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Elysium

 

 


Teuer gestaltetes Elend

 

Neill Blomkamp verlegt in "Elysium" Beverly Hills in den Himmel, während Matt Damon auf der Erde schuften muss.

Die Bewerbung Richtung Hollywood, als die ich Neill Blomkamps Überraschungshit "District 9" vor knapp 4 Jahren an dieser Stelle deutete, ist offensichtlich angekommen: Mittlerweile dreht der südafrikanische Regisseur im Tentpole-Segment der aktuellen US-Filmproduktion und genießt einen zuvor kaum denkbaren Zugriff auf Stars wie Matt Damon und Jodie Foster, die er als Antipoden ins Bild setzt: Hienieden Damons eigens auf bullig getrimmter Streetfighter-Körper in der Rolle eines zur ewigen Subalternität verdammten Arbeiters im totalverslumten Los Angeles des 22. Jahrhunderts - sehr augenfällig droben, am Himmel, Jodie Foster als aasig-kultivierte Sicherheitschefin von Elysium, einer gated community, die sich vollends aus ihrer sozialen Eingebettetheit gelöst und über den Wolken eine Kolonie des Wohlstands mit gepflegten Gärten, erstklassiger medizinischer Betreuung und einem bestens geregelten Klima bezogen hat. Beverly Hills ist jetzt eine Raumstation, während die nach einer ökologischen Katastrophe kaum mehr bewohnbare Erde in Schmutz und Rohheit versinkt, von einer Armada - mit Verlaub - richtig geil animierter Cop-Robots und einer vollautomatisierten Verwaltung eher weniger rechtsstaatlich moderiert.

Was sich in "District 9" bereits zeigte, erweist sich hier neuerlich als gültig: Blomkamp ist ein Meister des dystopischen World Buildings - den Moloch eines flächendeckend pauperisierten urbanen Settings (kurios: auch in 140 Jahren bildet DubStep den Sound der Straße) setzt derzeit kein zweiter mit so einem Gespür für teuer gestaltetes Elend ins Bild. Viel erzählt sich in "Elysium" alleine schon durch den lebensweltlichen Kontrast einer faszinierend rohen, ihre Bewohner auf blanke Kreatürlichkeit zurückwerfenden Welt zur Apple-glatten Elysiumwelt, in der noch schlimmste Gebrechen durch Knopfdruck zu regeln sind. Aus diesem ganz buchstäblich in einen kosmonautischen Vektor übersetzten Wohlstandsgefälle erwächst die am Ende ganz allgemeine Konfliktlinie dieses Films: Flüchtlingsraumschiffe von der Erde versuchen verzweifelt ins Paradies zu gelangen und schließlich dreht sich alles um die Frage, wie Wohlstand gesellschaftlich zu organisieren, also zu verteilen ist: Krankenkasse statt Abfall für alle - Matt Damon, Hollywoods knuffigster Wohlfühl-Sozialist, dürfte bei der finalen Message wohl einiges mitgeredet haben.

Matt Damons Körper bildet die unmittelbare Verhandlungszone dieses Konflikts: Bei der Fabrikarbeit - er baut an den Cop-Robots mit, die ihn im Alltag gängeln - lebensgefährlich verstrahlt, bleiben ihm bei ständig tickender Uhr nur die - für ihn unzugänglichen - Heiltechniken auf Elysium. Zeit fürs Body-Upgrade: Schmierige Datendiebe - Subtextforscher rufen: Prism! - rüsten Damon mittels Exoskelett-Applikation auf hygienisch zweifelhafte Weise zum Cyborg und wandelnden USB-Stick auf, dem nach erfolgreichem Einsatz auf Leben und Tod ein Ticket ins himmlische Wohlstandsparadies winkt: Maschinenstütze für den Muskelkörper im Moment seines biologischen Siechgangs.

Doch ähnlich wie "District 9" ist auch "Elysium" lange Zeit zwar faszinierend anzusehen, um dann aber aus dem Ruder zu laufen. In die toll vermüllte Welt von "District 9" fuhr der Action-Beelzebub, in "Elysium" ist es der Virus der Story Gravity, unter dem der aktuelle Blockbuster zu leiden hat (erhellend dazu dieses Gespräch mit Damon Lindelof im New York Magazine): In "Elysium" kann man schon fast dabei zusehen, wie auf eine im Kern überschaubar gedachte Geschichte nach und nach immer noch mehr schweres Fleisch aufgetragen wird - bis am Ende einmal mehr die Welt zu retten gewesen ist, die in diesen Monaten wie nichts zweites im Ganzen unter Beschuss steht, und Exo-Skelett Matt Damon unter all der Last nurmehr der Zusammenbruch bleibt.

Das ist, einmal mehr, schade um Blomkamps Kernkompetenz. Was man sich nach einem Brummer wie "Elysium" dringend wünscht: Dass der Mann die Rolle des (ohnehin recht dürftigen) Politkommentators für einmal ablegt und einen - gerne ein, zwei Klassen tiefer angesiedelten - atmosphärisch dichten, dystopischen Film dreht, der sich ganz auf Textur und Grimmigkeit konzentriert.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen imr: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 
Elysium
USA 2013 - 110 min.
Regie: Neill Blomkamp - Drehbuch: Neill Blomkamp - Produktion: Simon Kinberg - Kamera: Trent Opaloch - Schnitt: Julian Clarke - Verleih: Sony - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Matt Damon, Jodie Foster, William Fichtner, Sharlto Copley, Alice Braga, Talisa Soto, Michael Shanks, Faran Tahir, Diego Luna, Carly Pope, Ona Grauer, Jose Pablo Cantillo, Wagner Moura, Terry Chen, Jared Keeso
Kinostart (D): 15.08.2013

 

 

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