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Eisenstein in Guanajuato

 

 

 

Clown in Mexiko

Über ein verlorenes Kunstwerk und ein gefundenes Leben.

Was für eine Sehnsucht nach allem Verschollenen, Verlorenen und Vergrabenen uns doch umtreibt. Als wäre nur in den Ritzen und Höhlen unserer Kulturgeschichte Wahrheit noch zu finden. Nicht in der Biografie, sondern in dem, was sie verbirgt! Sergej Eisensteins mexikanisches Abenteuer ist dafür eine wahre Fundgrube. Der Regisseur, der die großen russischen Revolutionsfilme gemacht hat und mit "Panzerkreuzer Potemkin", "Oktober" und "Streik" dafür sorgte, dass die Revolution auf immer cinematografisch und die Cinematografie auf immer revolutionär sein würde, verschwand für eine Zeit in diesem heißen Land, um mit der finanziellen Unterstützung des Schriftstellers Upton Sinclair einen Film mit dem Titel "¡Que viva Mexico!" zu drehen. Vorher hatte er die USA bereist, hatte Chaplin und die Gish-Schwestern kennengelernt und die zähe Macht der konservativen Mehrheit, die einen unsichtbaren Ring um die Traumfabrik gegen das Eindringen des damals noch gut gelaunten Filmbolschewisten gezogen hatte. Nun aber war er in Mexiko, mit seinem Kameramann Eduard Kasimirowitsch Tisse und seinem Schauspieler Grigori Aleksándrov, und wollte einen Film drehen, der mehr noch als seine russischen Arbeiten die Revolution auf ihren Urgrund hin untersuchen sollte. Geschichten aus dem Volk, die zu einer Geschichte des Volkes werden; Bilder von Körpern, die zu einem Bild der Gesellschaft werden.

Am Anfang von Peter Greenaways Film "Eisenstein in Guanajuato" fährt Eisenstein – in einer wunderbaren Mischung aus Harlekin, Philosoph und Kind von Elmer Bäck gespielt – in einer kleinen Kolonne von luxuriösen Automobilen durch das staubige Land. Eine Fliege begleitet ihn, vielleicht eine von denen, die für die Maden in "Panzerkreuzer Potemkin" verantwortlich waren. Eine russische Fliege, die man so leicht nicht loswird. Zuerst ist alles großer Auftritt, gelebte Kunst. Eisenstein wird hofiert und bewacht, aber er kann sich nicht einmal einen zweiten Anzug leisten. Er ist berauscht und heimwehkrank zugleich. Am Ende, so viel ist sicher, wird er nicht mehr derselbe sein. Und auf seine Filme, die vom Leben durch die Revolution zeugen, werden solche folgen, die man wie "Iwan der Schreckliche" oder "Alexander Newsky" auch als Todes- und Untergangsfilme sehen kann.

Eisenstein wollte den Film, der die Welt erschüttert, wurde aber selbst erschüttert

Es wurde eine lange Reise, und es wurde viel, sehr viel Material belichtet. Aber es entstand kein Film. 1932 verlor Sinclair das Vertrauen in den Regisseur und stellte die Zahlungen ein. Zur gleichen Zeit verlangte das stalinistische Russland die Rückkehr des berühmten Regisseurs, dem man schon Tendenzen zur Desertion unterstellte. Als er schließlich zurück war, zeigte sich die Sowjetunion indes nicht interessiert am Ankauf des Materials. Der Film, den der Produzent Sol Lesser dann unter dem Titel "Thunder over Mexico" herausbrachte, um wenigstens die Verluste in Grenzen zu halten, hatte mit Eisensteins Ideen nichts mehr zu tun. Spätere, respektvollere Rekonstruktionsversuche konnten nur eine Ahnung davon vermitteln, was "¡Que Viva Mexico!" hätte werden können. Ein Film, der die Welt erschüttert hätte, vielleicht; so aber wurde nur Eisenstein erschüttert, wie er es in Greenaways Film selber sarkastisch ausdrückt.

Was passierte in Mexiko? Der Film träumt es sich so: Da kommt ein Russe, ein Künstler, ein Clown, in eine Welt, die man sich unrussischer nicht vorstellen kann. Russland ist die Welt, die den Tod verdrängt, und Mexiko ist die Welt, die ihm freudig begegnet. Mexiko ist das Land, in dem sich Eisenstein zu seiner Homosexualität bekennen kann – oder muss, wie man es nimmt. Leben und Film greifen auf ganz neue Weise ineinander. Aber wie in einem früheren Film Greenaways, "Der Bauch des Architekten", ist diese Reise in den Süden auch eine Reise in den Tod. Mehrfach hat Eisenstein Blut an den Händen, mal ist es das eigene, mal das eines kleinen Kindes, immer bedeutet es einen weiteren Verlust der Unschuld, mit der er hierher gekommen ist und mit der er, buchstäblich oft, tanzt durch die Reihen der alten und neuen Mächtigen, der großspurigen puritanisch-kapitalistischen US-Amerikaner, der katholisch-aztekischen Mexikaner, der Camorristas und der Bürokraten, der Totenmasken und Kinderlieder. Unterdessen werden seine Revolutionsfilme mit großem Orchester unterlegt, durchlebt Eisenstein Verfolgung und Krankheit, muss er seine persönlichen Revolutionen führen. Einer, der bislang durch den Film gelebt hat, lebt nun den Film, der nicht seiner ist. Da bedarf es kaum noch des Hinweises, dass sich Eisenstein von seinem Kameramann und seinem Schauspieler auch räumlich trennt.

