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Ein Geheimnis

1955, 1986 und die dreißiger Jahre. Auf drei Zeitebenen erzählt Claude Miller eine französische Familiengeschichte, die dazu angetan ist, auch französische Zeitgeschichte zu spiegeln. Der Film „Ein Geheimnis“ ist die Adaption eines autobiografischen Romans des Psychoanalytikers Philippe Grimbert. Er behandelt eines jüdischen Mannes Frage nach seiner biografischen Identität, die so lange unvollständig beantwortet bleibt, bis sie über sich hinaus gehen und ihre Verknüpfung mit einer verschwiegenen Familienvergangenheit realisieren muss.

 

Dem Einzelkind François setzen seine Eltern zu: Er soll stark sein, schön sein und sportiv wie Vater und Mutter, wenn er doch ein zarter, nachdenklicher Knabe ist. Zum Trost erschafft der Siebenjährige sich einen imaginierten Ersatzbruder, der all das kann, was er nicht schafft. Doch seine Phantasie ist näher an der Realität, als er es sich träumen lässt.

 

„Ein Geheimnis“ beginnt mit einigermaßen unmotivierten Sprüngen zwischen dem reflektierenden Erwachsenen (in Schwarzweiß) und dem verzagten Kind der Fünfziger (in Farbe), bis er diese Ebenen und die Verankerung in der Hauptfigur beinahe völlig zu Gunsten jener elterlichen Vorgeschichte während der Kriegsjahre und der Judenverfolgung preisgibt, die wiederum hier preiszugeben jenen den Spaß verderben würde, die Geheimnisse und deren Lüftung lieben.

 

Deshalb seien vor allem des Films Ästhetik und Stil umrissen. Wir haben es mit einer Mischung aus alter französischer Schule (des inzwischen 66-jährigen Millers Lehrjahre bei u.a. Bresson, Godard und Truffaut sind seinem Film klar, aber leider nicht immer im Positiven, anzumerken) und einer Verwechslung von aussagefähigen Figuren mit Stereotypen (eine blonde Mutter, die an „Kraft durch Freude“ erinnert, ein monomaner Sport-Vater, der verschämt seinen jüdischen Namen umändern lässt) und überhaupt von emotionaler Tiefe mit pastellener Oberfläche zu tun, die in Bezug aufs „Dritte Reich“ und dessen Verarbeitung nicht nur in Deutschland immer mehr in Mode zu kommen scheint.

 

Kurz: Der Film opfert sein in Frankreich immer noch prekäres und selten behandeltes Thema der Okkupationszeit und der Kollaboration (ein besseres Beispiel: Malles „Auf Wiedersehen, Kinder“) einer viel zu ausgedehnten Geschichte von einer „verbotenen Liebe“. Die aus ihr folgende Tragödie wird zwar durch die deutsche Vorherrschaft zum Schlimmsten gewendet, und doch scheint der Film es mit François’ Eltern halten zu wollen und lieber in der Verdrängung verharren. Der Holocaust im „Geheimnis“ bleibt, bei Lichte betrachtet, kaum mehr als ein dramaturgischer Zuarbeiter von Herz, Schmerz und küchenpsychologischer Hirnerweichung.

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist (ähnlich) auch erschienen im: Applaus (München)

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Ein Geheimnis

UN SECRET

F 2007, 100 Min.

Regie: Claude Miller,

Darsteller: Cécile De France, Patrick Bruel, Ludivine Sagnier, Julie Depardieu, Mathieu Amalric. Nach dem Roman von Philippe Grimbert

Start (D): 18.12.2008

 

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