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Eine dunkle Begierde
 

 
Lass die Leute reden!

Liebe ist ein Hospital und jede(r) nur Patient in ,,A Dangerous Method", David Cronenbergs grandios besetztem, asketisch inszeniertem Wissenschaftserotikdrama aus den Anfängen der Psychoanalyse.

Auf die Frage, wie er seinen Film ,,The Fly" beschreiben würde, meinte David Cronenberg einmal: "Two people in a room, talking." Das wäre auch eine gute Beschreibung für ,,A Dangerous Method"; zumal sie buchstäblich zu nehmen ist, wie ja auch schon im Fall des Fliegenfilms von 1985. Der entpuppt sich, im Splatterkleid magenumstülpender fleischlicher Verwandlungen, als packendes Melodram: die Liebe zweier Wissenschaftler, Mann und Frau, als Leidensspiel der Verstricktheit in gegenseitige Projektionen, Sehnsüchte, Ängste. Auch Cronenbergs neuer Film ist ein schmerzvoller Liebesfilm im Feld der Wissenschaft der Psychoanalyse in ihren Anfängen um 1910, jener talking cure, nach der diese Adaption eines Bühnenstücks im Projektstadium benannt war.

,,We will meet every day to talk", sagt der junge Nervenarzt eingangs zur jungen Patientin. Der Arzt ist nicht Freud, sondern der Schweizer Carl Gustav Jung, der die kontroverse Methode seines aus der Ferne bewunderten Wiener Vorbilds anwendet. Seine jahrelange Patientin Sabina Spielrein wird ihrerseits zur Analytikerin, wandelt ihre Hysterie in Spiele mit ihrem Masochismus und ihre Krankheit in Selbstbewusstsein um: Dass sie insane sei, mache sie zur idealen Ärztin. Das ist das Gefährliche an der Methode, das Cronenbergs Film herausstellt: Sie nimmt alle beim Wort und alles buchstäblich, erlaubt keinen souveränen Ort der Gesundheit und des Wissens zu beziehen. Vielmehr sind alle, gerade im Akt des Beziehens ihrer Wissens-Macht-Positionen, verstrickt in ihr Begehren: in Liebe, Angst, Übertragung, so wie Jung und Spielrein zu, vor, auf einander und gegenüber Freud.

,,A Dangerous Method" zeigt Fleisch: nicht Splatterhorror wie ,,The Fly", sondern Verflechtungen von Buchstäblichem und Körperlichem, die etwas Faszinierendes, schön Ungesundes, bisweilen Obszönes haben. Das beginnt beim Vorspann: Fragmente handgeschriebener Lettern in extremer Vergrößerung, tintenschwarzes Schriftmaterial auf den Poren weißen Papiers, Kryptogramme, die später im Film als brieflicher Schrift-Verkehr wechselseitiger Zuschreibungen zwischen Jung, Freud und Spielrein wiederkehren. Letztere spielt zu Beginn mit dem Essen und dem Schlamm im Zierteich der Klinik, und wir hören von ihrem Geschick beim Stuhlzurückhalten. Das ist obszön, weil nur an-, nicht mit der heute üblichen aktionistisch-dionysischen Beflissenheit ausgespielt zumal von Keira Kneightley, die einmal Disney-Filmstar gewesen sein wird und hier in ihrer tollen Performance ganz Ausdruck ist: Anspannung, Spasmus, Herauswinden von Worten.

Cronenbergs Buchstabenfleisch: Wie beim verheißungsvollen new flesh seiner frühen Techno-Horrorfilme bildet es sich auch hier im Fokus auf etwas ,,Ausgedrücktes", etwas durchs Herausgestelltwerden genuin Verrücktes. Das hat etwas von Askese: Im Sinn von two people in a room, talking sehen wir ebendies, zu Howard Shores oft ganz auf Klavier reduzierter Musik, in Schweizer und Wiener Zimmern und Parks; manchmal haben zwei Leute Sex; stets sind drei im Spiel, aber nur zwei im Bild.

Die expressiven Schreib-Maschinen und Therapie-Sekten, die Cronenbergs Kino bevölkern, hallen nach im Anblick des bizarren Aufzeichnungsapparats, an dem Jung und Spielrein die Arztgattin einem Wortassoziationstest unterziehen. Alles kann vielsagendes Anzeichen werden, auch in der Szene im Café Sperl, die, wie einiges in dem Film, vor Ort in Wien gedreht wurde: Freud sagt Jung, er wolle ihn als seinen Nachfolger, weil er nicht Jude und daher anfeindbar sei wie alle anderen Analytiker; der Wissenschaftskronprinz (gespielt vom cocky Michael Fassbender) hat einen Milchbart vom Kaffee im Gesicht, als das erste Mal von dem Judenhass, der die Psychoanalyse trifft, die Rede ist. 2007 spielte Cronenberg in seinem Kurzfilm ,,At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World" die Titelrolle. Antisemitismus und Cinephobie, wörtlich genommen.

Was will die Psychoanalyse, was verheißt sie? Freud (den Cronenberg-Veteran Viggo Mortensen als Männlein am Stock verkörpert) brummelt hinter seiner Zigarre; er will nicht an Autorität einbüßen und bricht später mit Jung, der zunehmend der Mystik frönt. Spielrein mahnt er zu bedenken, dass er und sie Juden seien und es der Psychoanalyse um eine Haltung des Akzeptierens gehe, nicht um ,,arische" Schwärmerei. Spielrein promoviert über Schizophrenie und trägt Jung ihr (fast ,,schizoanalytisches") Ethos von Liebe als Zerstörung des Individual-Ich an. Die Gefahr dieser Liebesmethode scheut Jung; auch Otto Gross aus Graz, ein von Freud wie auch seinem Vater enterbter Analytiker, Anarchist, zeitweilig Jungs Patient, überzeugt ihn mit seiner Losung ,,Repress nothing!" nur halb. (Ihn spielt Vincent Cassell, der um Hetero-Virilität bemühte Gangstersohn aus Cronenbergs ,,Eastern Promises".) Jung will Erfolg und hat ihn dann auch, als einziger der drei bis vier people mit den klingenden Namen. Freud wird 1938 von den Nazis aus Wien vertrieben, Spielrein 1942 von ihnen in Russland ermordet.

Drehli Robnik

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Falter (Wien) 41, 2011, Beilage zum Filmfestival Viennale, S. 6f

 

Eine dunkle Begierde
Großbritannien / Frankreich / Deutschland / Kanada / Schweiz 2011 - Originaltitel: A Dangerous Method - Regie: David Cronenberg - Darsteller: Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 99 min. - Start: 10.11.2011

 

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