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Ende der Schonzeit

Ein weiter Blick auf sonnenverdorrte Hügel in leerer Landschaft. Ein Bus taucht am Horizont auf. Drin sitzt ein junger Deutscher, der nicht recht zu dem Rest der Reisenden, allesamt Bewohner eines Kibbuz, passen mag.  Seine verkrampften Gelenke strahlen Unsicherheit aus, die Situation ist ihm unangenehm, schließlich ist es sein „Erzeuger“, wie er distanziert sagt, den er zwischen Kühen und Misthaufen zum ersten Mal trifft. Die Körpersprache seines Gegenübers ist nicht weniger abweisend. Es dauert eine Weile, bis der wortkarge Mann in einer langen Rückblende zu erzählen beginnt, von seinen Rettern im Schwarzwald, die ihn doch noch kurz vor Kriegsende an die örtlichen Behörden denunziert haben.

Ein konventioneller Prolog, der aber, sobald die Vergangenheit des Mannes aufgerollt wird, in ein hoch konzentriertes Kammerspiel entführt, das mit bravouröser Schauspielkunst, allen voran die wunderbare Brigitte Hobmeier, in Atem hält. Der Auschwitz-Überlebende und spätere Israeli versucht 1942, den Rhein zu überqueren, um in der neutralen Schweiz Zuflucht zu finden. Zu dieser Zeit heißt er noch Albert, ist Sohn eines Juweliers und durch die herrschenden Rassengesetze verhinderter Akademiker. Als er sich vor zwei Soldaten versteckt, die ihn auf der Straße hätten anhalten können, trifft er mitten im Wald auf einen wildernden Einheimischen. Der grobschlächtige Bauer durchschaut seine Notsituation und bietet ihm einen Unterschlupf an, unter der Bedingung, dass er ihm auf dem abgelegenen Hof zur Hand geht und seine Frau „befruchtet“: Der erhoffte Nachwuchs stellt sich wegen der Impotenz des Bauern bereits seit zehn Jahren nicht ein, weswegen das Gehöft mangels eines Stammhalters verloren zu gehen droht. Längst muss er sich am Stammtisch spöttische Bemerkungen gefallen lassen, vor allem von einem aufdringlichen Nazi-Freund, der sich in seine Frau verguckt hat und immer häufiger unangemeldet in ihrem Haus auftaucht.

Die ist wenig begeistert von dem lieblos pragmatischen Arrangement, sich von einem zum Zuchtbullen degradierten Juden schwängern zu lassen. Obwohl sie nicht frei von antisemitischen Vorurteilen ist, willigt sie schließlich ein, um endlich das Gerede im Dorf zu beenden. Konfrontiert mit einem überraschend zärtlichen Liebhaber, der ihre sexuellen Bedürfnisse nicht verkümmern lässt, genießt sie indes bald die Treffen, obwohl der Gatte hinter der Tür den vollzogenen Beischlaf bewacht. Irgendwann kommen sogar Gefühle mit ins Spiel. Immerhin bietet ihr der belesene Stadtmensch eine Gegenwelt an, die sie dazu animiert, das Radio für klassische Musik einzuschalten, ihr Äußeres zu verändern und ihm bei der Dorflehrerin Bücher zu besorgen. Eine fatale Verliebtheit, die nicht auf Gegenseitigkeit beruht und in ihrer emanzipatorischen Stoßrichtung an Madame Bovary erinnert. Oder an die Heldin aus Jane Campions „Das Piano“ (fd 30 374), die sich dank eines heimlichen Sex-Tauschgeschäfts mit einem Nachbarn von ihrer ungewollten Zwangsheirat befreite. Getaucht in matte Grün- und Gelbtöne, entspinnt sich innerhalb des isolierten Dreiecks ein von Angst, Aggression, Eifersucht und Sehnsucht nach einem anderen Leben bestimmtes Machtspiel, dem das schwächste Glied zum Opfer fällt.

Regisseurin Franziska Schlotterer (geb. 1972), hat bisher Erfahrungen im Dokumentarfilm und beim Drehbuch gesammelt. In ihrem Spielfilmdebüt stellt sie ihr inszenatorisches Können unter Beweis, in einem Melodram, das die Verortung in der deutschen Geschichte nicht scheut und Fragen nach der weit verbreiteten Mitwisserschaft um die Judenverfolgung im nächsten Umfeld stellt. Im Gegensatz zu Jan Hrebejks Tragikomödie „Wir müssen zusammenhalten“ (fd 35 320), deren Hauptstrang sich ebenfalls um ein kinderloses Ehepaar drehte, dem ein in ihrer Wohnung verstecker Jude bei der Zeugung aushalf, verzichtet Schlotterer gänzlich auf kurze Momente des heiteren Vergessens. Sie erzählt klar und ökonomisch, ohne atmosphärische Inseln und mit strengem Fokus auf die Figuren. Das aus Ermangelung an Alternativen in einer längst gescheiterten Beziehung verbleibende Bauernpaar weiß sehr realistisch die Lebensgefahr einzuschätzen, in der sich ihr unfreiwilliger Mitbewohner befindet. Als er nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager ausgemergelt zurückkehrt, um sein Kind zu sehen, ist der Schrecken und die Schuld tief in ihre Gesichter eingeschrieben, was sie nicht daran hindert, erneut ihre eigenen Interessen durchsetzen zu wollen. Ein großartig gespieltes, berührendes Finale, das Seltenheitswert hat, deutet es doch die ganze Skala ambivalenter Verstrickungen einer Generation an, die von der Möglichkeit der Hilfeleistung überwiegend nichts wissen wollte und die Gegenbeispiele wie Oskar Schindler oder Lilly Wust („Aimée & Jaguar“) lange verschwieg.

 Alexandra Wach

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: FILM-DIENST 4/2013

 

Ende der Schonzeit
Deutschland/Israel, 2012 - Produktion: Eikon Südwest/Laila Films/SWR - Produzent: Philipp Homberg, Christian Drewing - Regie: Franziska Schlotterer - Buch: Franziska Schlotterer, Gwendolyn Bellmann - Kamera: Bernd Fischer - Musik: Ari Benjamin Meyers - Schnitt: Karl Riedl - Darsteller: Brigitte Hobmeier (Emma), Hans-Jochen Wagner (Fritz), Christian Friedel (Albert), Thomas Loibl (Walter), Rami Heuberger (Avi), Max Mauff (Bruno), Michaela Eshet (Ruth), Ayala Meidan (Tami), Mike Maas (Ernst), Wolfgang Packhäuser (Hans), Stela M. Katix Prislin () - Länge:100 (24 B./sec.)/98 (25 B./sec.) Minuten - FSK: ab 12; f - Verleih: farbfilm- Start (D): 14.02.2013

 

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