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Dope


 


Alle stehen auf Molly. Miley und Kanye, Madonna und A$AP Rocky. Die Kids auf dem Schulhof. „Molly“, eine Ecstasy-Variante, heißt der neue Popstar unter den synthetischen Drogen. Es ist billig, es ist verfügbar, es ist Fun. Party like it’s 1995. Was aber tun, wenn man nach einer durchgeknallten Partynacht, die von einer Schießerei zwischen verfeindeten Drogendealern abrupt beendet wurde, am nächsten Morgen mit einem Rucksack voll bricks vor dem Schulspind steht? Und plötzlich alle Gangs der Nachbarschaft hinter den Drogen her sind?

Das ist die Ausgangssituation von Rick Famuyiwas Coming-of-Age-Komödie „Dope“, die die Identitätssuche seiner Protagonisten in ein Milieu verlagert, in dem – nicht nur im amerikanischen Kino, wo jeder Film mit afroamerikanischer Besetzung automatisch das Label „urban“ erhält – kulturelle Zuschreibungen qua Herkunft festgelegt sind. Malcolm, Diggy und Jib leben in Inglewood, einem Vorort von Los Angeles, in einem Viertel, das im Volksmund nur „Bottom“ (der Arsch beziehungsweise: das untere Ende der Nahrungskette) genannt wird.

Die Freunde sind in doppelter Hinsicht als Außenseiter stigmatisiert. Wer im „Bottom“ geboren wird, dem sind die Zukunftschancen verbaut, wie Malcolms Lehrer einmal unmissverständlich erklärt. Malcolm will sich mit einem kritischen Essay über Ice Cubes „Good Day“ – radikal subjektive Sozialethnografie über einem zurückgelehnten Funk-Groove – für Harvard empfehlen, aber in Inglewood entkommt niemand dem Fluch der Demografie. Ein Rucksack voller Drogen entspricht da schon eher den Klischees über afroamerikanische Jugendliche. Doch Molly ist nicht das einzige Problem von Malcolm und seinen Freunden. An ihrer Schule werden sie nicht ernst genommen, weil sie auf white shit stehen: Skateboards, Mangas und 90er-Jahre-Hiphop – das golden age, das in der Realität eines schwarzen Teenagers im Jahr 2015 so weit entfernt erscheinen muss wie ein anderer Planet. Fear of a Black Planet.

Malcolm, Diggy und Jib sind Nerds und darum müssen sie unter den Schikanen der Jocks und Schulhof-Gangsta leiden. Andererseits öffnet ihnen ihre Nischenexistenz die Türen zum Chemielabor, wo sie als außerschulische Aktivität die Drogen in konsumgerechte Portionen verpacken. Denn ein Schicksal teilen Nerds und schwarze Teenager: So sehr sie auch ihrer Bestimmung und den Autoritäten zu entkommen versuchen, sie können die sozialen Muster nicht überwinden. Also machen Malcolm, Diggy und Jib das Beste aus ihrer Situation. Sie werden Jungunternehmer.

„Dope“ hat eine in vielfacher Hinsicht geschäftige Agenda. Die Prämisse, soziale Aufwärtsmobilität mit gesellschaftskritischem Subtext zu erzählen (im Prinzip also „Ferris macht blau“ plus „Boyz N The Hood“), bringt die Widersprüche einer gespaltenen Teenager-Identität im amerikanischen Problemviertel so richtig zur Reibung. Famuyiwa vermeidet dabei die Fallen des Bildungsromans. Der Witz von „Dope“ besteht vielmehr darin, dass der überdurchschnittlich intelligente Malcolm, das lesbische Homegirl Diggy und der multi-ethnisch aufgewachsene Jib („Ich bin 14 Prozent schwarz!“) das Spiel mit kulturellen Zuschreibungen beherrschen und diese immer wieder zu unterlaufen verstehen.

In den besten Momenten, wenn Diggy und ihr weißer Stoner-Kumpel und Partner-in-Crime Will den korrekten Gebrauch des N-Worts ausdiskutieren oder ein Gangbanger die Kids auf ihren BMX-Rädern mit automatischer Waffe und iPad jagt, holt der Film die sozialen Konflikte zurück auf die Ebene popkulturell lesbarer Zeichen. Die geschmackvolle Klangtapete aus Neunziger-Jahre-Klassikern von den Digable Planets über A Tribe Called Quest bis zu Nas (für den Soundtrack ist Pharrell Williams zuständig) verstärkt das Gefühl von Nostalgie, mit dem jede Übergangserzählung Verlusterfahrungen kompensiert.

Diese sentimentale Grundstimmung kontrastiert Famuyiwa mit dem klarsichtigen Pragmatismus seiner Protagonisten (von den Newcomern Shameik Moore, Kiersey Clemons und Tony Revolori mit lässiger Selbstverständlichkeit gespielt). Maßgeblichen Anteil daran hat Forest Whitaker, der als Off-Erzähler die Stimme der Vernunft repräsentiert. Denn wie zufällig, anekdotisch und mitunter absurd die komische Odyssee von Malcolm, Diggy und Jib auch wirkt: Letztlich folgt „Dope“ einer konsequenten Dramaturgie, die Whitaker immer wieder durchblicken lässt. Der Weg aus dem Ghetto kultureller Zuschreibungen führt mitten durch die weißen Institutionen – versteht man, sich diese zunutze zu machen. Für einen Film, der von US-Kritikern als Teenie-Komödie abgetan wurde, bedeutet diese Erkenntnis fast schon ein Zuviel an sozialer Realität.

Andreas Busche

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Rolling Stone

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

  

Dope
USA 2015 - 103 Min. - Kinostart(D): 28.01.2016 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Rick Famuyiwa - Drehbuch: Rick Famuyiwa - Produktion: Nina Yang Bongiovi, Forest Whitaker - Kamera: Rachel Morrison - Schnitt: Lee Haugen - Musik: Germaine Franco - Darsteller: Rakim Mayers, Blake Anderson, