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Elly ...

 

Hochzeitsanbahnungsvorbereitungen auf dem Lande. Ein Ausflug. Ehepaare mit Kindern, plus zwei Singles. Der Mann ist nur für eine gute Woche aus Deutschland zu Besuch und geschieden. Die Frau heißt Elly, ist Kindergärtnerin, eigentlich kennt sie keiner. Nicht einmal ihren ganzen Namen wissen sie. Was genau sich alle dabei denken, wissen wir nicht, der Film wirft uns erst einmal hinein in diese Situation. Alles ist erst einmal ganz alltäglich. Sepide, eine der verheirateten Frauen, hat die Hauptrolle der wohlmeinenden Intrigantin inne. Sie hat das alles eingefädelt, Elly unter einem Vorwand mit eingeladen und will sie in Wahrheit verkuppeln. Auch sonst kennt Sepide nichts, wenn es darum geht, den eigenen Wünschen auf die Sprünge zu helfen. Als sich herausstellt, dass die gemietete Villa nicht für die geplanten drei Nächte frei ist, erzählt sie der Vermieterin, dass Elly und Ahmed das bereits sind, was sie, wenn der Plan aufgeht, erst werden sollen: ein Ehepaar auf Hochzeitsreise. Da werden die Vermieter weich und stellen ein heruntergekommenes Strandhaus zur Verfügung.

Man richtet sich häuslich ein für entspannte Tage. Der Boiler wird eingebaut und funktioniert, die Löcher in den Fenstern werden abgedichtet, abends spielt man zur Unterhaltung Scharaden. Elly, die, erfahren wir, nicht weiß, was Sepide da im Schilde führt, und Ahmed, der, erfahren wir, weiß, worum es geht, kommen sich näher, im Auto. Alles macht bis dahin einen ganz alltäglichen Eindruck, die Kamera gibt sich, oft aus der Hand geführt, wie der flotte Schnitt kolloquial, Musik gibt es nicht. In diese Beobachtung einer freundlichen Gemeinschaft setzt Asghar Farhadi mit einem Knall ein Ereignis, das die ganze Situation neu konfiguriert. Erst ertrinkt um ein Haar eines der Kinder - und dann stellt sich heraus: Elly ist verschwunden. Alle befürchten, sie könnte ertrunken sein; man sucht, aber ihr Körper taucht nicht auf.

Regisseur Asghar Farhadi hat sich nicht nur im Film, sondern auch als Mann des Theaters im Iran einen Namen gemacht. Wie ein Theaterstück funktioniert in der Tat "About Elly". Nicht zuletzt in der informationspolitischen Cleverness, mit der nach und nach Dinge enthüllt werden, die manches doch in einem anderen Licht erscheinen lassen, als es zuvor erschien. Beinahe bleibt die Einheit von Raum, Zeit und Handlung gewahrt. Und Farhadi hat mit seiner Gemeinschaftsaufstellung, in der er mal gewaltsam, mal behutsam Menschen und Dinge und Verhältnisse verschiebt und wendet und dreht, durchaus immer auch die Gesellschaft als ganze im Blick. Moralvorstellungen werden auf die Probe gestellt, latente Feindschaften brechen auf, Religion ist im Spiel, aber nur am Rande. (Ganz genau beurteilen können wird man dieses und jenes nur mit sehr guter Kenntnis der iranischen Gesellschaft; einfach so aufs Allgemeinmenschliche will der Film nicht hinaus.)

Dennoch. Mehr als ein "well made play" ist das nicht. Das Verschwinden und Verschwundenbleiben von Elly fungiert dramaturgisch als Spannungseffekt, aber auf Dauer nimmt man gerade diesen gekonnten Einsatz der Mittel doch etwas übel. Zumal sich das Karussell der aufbrechenden Konflikte und Leidenschaften doch insgesamt eher gemächlich dreht. Und am Ende, wenn die Mittel erschöpft sind, ist man's als Zuschauer auch.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Elly ...
OT: Darbareye Elly
Iran/Frankreich 2009 - 119 min.
Regie: Asghar Farhadi - Drehbuch: Asghar Farhadi - Produktion: Asghar Farhadi, Simaye Mehr, Mahmoud Razavi - Kamera: Hossein Djafarian - Schnitt: Haydeh Safi-Yari - Musik: Andrea Bauer - Verleih: Fugu - Besetzung: Taraneh Alidousti, Golshifteh Farahani, Mani Haghighi, Shahab Hosseini, Merila Zarei, Peyman Moadi, Rana Azadivar
Kinostart (D): 06.01.2011

 

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