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Drifter

In seinem Dokumentarfilm "Drifter" zeigt Sebastian Heidinger drei Kinder und junge Erwachsene vom Bahnhof Zoo.

 

Ein großer Schatten liegt über Sebastian Heidingers Filmhochschulabschlussarbeit "Drifter". Es ist der Schatten des Uli-Edel-Klassikers "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Heidingers Dokumentation nämlich begibt sich an Ort und Stelle von Edels Film, zum - nunmehr freilich zur Lokalstation degradierten - Berliner Bahnhof Zoologischer Garten und beobachtet, den vom Edel-Film geworfenen Schatten einfach ignorierend, drei dort Lebende, Herumhängende, Driftende. Aileen, Angel und Daniel. Sie verdienen ihr Geld mit Prostitution und sie geben es aus für den nächsten Schuss. Das ist die freudlose Ökonomie ihres Lebens, ein Kreislauf in Richtung Abgrund. Dafür aber interessiert sich Heidinger nur am Rande.

 

Was ihn mehr interessiert, ist das, was bleibt. Der Rest Leben, den die Prostitution und die Drogen seinen Protagonisten lassen. Sie reden, sie sitzen herum. Sie sind, im Rahmen angesichts ihres harten Lebens nötiger Egoismen, miteinander recht solidarisch. Aileen, 16, verkauft Obdachlosenzeitungen. Daniel bringt Aileen mit züchtigem Kuss im Nachtasyl zu Bett. Angel trägt eine Jacke, auf der steht hinten drauf "Sick of it All", und er putzt öffentliche Toiletten. Der Film endet auch auf einer öffentlichen Toilette, mit der einzigen Szene, in der sich einer der drei, Daniel nämlich, einen Schuss setzt. Dazu die aus den Wall-Toiletten vertraute Dudel-Muzak. Dazu die Trauer über Aileens Absage an einem gemeinsame Zukunft.

 

Mit den in den meisten Köpfen existierenden Klischees nicht vereinbar ist das Erscheinungsbild aller drei. Sie tragen Sorge, auf den Straßen Berlins nicht als Obdachlose zu erscheinen. Man kann auch sagen: Sie zeigen sich der Mehrfachbelastung - Drogenkonsum, Prostitution, Körperpflege - erstaunlicherweise gewachsen. Es hilft dabei allerdings auch eine staatliche Infrastruktur, die ihnen nachts eine Unterkunft bereitstellt - mit vorheriger Taschen- und Körperkontrolle, damit keine Drogen ins Haus des Staates gelangen.

 

Sehr konsequent ist Regisseur Heidinger in der Totalverweigerung von Kommentaren, Interviews, der Preisgabe aller äußeren Informationen im Film. Mehr als das, was man unmittelbar sieht und hört, erfährt man - über die Einblendung der Namen ganz zu Beginn hinaus - nicht. Sehr gezielt sind die einzelnen dokumentarischen Szenen quasi-narrativ zusammenmontiert. Es gibt kleine Spannungsbögen, vor allem den, die Beziehung zwischen Aileen und Daniel betreffend. Aber auch die Sorge um Aileens Gesundheitszustand, die sich, wie man im Laufe des Films merkt, als sehr berechtigt erweist.

 

Mindestens ebenso interessant wie das, was man sieht, ist denn auch, was man in begleitenden Interviews des Regisseurs erfährt. Er erzählt da zum Beispiel, wie schwierig es war, Zugang zur mit gutem Grund misstrauischen Szene zu bekommen. Er hat dann einfach monatelang Tag für Tag mit dem VW-Bus am Zoo gestanden, eine Couch zum Ausruhen für die "Drifter" hinten drin. So hat er nach und nach seine Protagonisten gefunden und ihr Vertrauen gewonnen. Er hat viele Interviews mit ihnen geführt, diese dann aber aus dem Film selbst komplett herausgelassen, um die drei ihr Leben ganz unkommentiert vor Augen stellen zu lassen. Was man auch aus Interviews erfährt und leider gar nicht im Film, der jede Auskunft über seine Entstehungsbedingungen verweigert, ist, wie sehr der öffentliche Raum im Verschwinden begriffen ist. Die Sorge um sich selbst und das eigene Aussehen ist auch einer massiven Privatisierung der Orte und Räume geschuldet, aus denen, wer stört - und das heißt: nicht als Kunde in Frage kommt - gnadenlos vertrieben wird. Sebastian Heidinger berichtet, dass dies nicht nur seinen Protagonisten, sondern dem ganzen Team oft und oft widerfahren ist.

 

Die Wirkung, die der ästhetische Zuschnitt des Materials als Dokumentation mit angedeuteter Spielfilmformatierung hat, ist nicht so einfach zu beschreiben. Von der dokumentarischen Seite her stellt sich eher etwas wie ein Verfremdungs-Effekt ein. Selbst als Berlin-Bewohner erkennt man die Stadt als Hintergrund dieser fremden Leben kaum wieder. Oder, anders: Man sieht, was man kennt, aber es nimmt sich mit einem Mal anders aus. Und aus der wie in einer merkwürdigen Kippfigur gleichfalls vorhandenen Spielfilm-Perspektive ist das "Spiel" der Figuren merkwürdig ungeschlacht, unbehauen - ohne dass sich deshalb etwas wie ein gewollter Authentizitätseindruck herstellte. Es ist nicht ganz klar, ob Sebastian Heidinger genau diese Wirkungen angestrebt hat oder ob sie sich dank der gewählten Methode unversehens eingestellt haben. Das ist aber auch keine entscheidende Frage. Wichtiger ist, dass "Drifter" ebend deshalb eine sehr interessante Seh-Erfahrung ist.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Drifter

Deutschland 2007 - Regie: Sebastian Heidinger Mitwirkende: Aileen, Angel, Daniel - FSK: ab 12 - Länge: 81 min. - Start: 11.6.2009

 

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