zur startseite

zum archiv

El baño del Papa - Das große Geschäft

Seid bitte böse!

 

In "El baño del Papa - Das große Geschäft" kommt der Papst nach Uruguay und bringt nicht, was die Bewohner des Städtchens Melo sich erhoffen.

 

Der Papst kommt, es ist Johannes Paul II., es ist das Jahr 1988, ins uruguayische Städtchen Melo, das im Nordosten des Landes, an der Grenze zu Brasilien liegt. Die Bewohner des Orts sind in gespannter Erwartung, weniger aus Frömmigkeit, mehr der Hoffnung wegen, dass die schlecht gehenden Geschäfte durch den Besuch des Papstes und die damit verbundenen Besucherscharen einen Aufschwung erleben.

 

Uns zu zeigen, wie mühselig die Geschäfte gehen, ist erst einmal der Ehrgeiz des Films. Wir sehen, wie Beto (Cesar Troncoso), die Hauptfigur, allerlei Waren über die Grenze von Brasilien nach Uruguay schmuggelt. Er und seine Freunde fahren durch die Steppe, vermeiden die offiziellen Grenzübergänge und werden doch immer wieder von der mobilen Ein-Mann-Zolleinheit gestoppt. Und zwar fahren sie mit dem Fahrrad über die Grenze, was uns die Kamera, um ausgefallene Positionen und Bewegungen nicht verlegen, ausführlich zeigt. Geführt hat die Kamera Cesar Charlone, der Mann, der schon im international viel beachteten Favela-Arthouse-Reißer "City of God" immerzu viel zu viel des Guten tat. (Dessen Regisseur Fernando Meirelles hat hier auch koproduziert.)

 

So konfrontiert also "El baño del Papa" (wörtlich: "Das Papstklo" - der deutsche Titelzusatz "Das große Geschäft" trifft die Abort-Sache hervorragend) die Mühsal der kleinen Leute mit dem Großereignis des Papstbesuchs. Es treffen in ihm zugleich, auf ästhetischer Ebene, eine kleine, realistisch gemeinte Alltagsgeschichte und ambitioniertes Weltkino-Kameraniveau aufeinander. Aufwand und Ertrag geraten im einen wie im anderen Fall in beträchtliche Missverhältnisse. Die Kurzgeschichtenidee vom Klo, das der arme Beto baut, um vom Papstbesuch zu profitieren, trägt nicht über neunzig Minuten. Da helfen dann auch die Studienwünsche der Tochter, die Härten des Schmuggellebens und die Andeutung eines sozialem Umfelds nicht. Erst recht nicht hilft die mit Musik und Bewegung und Gegenlicht aufgemotzte Dauerradfahrerei.

 

Gewiss, dieser Film blickt mit Sympathie und dem, was man gerne Wärme nennt, auf seine Figuren. Für voll nimmt er sie dennoch so wenig wie uns, die er uns ständig mit Nettigkeiten umschmeichelt. Verglichen mit dem Allen-Film [Vicky Cristina Barcelona die Redaktion der filmzentrale] ist "El bano del Papa" fraglos der bessere Mensch. Als Film aber macht gerade das ihn nicht nur uninteressanter, sondern auch verlogener. Sein Humanismus ist kameratechnisch aufgebohrt. Das Mitgefühl, das er uns abnötigen will, bleibt immer gratis. Die uruguayische Wirklichkeit, nach allen Regeln der Arthouse-Kleinkunst geschichtenförmig und nett und goutierbar gemacht: So interessiert sie uns nicht. Schlagt uns das nächste Mal besser vor den Kopf. Gebt uns eine Chance, die Leute und das, was sie tun, nicht zu mögen. Tut was, das uns mit Absicht nervt und langweilt und euch weniger konsumierbar macht. Reine Nettigkeit ist in der Kunst, nicht im Leben, bloß läppisch. Seid bitte böse!

 

Ekkehard Knörer

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 3.12.2008 in: www.perlentaucher.de

 

 

El baño del Papa - Das große Geschäft

Uruguay 2007 - Regie: Enrique Fernández, César Charlone - Darsteller: César Troncoso, Virginia Méndez, Virginia Ruiz, Nelson Lence, Alex Silva, Baltasar Burgos, Mario Silva, José Arce - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 82 min. - Start: 4.12.2008 

 

zur startseite

zum archiv