Jede Etappe handelt in irgendeiner Weise vom Verlust der Unschuld

Peter Greenaway hat nach geraumer Zeit wieder einen zugänglichen Film gedreht, der einer klaren Zeitstruktur folgt, der in seiner Textur, sieht man von ein paar Effekten, dem Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbe und dem ungewöhnlichen Schnitt ab, dem Erzählkino gibt, was des Erzählkinos ist. Wie immer geht es um einen Bruch in einer Biografie, wie immer geht es um das, was Greenaway umtreibt seit seinen ersten Arbeiten, die heftige Begegnung von Eros und Thanatos, vom Chaos der Natur und der Ordnung der Kunst, aber wahrscheinlich hat Greenaway in diesem Film auch mehr von sich selber erzählt, als wir es gewöhnt sind.

Natürlich ist es auch ein Versuch über Eisenstein und seine Montagetheorien. Sie treffen sich mit Greenaways eigener Besessenheit von den Begegnungen des Gedachten und des Körperlichen. Die Schnittrhythmen in diesem Film geben Atem, auch Atemlosigkeit und Atemstillstand, ebenso wieder, wie sie Sexualität im Kontext von politischer Theorie (und umgekehrt) sehen. Jede Ebene, jede Etappe handelt in irgend einer Weise vom Verlust der Unschuld. Als tanzendes, spielendes und unsicheres Kind betritt Eisenstein die Bühne, zugleich staunend und unendlich narzisstisch, als zugleich gebrochener, elender und doch reiferer und wissender Mann verlässt er sie wieder. Statt des großen mexikanischen Revolutionsbildes ist ein Selbstporträt mit dem Tod entstanden. Statt die Welt für den Weg der russischen Revolution zu gewinnen, kehrt Eisenstein mit einem anderen Blick auf die Revolution zurück.

Wie immer ist Greenaways Film auch diesmal verbunden mit Parforcetouren durch die Bilder- und Kunstgeschichte. Die Körper in der Malerei, die der Regisseur in Form einer privaten Fotosammlung in seinen Koffern mit sich führt, Eisensteins eigene pornografische Zeichnungen, die Masken der Totenrituale, die Fotografie-Geschichte von Muybridges Bewegungsstudien über Man Rays Surrealismus bis zu Warhols Serigrafien. Auch Frida Kahlo und Diego Riviera treten auf. Greenaway übermalt Eisenstein, so wie Eisenstein den Traum der Geschichte und die Realität der Körper übermalte.

Eisenstein, der schwule Jude, das ist ein Bild, das im Putin-Russland verdrängt ist wie zu Stalins Zeiten, an Greenaways Projekt wollte man sich nicht beteiligen. Eisenstein ist hier ein Mensch, der nicht zufällig immer wieder bis in Bewegungsmelodie und Puppentheater-Mimik an das Wunderkind Mozart in dem Film "Amadeus" erinnert, das immer zugleich zu viel und zu wenig versteht von der Welt. Eine Zäsur auch im Werk von Peter Greenaway? Dessen Kunstkonzept ist zwar immer noch da, aber fast wie ein Ballast, manchmal wie ein Mätzchen, das seiner selbst gewahr wird. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn als Filmemacher interessiert sich Peter Greenaway vor allem für einen Menschen – Eisenstein oder Greenaway, wie man es nimmt.

Georg Seeßlen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Die Zeit 45/2015

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

Eisenstein in Guanajuato
Niederlande, Mexiko, Finnland, Belgien 2015 - 104 Min. - Kinostart(D): 12.11.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Peter Greenaway - Drehbuch: Peter Greenaway - Produktion: Bruno Felix, San Fu Maltha, Cristina Velasco, Femke Wolting - Kamera: Reinier van Brummelen - Schnitt: Elmer Leupen - Darsteller: Stelio Savante, Lisa Owen, Elmer Bäck, Maya Zapata, Luis Alberti, Jakob Öhrman, Alan Del Castillo, Raino Ranta, Rasmus Slätis - Verleih: Salzgeber & Company Medien

 

 

 

 

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