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The End of Time

 

 


Peter Mettlers essayistischer Dokumentarfilm "The End of Time" belohnt eine eher entspannte Rezeptionshaltung.

Man sollte den Film im Kino sehen. Da verliert man wenigstens ein wenig die Herrschaft über die eigene Lebenszeit, vertraut sie, wenn auch zu vorher ausgehandelten Bedingungen, einem Anderen an, dem Film. Und obwohl es nicht ganz einfach ist, herauszufinden, was das genau für eine Zeit ist, für die sich Peter Mettlers dokumentarischer Essay "The End of Time" interessiert, so ist doch klar, welche Art von Zeit den Film überhaupt nicht interessiert: Die durchgetaktete, nach (Schweige-)Minuten, (Schul-)Stunden, (Arbeits-)Tagen und (Goethe-)Jahren bemessene, jene Zeit, die einem unter den Fingern verrinnt, weil sie nicht mehr ist, als ein (im besten Fall offenes) Zeitfenster im Kalender.

Doch noch einmal: Was sind das für Arten von Zeit, für die sich der Film statt dessen interessiert? Man kann sie höchstens nacheinander aufzählen. Zum Beispiel gibt es die naturwissenschaftliche Zeit, der in ihren Grenzbereichen von Wissenschaftlern mit gewaltigen Gerätschaften auf den Leib gerückt wird. Mettlers Kamera taucht ein in ein monströs anmutendes Labor, das auch ein James-Bond-Bösewicht aus den Siebzigern hätte entwerfen können, scheint in dessen engen Gängen gelegentlich die Fassung zu verlieren, schwenkt wild herum, wie als würde sie sich von den Gedankenexperimenten erfassen lassen wollen, die hier materielle Gestalt annehmen. Der Film hört den Wissenschaftlern zu, ohne viel von dem, was sie sagen, zu verstehen zu scheinen, nähert sich, so gut er kann, dem Teilchenbeschleuniger, der Urknallbedingungen (oder etwas in der Art) simulieren soll, am Ende kann Mettler aber doch nur eine bunt-abstrakte Computergrafik zeigen: zwei Lichtpunkte, die aufeinander zugleiten und dann feuerwerksartig explodieren.

Schon da stößt das repräsentationale Regime des Kinos an seine Grenzen. Erst recht tut es das, wenn sich der Film den "menschlichen Aspekten der Zeit" zuwendet; nicht ist damit, wie gesagt, die Alltagserfahrung mit der gar nicht mehr wahrgenommenen Zeit gemeint, jener Zeit, die selbst nach Feierabend nicht genossen, sondern vertrieben wird, auch nicht die historische Zeit, die aus der menschlichen Gemeinschaft heraus entsteht. Sondern eine höchstpersönliche, idiosynkratische Zeit, die in den Zeitbildern aufscheint, die man sich selbst macht, wenn man zum Beispiel alleine auf einer einsamen Indel lebt oder sich esoterischen Meditationstechniken hingibt; erst ganz am Ende auch: die autobiografische Zeit des Regisseurs. Ein Film ist das jedenfalls, der sich eher für die Extreme als für die Norm interessiert, für das Ende und den Anfang der Zeit, nicht für deren banale Mitte.

Nicht immer ist Mettler dabei kitsch-, schon gar nicht bullshitresistent. Schön an "The End of Time" ist hingegen, dass der Film einerseits das brav Dokumentarische ganz und gar hinter sich lässt, andererseits aber auch nicht krampfhaft nach besonders smarten visuellen Metaphern sucht, sondern zunächst einmal nur interessante (Zeit-)Bilder, die sich nicht gleich irgendwelchen Begriffen ergeben müssen, sammelt. (Viele dieser Bilder sind, nebenbei bemerkt, Wetterphänomene, was durchaus naheliegend scheint: Vielleicht kann man tatsächlich gerade in der Beobachtung des Wetters, der Koexistenz mit dem Wetter auch im Alltag ganz unmetaphorische Begegnungen mit der "Zeit an sich" machen). Genauso sammelt Mettler Sätze über die Zeit, die auf der Tonspur gleichrangig neben seine eigenen, eher spärlichen Kommentare und neben flächig-sphärische Klangwelten treten. Die Verknüpfung der Bilder untereinander und mit den Sätzen und Tönen funktioniert nicht systematisch, sondern assoziativ, fließend.

Funktioniert das im Ganzen? Vermutlich nur, wenn man zugesteht, dass auch Langeweile gelegentlich eine lohnende Zeiterfahrung darstellt. Andererseits: Man kann in den Film aus- und wieder einsteigen, ohne, dass er das einem übel nimmt. Schon das alleine ist angenehm. Wenn man den richtigen, nämlich einen eher entspannten Zugang findet, kann man mit "The End of Time" eine verdammt gute Zeit haben.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 

The End of Time

Schweiz, Kanada 2012 - 109 Minuten - Start(D): 09.05.2013 FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Peter Mettler - Produktion: Gerry Flahive, Brigitte Hofer, Cornelia Seitler, Ingrid Veninger - Kamera: Camille Budin, Peter Mettler, Nick de Pencier - Schnitt: Peter Mettler, Roland Schlimme - Musik: Gabriel Scotti, Vincent Hänni- Darsteller: Richie Hawtin, Peter Mettler

 

 

 

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