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The Equalizer


 

Der gepflegte Mann

Denzel Washington spielt einen Superhelden ohne kindische Mythologien

Das Serienmodell, in dem ein einzelner, männlicher Held Woche für Woche Gutes tut, ist seit einigen Jahren aus der Mode gekommen. Das Fernsehen, zumindest was den internationalen Serienmarkt betrifft, befindet sich heute fest in der Hand von Antihelden mit ihren faszinierenden Obsessionen, ihren bösen Taten und ihrem Hang zur Selbstdestruktion. Wer den Mann in seiner althergebrachten, ikonografischen Rolle des Weltenretters bewundern möchte, muss heute eher ins Kino gehen, am besten gleich in einen Superheldenfilm.

Und obwohl Antoine Fuquas "The Equalizer" als Verfilmung einer Serie aus den 80er Jahren annonciert wird, steht er im heutigen Kontext dem Superheldengenre sehr viel näher als der Serienwelt. Womit vielleicht ein Geheimnis seines großen Erfolgs in den USA gelüftet wäre. "The Equalizer" zeigt den Mann als Übermenschen, ohne kindische Mythologien wie Kryptonit, Fledermausanzug oder Spinnengenetik bemühen zu müssen.

Denzel Washington spielt diesen Superhelden ohne geheimen Anzug im Schrank. Trotzdem führt sein Robert McCall das Leben eines wie aus der Welt Gefallenen: ein allein lebender Mann, dessen Alltag fest durchritualisiert zu sein scheint, der seine Wohnung sauber und seine Ernährung gesund hält, der Tag für Tag pünktlich zur Arbeit in einem Baumarkt geht und dort mit gezielter Aufmerksamkeit ein paar seiner Mitarbeiter aufmuntert. Nachts aber plagt ihn die Schlaflosigkeit, und so zieht er, einzig bewaffnet mit einem Stück guter Literatur ("Der alte Mann und das Meer") in ein Nachtcafé und lässt sich dort heißes Wasser für seinen mitgebrachten Teebeutel reichen. Sein außerweltliches Benehmen – Lesen in gedruckten Büchern – fällt einer jungen Prostituierten namens Teri (Chloë Grace Moretz) auf. Bald schon entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden.

Washingtons väterlicher Held raubt der Annäherung durch einseitige Ratschläge über Ernährung und Lektüre schnell jeden Geschmack von Flirt und Sexiness. Was seinem Engagement später, als Teri von einem Freier fast totgeprügelt in einem Krankenhaus landet, den nötigen Flair der Uneigennützigkeit verleiht. Dieser Held handelt nicht aus konkreter Zuneigung zu einem bestimmten Menschen heraus, nein, seine Motivation kommt aus abstrakter Liebe zu Gerechtigkeit und Underdogs. So geradlinig wie sein Held ist auch die Handlung des Films angelegt: Washingtons Figur begibt sich in die Höhle des Löwen, in diesem Fall eine abgedunkelte Bösewichtherberge, deren zwischen Billardkneipe und Versailles’schem Spiegelsaal angelegte Ausstattung auch gleich die Aufschrift „Russenmafia“ tragen könnte.

Als der reformierte Mann, der er zu sein vorgibt, macht McCall einen Vorschlag in Frieden: Er will Teri mit einem Bündel Dollars aus den Diensten ihrer Zuhälter loskaufen. Das Angebot wird abgelehnt, woraufhin McCall auf seine Weise reinen Tisch macht. Letzteres wird der running gag des Films. Da die Russenmafia krakengleich wieder und wieder Köpfe schickt, die es auf McCall abgesehen haben, muss er herkulesgleich wieder und wieder mit seiner Erfindungskunst zurückschlagen.

Ohne dass es je ausgesprochen würde, begreift der Zuschauer, dass dieser McCall ein Mann mit Vorgeschichte ist. Wer sich so gut darauf versteht, sämtliche Utensilien eines Baumarkts binnen Sekunden in effektive Mordinstrumente umzuwandeln, muss gute Lehrer gehabt haben. Eigentlich kommt nur die CIA in Frage, da kann McCalls Russencounterpart Teddy (Marton Csokas) noch so diabolisch schauen. Für das düstere, traumatische Element dieser angedeuteten Vergangenheit aber scheinen sich weder Fuqua noch sein Held Washington sonderlich zu interessieren.

So bleibt "The Equalizer" mit fast spitzbübischer Freude konzentriert auf seinen Protagonisten, der hier fleißiger und weniger von Gewissensbissen geplagt als selbst James Bond den Bösen den Garaus macht.

Barbara Schweizerhof

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der freitag

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

The Equalizer
USA 2014 - 131 Min. - Start: 09.10.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Antoine Fuqua - Drehbuch: Richard Wenk - Produktion: Todd Black, Jason Blumenthal, Tony Eldridge, Mace Neufeld, Alex Siskin, Michael Sloan, Steve Tisch, Denzel Washington, Richard Wenk - Kamera: Mauro Fiore - Schnitt: John Refoua - Musik: Harry Gregson-Williams - Darsteller: Chloë Grace Moretz, Denzel Washington, Haley Bennett, Marton Csokas, Melissa Leo, Robert Wahlberg, David Meunier, William Xifaras, Allen Maldonado, Debra Garrett, Owen Burke, Johnny Skourtis, Mike O'Dea, Frankie Imbergamo, D. Patrick Bowles - Verleih: Sony Pictures

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