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Dorfpunks

Platsch! Ein Riesenwelle überrollt einen gelangweilten Jüngling, ein paar laute, schnelle Akkorde: Slime skandieren: Weg mit dem Scheißsystem. Punk ist Anfang der Achtziger auch endlich in der norddeutschen Provinz angekommen. Einen „Jugend-Tsunami“ nennt Rocko Schamoni das Ereignis, das sein Leben grundlegend neu definiert hat. In seinem autobiografischen Roman Dorfpunks ist dies eine Metapher, im gleichnamigen Film von Lars Jessen („Am Tag als Bobby Ewing starb“) wird die Punk-Taufe zum plitschnassen Mitfühlkino.

 

Mit recht konventionellen Mitteln versucht Jessen dem Trumm eines Phänomens nahe zu kommen, das schon das anekdotische Memoirenstück von Schamoni postum nur mühsam zu transzendieren verstand. Eine rapide zu Zeichen, Sprache und Style mutierte jugendliche Kulturrevolution, die im Buch dahinter noch spürbar, im Film aber überlagert ist von fast dreißig Jahren Post-Punk, Funpunk, Kommerzpunk. So sieht der stets neckisch lächelnde Roddy Dangerblood (Cecil von Renner), der Held aus dem schleswig-holsteinschen Schmalenstedt, im Film schon aus wie die Schwiegermüttersöhne einer weichgespülten Band wie Green Day, und der im Film durchdefinierte MTV-Body seiner (im Buch diversen, hier zu einer zusammengeschnurrten) Angebeteten, trägt keine Spuren der alternativ-punkigen oder Popper-Ambivalenzen der achtziger Jahre mehr.

 

Was eigentlich am besten an „Dorfpunks“ funktioniert, ist das Milieu, das platte Land und dessen derb-lakonische Bewohner, das „Leben an der Peripherie“, wie Jessen es bezeichnet, das sich bis heute kaum verändert hat. Für Roddy und seine Clique von typgerecht besetzten Landeiern mit überzeugenden Laiengesichtern ist Punk die Initialzündung, um sich von der Lethargie zu befreien und ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. „Gestern waren wir noch scheiße, heute sind wir eine Band.“ Und nach dem Bandstand: „Zweitletzter zu sein ist irgendwie scheiße, letzter zu sein ist geil!“ Schon manchmal blubbert im Film der wahre Schnack, die wahre Stumpfheit, der wahre Punk nach oben. Zu vereinzelt aber sind diese Blasen der Beobachtung und dem Film will nicht recht gelingen, mehr zu sein als die Summe dieser Teile, so als zitiere er nur, aber als wisse er nicht, wovon er spricht.

 

Punkig ist Rocko Schamonis Einleitung im Presseheft: „Die Bilder sind eigentlich völlig egal, Schauspieler – nicht so wichtig, Inhalt – ergibt sich schon irgendwie, entscheidend ist der Sound. In diesem Fall haben wir einige der besten Songs der frühen 80er lizensieren dürfen.“ Der Mann wird wissen, wovon er spricht – Lars Jessen sagt: „Rocko hat mir Sachen vorgespielt, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.“ - Ich sage: Es ist faszinierend zu sehen, wie ein Film es schaffen kann, die versammelte Energie seiner Film-Musik aufzuheben. Oder ist Punk etwa doch tot?

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist, ähnlich, zuerst erschienen in: Applaus (München)

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Dorfpunks

Deutschland 2009 - Regie: Lars Jessen - Darsteller: Cecil von Renner, Ole Fischer, Pit Bukowski, Daniel Michel, Samuel Auer, Laszlo Horwitz, Axel Prahl, Friederike Wagner, Peter Jordan, Meri Husagic, Bojan Heyn, Jessica Kosmalla - Länge: 93 min. - Start: 23.4.2009

 

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