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Ein gutes Herz

 

Der Isländer Dagur Kari versammelt in einer ort- und zeitlosen New Yorker Kneipe bizarre Geschichten und skurrile Figuren und stellt das unter die beziehungsreiche Überschrift "Ein gutes Herz".

Jacques will nicht sterben und kommt dem Tod doch von Herzinfarkt zu Herzinfarkt näher. Lucas, der mit einem Kätzchen auf der Straße lebt und zu gut und zu schwach und zu naiv scheint für diese Welt, unternimmt einen Selbstmordversuch. Sein Herz ist das gute des Titels, das kann man metaphorisch, aber auch wörtlich verstehen, mit allen Konsequenzen. Bett an Bett landen die beiden im Krankenhaus. Der Zyniker Jacques, ein Mann nicht unorigineller Schimpfwortkanonaden ("you son of a motherfuckin' lesbian bitch"), erkennt ausgerechnet in seinem Gemüts-Antipoden Lucas etwas, vielleicht ein früheres Selbst. Ein schlechtes Herz und ein gutes: Es kommt zum Austausch nicht nur von freundlichen Worten.

Die willkürlich einander ganz entgegengesetzt entworfenen Männer macht der isländische Autorenfilmer Dagur Kari in seinem ersten englischsprachigen Werk zur beweglichen Achse, an die er weitere Figuren und Konstellationen kaum weniger willkürlich anlagert: eine Gans namens Estragon, eine Stewardess namens April, die wegen Flugangst in New York strandet, nur zum Beispiel. Versammelt werden sie alle in einer finstren Spelunke irgendwo in Manhattan, die Jacques unter Einhaltung festgeschriebener misogyn-misanthropischer Regeln betreibt. (Nur Stammgäste akzeptieren. Aber diese niemals freundlich behandeln. Keine Frauen.) Lucas, das ist der Fadenschein eines Plots, wird als Nachfolger angelernt, ein Naturtalent in Widerlichkeit ist er, wie Jacques sagt und sich hätte auch vorher schon denken können, ganz sicher nicht. Der Film bezieht vom Wankelmotor seiner zwei gegensätzlichen Helden die Vorwärtsbewegung (oft droht freilich völliger Stillstand) und unternimmt einerseits wenig, das Hergeholte als zwanglos Plausibles erscheinen zu lassen. Er stellt die Willkür der hier und da aufgelesenen Figuren mit ihren so oder so ausgedachten Geschichten andererseits auch nicht aus.

Das Willkürliche, das seine Künstlichkeit gerade nicht ausstellt, die Versuchsanordnung, die sich selbst als die bare Münze einer mit dem Herzen zu fassenden Erzählung gibt, ist stets ein Problem. Der letzte Idiot sieht doch die Hand noch im Bild, die die Figuren und ihre Geschichte zur Erzählung geklittert hat. Durchaus widersinnig, aber sehr üblich, ist, worauf Dagur Kari mit "Ein gutes Herz" statt auf die Transparenz seiner Verfahren setzt. Zum einen sind das seine Darsteller Brian Cox und Paul Dano. Beide hat man zuvor in wichtigen Nebenrollen überzeugend erlebt. Dano etwa als fanatischen Priester in Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood", den Schotten Cox zuletzt in Woody Allens "Match Point" und David Finchers "Zodiac". Als französische Schönheit dazwischenplatziert wird die auch als Regisseurin unbedingt verehrungswürdige Isild Le Besco.

Als Darsteller aber, die eine hergeholte Geschichte über Ausprägung von Charakterfiguren plausibel machen sollen, sind Dano und Cox auf verlorenem Posten. Schlimmer: Sie retten sich in die Schauspielerei. Das so recht Lebensechte, das knorrig Vitale und anämisch Halbtote wird in jede einzelne Geste, in jeden Satz als Darstellungsaufwand gesteckt. Und weil die Geschichte, geradaus erzählt, den Anschein der lächerlich überdeutlichen Klischiertheit niemals vermiede, wird sie eben nicht geradaus erzählt. Sondern mit leicht bizarren Vorfällen und skurrilen Zusatzfiguren verzwirbelt, die in nichts gründen als, ganz wie im schlechten Regietheater, halt dem einen oder anderen Einfall. (Die Gans, die Stewardess mit Flugangst, der Romanautor-Stammgast etc.)

Nicht weiter motivisch oder narrativ verankerte Einfälle jedoch sind immer überflüssig und gratis. Die kann jeder haben, die braucht keiner. In "Das gute Herz" sollen sie nur behauptete Figuren über die Runden retten in einer Geschichte, die nichts, das nicht jeder wüsste, zu sagen hat und die im Grunde nirgendwo und jederzeit spielt. Das einerseits absehbare, andererseits kaum glaubliche Finale des Films (Spoiler: Lucas kommt ums Leben, sein gutes Herz wird in Jacques Körper verpflanzt) trägt dann interessanterweise den ganzen Widersinn der Konstruktion in sich. Als Operation am offenen Herzen der eigenen Ästhetik stellt Dagur Kari, von allen guten Geistern glücklich verlassen, das atemberaubend Ausgedachte seiner Geschichte dann doch noch aus. Das Problem: Entweder alles Vorangegangene oder dieses Ende findet man lächerlich. Wenn das mal keine Lose-Lose-Situation ist.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Ein gutes Herz
OT: The Good Heart
Dänemark/Island/USA/Frankreich/Deutschland 2009 - 95 min.
Regie: Dagur Kári - Drehbuch: Dagur Kári - Produktion: Skúlifr Malmquist, Thor S. Sigurjónsson - Kamera: Rasmus Videbæk - Schnitt: Andri Steinn Gudmundsson - Musik: Dagur Kári, Orri Jonsson - Verleih: Alamode - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Brian Cox, Paul Dano, Isild Le Besco, Stephanie Szostak, Clark Middleton, Bill Buell, Michael J. Burg, Daniel Raymont, André De Shields, Aristedes Philip DuVal, Steve Axelrod
Kinostart (D): 25.11.2010

 

 

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