zur startseite

zum archiv

zu den essays

Du sollst nicht lieben

 

 

 

In Haim Tabakmans Spielfilmdebüt "Du sollst nicht lieben" kommen sich zwei ultraorthodoxe Juden in Jerusalem sehr viel näher, als ihr Glaube ihnen erlaubt.

 

Jerusalem, ein Stadtviertel, in dem überwiegend ultraorthodoxe Juden leben und arbeiten. Aaron ist einer von ihnen: nach den Regeln der Tradition gekleidet, mit langem Bart und vier Kindern und einer Frau, die in der Öffentlichkeit (und auch schon in der Anwesenheit nur eines anderen Mannes in ihrer Wohnung) ihre Haare unter Kopftuch oder Perücke verbirgt. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt Aaron dessen Metzgerei. Eifrig diskutiert er mit dem Rabbi die Auslegung der Torah und verteidigt anders als dieser die Mühen der Entsagung. Gott will unser Glück, erwidert der Rabbi, der, wie sich zeigen wird, freilich recht restriktive Ideen dazu hat, worin so ein Menschenglück bestehen darf.

 

Dann regnet es. In der Tür der Metzgerei steht, wie aus dem Nichts, ein verdammt gut aussehender Orthodoxer mit Namen Ezri. Coup de foudre für Aaron, der das zunächst nicht wahrhaben will. Und doch bietet er, wie vom Teufel verführt, dem attraktiven Fremden (der trägt das Haar, abgesehen von der Schläfenlocke, kurz, den Bart stoppelig) Obdach. In immer eine Spur zu lange ausgehaltenen Einstellungen macht Regisseur Haim Tabakman das Begehren, das in den Blicken zwischen den beiden liegt, spürbar. Die beiden fahren hinaus aus der Stadt und nehmen ein gemeinsames Bad. Hier und noch eine Weile widersteht Aaron dem von seiner Religion ganz entschieden nicht vorgesehenen Wunsch, den Fremden einfach zu küssen und mit ihm zu schlafen.

 

Dann aber nicht mehr. Erst zieht er eine letzte Rechtfertigungswand hoch: Gott will mich prüfen. Wenn das so ist, fällt Aaron durch, mit Pauken und Trompeten. Im Kühlraum kommt es zum Äußersten, das Tabakman allerdings in der selben, stets leichten sedierten Kunstfilmatmosphäre filmt wie alles andere auch. Sein Film bleibt vorsichtig, übervorsichtig vielleicht, stets auf Distanz, verweigert alles Melodramatische und jede leichtfertige Emotionalisierung. "Du sollst nicht lieben" ist alles andere als ein Pamphlet und gelegentlich reibt man sich schon die Augen angesichts der Contenance, die Tabakman ob der destruktiven Kraft dieses Glaubens wahrt.

 

Noch bevor einer ahnt, was im Kühlraum (und dann andernorts auch) geschieht, kommt schon der Rabbi, Aaron zu warnen: Man hat über Ezri Schlimmes gehört. Der etwas bizarre Code für dies Schlimme: er beging da, wo er herkommt, "gute Taten". Hinter dem zunächst noch toleranten Rabbi folgt bald der Torahschüler-Mob. Man wirft Steine durch die Glastür der Metzgerei. Aaron wird, und zwar schon, weil er einen Schwulen zum Lehrling hat, auf öffentlichen Aushängen denunziert.

 

"Du sollst nicht lieben" nimmt Aarons Konflikte ernst: Ein tief gläubiger Mann muss erfahren, dass, was er als tiefinnerst Eigenes (sein Begehren) erlebt, mit den Vorschriften seines Glaubens nicht in Einklang zu bringen ist. Er betrügt die Ehefrau, die er offenkundig liebt, nur leider nicht wirklich begehrt. Dem Rabbi offenbart er in einem "Hier stehe ich und konnte nicht anders"-Bekenntnis: "Ich war tot und jetzt lebe ich." In dem Moment gibt der Rabbi, der Aaron zuvor noch gegen die Torahschüler verteidigt hat, dessen Seele verloren.

 

Es nimmt mit Aaron dann ein symbolisch oder buchstäblich lesbares, also für mehr als eine Deutung offenes Ende. Bis ins letzte Bild hinein bleibt der Wille des Films spürbar, auf vermintem Gelände keinen verkehrten Schritt zu tun. Man kann nun bewundern, dass ihm das Einstellung für Einstellung wirklich gelingt. Man kann aber auch etwas irritiert sein über die ausgezirkelte Leidenschaftslosigkeit, mit der Tabakman seinen bewusst schematisch entworfenen Problemkreis ausschreitet.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Du sollst nicht lieben

Israel / Frankreich / Deutschland 2009 - Originaltitel: Einaym Pkuhot - Regie: Haim Tabakman - Darsteller: Zohar Strauss, Ran Danker, Tinkerbell, Tzahi Grad, Isaac Sharry, Avi Grainik - FSK: ab 12 - Länge: 90 min. - Start: 20.5.2010

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays