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Eine flexible Frau

 

Die feministisch wie gentrifizierungskritisch informierte Abstiegsgeschichte einer Frau aus dem Gegenwartsberlin erzählt in ihrem Regiedebüt "Eine flexible Frau" Tatjana Turanskyj.

Ein Horrorfilm. Der Schauplatz: Berlin. Die Zeit: die Gegenwart. Der Horror: der private und berufliche bzw. Jobsucher-Alltag. Weniger als Individuum denn als Modell exemplarisch vor Augen gestellt wird: Greta (Mira Partecke). Von Beruf Architektin, jedoch arbeitslos und also auf der Suche nach einem Job, nach Möglichkeit nah an ihrer in der Ausbildung erworbenen Expertise. Geschieden. Mutter eines wirklich üblen "Arschlochkinds" (Christiane Rösinger). Als dessen Lehrerin die Dinge, man ist sich näher gekommen, beim Namen nennt, nimmt Greta dann allerdings doch lieber reißaus.

"Eine flexible Frau" beschreibt ein Milieu und er ist, weil seine Macher so offenkundig selbst Teil dieses Milieus sind, zugleich hellsichtig und blind. Es geht - und zwar sichtlich aus dessen Innerem heraus - gegen ein verlogenes neues Kreativbürgertum in seiner pseudoselbstkritischen Prenzlauerberghaftigkeit. Man hat einen Job, man kriegt Kinder, man sucht den Kompromiss nicht, akzeptiert ihn jedoch. Wenn es sein muss bzw., wenn man die Chance bekommt, baut man oder zieht man in eines der spießig-schicken neuen Townhäuser in Berlin-Mitte. Flexibel sind alle (weil es die Verhältnisse eben nicht sind) und Greta wäre es im Zweifel und mindestens aus Verzweiflung wohl auch, wie man schon an ihrer Bereitschaft erkennt, sich als Fertighausvertickerin im Call Center zu versuchen. Diese Szenen, in denen Laura Tonke als Charaktermaske einer selbst- und fremdoptimierungsfreudigen Chefin Sachen wie die vom Anruf als "rhetorisches Meisterwerk" faselt, sind nah an der Satire - und angesichts des offensichtlichen Demütigungspotenzials dieser elenden Branche verfehlt die Kritik, so wenig subtil sie auch ausfällt, das Ziel keineswegs.

Sichtlich will "Eine flexible Frau" aber mehr als Satire. Der Film will außerdem anderes als genau gearbeitete milieurealistische Erzählung von Individuen und ihren Schicksalen. Es geht programmatisch nicht um ein persönliches Drama, trotz aller Anspielungen auch nicht um die qualvoll gründliche Zerlegung einer weiblichen Psyche a la "Eine Frau unter Einfluss". Eher handelt es sich um so etwas wie die Verfilmung der im linken urbanen Milieu verbreiteten Anti-Gentrifizierungs- und Prekariats- und postfordismusanalytischen Gegenwartsdiagnoseliteratur, und zwar mit feministischem Akzent. Aus Gründen der Vollständigkeit darf nicht mal ein innerberlinisches chinesisches Sweatshop-Projekt dabei fehlen, für das Greta die Architekturrhetorikverschalung entwerfen soll.

Für all das suchte die Regisseurin und Autorin Tatjana Turanskyj offenkundig eine eigene Form. Etwas Geschlossenes und wirklich Durchdachtes kommt dabei allerdings nicht heraus. Aus dem Repertoire antirealistischer Mittel von Film und Videokunst und neuerem Performance-Theater bedient sich Turanskyj mit im Ganzen wie im Einzelfall kaum begründeter Willkür: So gibt es die starre Totale vor interessantem Architekturhintergrund mit schrägem Gesang neben dem glasflächenverstellten Close-Up von Gretas Gesicht; das intime Cafehausgespräch neben einer dreiköpfigen Quasi-Videoinstellation bei der Bewerbungstrainerin; wenig motivierte Tanzperformances neben ungelenker Theorieansageprosa. Viel Energie wird verschleudert beim großspurigen Versuch, konventionellere Formen zugunsten der Herstellung eigener Hipness zu vermeiden. Das Ergebnis hält mit den selbst gesetzten Ansprüchen selten mit. Schlimmer noch: Szenekompatibilität ist spürbar hohes Gebot. Anders gesagt, ist der Film weniger Analyse oder Darstellung oder gar Heilung, eher unfreiwillig Symptom der Krankheit, die er beschreibt - und darin immerhin von einer Konsequenz, von der er selbst wenig ahnt.

Andererseits spricht eines trotz allem für ihn, und zwar ganz im Ernst: Er macht so richtig überzeugend und kompromisslos furchtbar schlechte Laune. Die Ausweglosigkeit der Abwärtsspirale, in die Greta gerät, ist mehr als plausibel. Kein Tor steht hier offen, keine Freundin, kein Freund kommt wirklich zuhilfe in der Not. Eine alte Frau, erfolgreiche Schauspielerin einst, rezitiert ganz gegen Ende großartig depressive Hölderlin-Verse, aber das ist mitnichten der An- oder Vorschein eines utopischen Ausgangs. Eine flexible Frau macht sich unmöglich. Schön trinken lassen sich die Verhältnisse, von denen Tatjana Turanskyjs Film so oder so zeugt, nicht. Mit ihrer Flucht in den Alkohol macht Greta als Vollstreckerin dessen, was sie kaputtmacht, nur sich selbst kaputt. "Eine flexible Frau" kündet von finsteren Zeiten.

Ekkehard Knörer

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Eine flexible Frau
OT: Eine flexible Frau
Deutschland 2010 - 97 min.
Regie: Tatjana Turanskyj - Drehbuch: Tatjana Turanskyj - Produktion: Tatjana Turanskyj, Jan Ahlrichs - Kamera: Jenny Barth - Schnitt: Ricarda Zinke - Musik: Niels Lorenz - Verleih: Filmgalerie 451 - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Mira Partecke, Katharina Bellena, Laura Tonke, Andina Weiler, Bastian Trost, Sven Seeger, Torsten Haase, Fabio Pink, Ilia Papatheodorou, Michaela Benn, Thorsten Heidel, Ninoschka Schlothauer, Franziska Dick, Gisela Gard, Mattis Hausig, Birgit Acar, Anna Schmidt, Angelika Sautter, Anna Eger, Saskia Draxler, Chunchun Qian, Aizhen Xu, Weihua Wang, Roman Weiler, Horst Markgraf, Sean Patten, Timur Isik, Dorothea Moritz
Kinostart (D): 06.01.2011

 

 

 

 

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