann, in einer Kaskade von muscle memories, zerstreut sich auch seine Körper. Ein Fußtritt in die Leisten hier, ein Hieb mit dem Korkenzieher gegen den Unterkiefer des Kontrahenten da: Eine kinetische Skulptur entsteht - aus den Fragmenten von (oft krasser) Gewalt. In darauf folgenden Actionsetpieces wird McCall nach und nach wiederhergestellt - und mit ihm die (relative) räumliche Klarheit, die für die frühe Postklassik des Genres (z.B. die "Die Hard"-Trilogie) so zentral war. McCall wird, was er war; auch "The Equalizer" kommt zu sich, indem er zu einer früheren Phase des Actionkinos zurückkehrt: Der finale Showdown im Baumarkt ist ein perfektes Stück "Actionkammerspiel" (Drehli Robnik).

Nikolaus Perneczky

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

The Equalizer
USA 2014 - 131 Min. - Start: 09.10.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Antoine Fuqua - Drehbuch: Richard Wenk - Produktion: Todd Black, Jason Blumenthal, Tony Eldridge, Mace Neufeld, Alex Siskin, Michael Sloan, Steve Tisch, Denzel Washington, Richard Wenk - Kamera: Mauro Fiore - Schnitt: John Refoua - Musik: Harry Gregson-Williams - Darsteller: Chloë Grace Moretz, Denzel Washington, Haley Bennett, Marton Csokas, Melissa Leo, Robert Wahlberg, David Meunier, William Xifaras, Allen Maldonado, Debra Garrett, Owen Burke, Johnny Skourtis, Mike O'Dea, Frankie Imbergamo, D. Patrick Bowles - Verleih: Sony Pictures

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