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Einer wie Bruno

 

 

Nach „vincent will meer“ (fd 39 825) versucht ein weiterer Film mit einem jugendlichen Helden, dem Thema Behinderung sowohl tragische als auch komische Aspekte abzuringen. Dass die gewagte Konstellation – eine 13-Jährige beaufsichtigt rund um die Uhr ihren geistig zurückgebliebenen Vater – nicht auf Anhieb für Kopfschütteln sorgt, verdankt sich der großartigen Newcomerin Lola Dockhorn. Sie ist der Rolle eines frühreifen Teenagers mit ihrem nuancierten Spiel mehr als gewachsen und strahlt dabei eine Natürlichkeit aus, die Christian Ulmens vergebliche Bemühungen, als Bruno in die Fußstapfen von Dustin Hoffmans „Rain Man“ (fd 27 420) zu treten, aufs Schnörkelloseste untergräbt.

Nach dem Tod der Mutter versorgt Radost aufopferungsvoll ihren kindlichen Erzeuger. Obwohl er mit dem wenigen Geld, das er im Lager eines Supermarkts verdient, die bescheidene Existenz in einer Hochhaussiedlung sichert, ist er außer Stande, seine Freizeit allein zu gestalten. Radost dient ihm als Spielkameradin, Ersatzmutter, Haushälterin und Komplizin zur Überlistung der Behörden. Das Jugendamt ist mit Radost die Abmachung eingegangen, die Restfamilie in ihrem alten Umfeld zu belassen, solange keine Komplikationen auftreten. Die Pubertät erweist sich natürlich als Ernstfall, der das wackelige Arrangement zum Einsturz bringt. Die begabte Schülerin verliebt sich in einen Neuzugang in ihrer Klasse. Sie soll dem sanft rebellierenden Sohn einer wohlhabenden Mittelstandsfamilie Nachhilfe geben. Plötzlich um ihre Außenwirkung besorgt, überwiegen bei der früheren Außenseiterin die Nachteile, die das Zusammensein mit dem unkontrolliert plappernden Bruno zum peinlichen Hürdenlauf machen. Zeitgleich sieht sich dieser am Arbeitsplatz mit drastischen Erfahrungen konfrontiert. Seine ungehemmten Kommentare reizen manchen Kollegen zu Demütigungen und offenem Mobbing; Szenen, die dramaturgisch berechtigt sind, im Wechsel mit sympathieheischenden Beobachtungen von Brunos heiterer Tollpatschigkeit aber seltsam aufstoßen. Offenbar hat bei den mitproduzierenden Fernsehredakteuren wieder einmal der Mut gefehlt, nicht permanent auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu schielen. Ausgewogenheit ist nicht immer ein Gewinn, zumal sie sich in den bescheidenen filmischen Mitteln fortsetzt, die über den Standard eines Fernsehspiels nicht hinauskommen.

Je mehr Zeit sich Radost für ihre erste Liebe nimmt, desto schwieriger wird es, das Geheimnis zu bewahren; zumal ihr „Erziehungsberechtigter“ auf die drohenden Abnabelungsversuche mit Eifersucht reagiert. In seiner Hilflosigkeit stellt er ihr nach, taucht unangekündigt in der Schule auf und macht die Bekanntschaft seines Konkurrenten, den er zum neuen Gefährten erklärt. Zu Radosts Überraschung scheint dieser trotz sichtlichen Unbehagens nicht auf Distanz zu gehen, bis sie herausfindet, dass der singende Nachwuchskünstler ihren inspirierenden Fall eines „Babydaddy“ für seine Bühnen-Performance benutzt hat. Ihre Enttäuschung und emotionale Zerrissenheit entladen sich in einem altersgerechten Alkoholexzess, den der Film mit Humor und einer Parallelmontage zum ebenfalls aus Frustration betrunkenen Vater zelebriert. Die Moral der Geschichte, die im Finale alles beim Alten belässt, macht indes ratlos. Dass die Betreuerin vom Jugendamt die Abbitte der im Rausch Ertappten akzeptiert und sich Radost mit der Feststellung tröstet, nicht-behinderte Eltern hätten auch ihre Marotten, das ist offenbar dem Wunsch nach Utopie, Toleranz und bedingungsloser Liebe geschuldet, was aber auf Kosten einer allein gelassenen Heranwachsenden geht, die, einer Heiligen gleich, ihre eigenen Bedürfnisse bis zum bösen Erwachen begraben soll. Das nennt man heute wohl Mut zur Selbstverantwortung.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Einer wie Bruno
Deutschland 2011 - Regie: Anja Jacobs - Darsteller: Christian Ulmen, Lola Dockhorn, Lucas Reiber, Peter Kurth, Teresa Harder, Hans Löw, Fritz Roth, Hans-Werner Meyer, Ursina Lardi, Janina Fautz - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 100 min. - Start: 12.4.2012

 

 

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