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Dorfpunks

Bisschen Freizeitvandalismus

 

Da ist das Kornfeld, da poltert die Musik. Die Deutschpunk-Helden "Slime", immer wieder: "Weg mit dem Scheiß-System". Da ist der Punk. Im Kornfeld. Immer wieder das Kornfeld, das mal durchschritten, mal beguckt wird, mal Vorder-, mal Hintergrund gibt. Da ist der Hain. Und die Ostsee. Und der Strand. Das System, das weg soll, war vermutlich niemals hier. Immer nur Landschaft, im Endlos-Modus. Und mittendrin und nichts drumrum: Ein Dorf.

 

Dorf und Punk, eigentlich ein Widerspruch. Punk in seiner Frühphase war ein strikt urbanes Phänomen. Unweigerlich stößt man auf Städtenamen wie London und New York als Keimzellen, in der Bundesrepublik schließen sich Düsseldorf, Hamburg und West-Berlin als Brutstätten an. Das geht Mitte der Siebziger los, brodelt wenige Jahre später in die Großstädte der Bundesrepublik über und ist 1984 als aufsehenerregende Bewegung, als ästhetischer und lebensweltlicher Befreiungsschlag nach den wollig-teelastigen 70ern schon wieder weggestorben, kulturindustriell verbogen oder in andere Bereiche der Kulturproduktion diffundiert.

 

1984 und Schmalenstedt an der Ostsee, Zeit und Raum, in dem "Dorfpunks" spielt, lässt sich deshalb unweigerlich auch als "viel zu spät am völlig falschen Ort" lesen. Die Punks in "Dorfpunks" definieren sich nicht über souverän-flinke ästhetische Manöver, wie sie etwa rund um den "Ratinger Hof" in Düsseldorf entwickelt wurden, auch geht es nicht um Codes, um Aneignung, Umdeutung oder radikalen Bruch. Punk in Schmalenstedt hieß ein Lagerfeuer in der Natur zünden, auf dem Marktplatz rumlümmeln, bei der Party der Gymnasial-Popper ins Bett der Gastgeber-Eltern pinkeln, ein bisschen Freizeitvandalismus. Und von den stumpfen Bundeswehrtypen dann und wann aufs Maul bekommen. Mitten drin in diesem Eintopf steckt Malte Ahrens, nom de punk: Roddy Dangerblood. Ein Alter Ego von Rocko Schamoni, der im gleichnamigen - und sehr lesenswerten - Roman seine Jugend als Provinzpunk aufschrieb. Aus dem episodischen Roman, der viel darüber verrät, warum man in der Provinz Punk wurde und welche Haltung zum Leben einem das mitgab, hat Regisseur Lars Wessel universell Gültiges destilliert, was auch für heute in der Provinz lebende Sportfreunde-Stiller-Hörer Gültigkeit beanspruchen kann: Die Geschichte eines Sommers, der alles ändert.

 

Wie die Punkfreunde zusammen am Lagerfeuer eine Band gründeten, durch dick und dünn (und knapp am Ertrinkungstod vorbei) gingen, eine Party sprengten und sich dann auseinanderlebten. Eine Kippzeit, in der vieles zum ersten Mal geschieht: eigenes Konzert (Misserfolg), Knutschen und Fummeln (ungelenk, abgebrochen), Stunk mit den Eltern (liberaler Diskussionsterror). Am Ende liegt viel entzwei, die Freunde schlagen unterschiedliche Karrieren ein: Verdrogter Assi, stalinistischer K-Gruppler und eben Malte, der eigentlich nur seiner Fantasie freien Lauf lassen will. Eine Erlösungsgeschichte mit umgekehrten Vorzeichen: Steht am Ende eines coming-of-age-Films üblicherweise Aufbruch, steht bei Malte auf der Bühne begangener Unsinn (Rocko Schamoni selbst nahm denn auch im Funpunk-Milieu um die frühen Goldenen Zitronen herum karnevalistische Schlagerplatten auf, heute macht er discolastigen Soul mit Punk als Hintergrundrauschen).

 

So sympathisch die Grundhaltung von "Dorfpunks" und überhaupt die Leistungen des Laien-Ensembles ist, in der Beschränkung auf den einen Sommer, im Zuschnitt auf diesen einen universellen Moment "Provinz" liegt die Schwäche des Films. Gern hätte man sich das Fragmentarische der Vorlage gewünscht, hätte gern mehr erfahren von der Gefahr, der rebellischen Grundhaltung. Das beschreibt Schamoni in seinem Buch besser.

 

Immerhin, der herzhaft stampfende und mit viel Liebe zusammengestellte Soundtrack, kann ich als Dorfpunk einer viel späteren Generation vielleicht noch sagen, ist mit Abstand der beste des ganzen Festivals. Und verflucht seltsam ist es, wieviele Filme dieses Festivals auf der Tonspur bei Schwarzbild mit Meeresrauschen beginnen.

 

Thomas Groh

 

Dieser Text ist, anlässlich der Berliner Festspiele 2009, zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Dorfpunks

Deutschland 2009 - Regie: Lars Jessen - Darsteller: Cecil von Renner, Ole Fischer, Pit Bukowski, Daniel Michel, Samuel Auer, Laszlo Horwitz, Axel Prahl, Friederike Wagner, Peter Jordan, Meri Husagic, Bojan Heyn, Jessica Kosmalla - Länge: 93 min. - Start: 23.4.2009

 

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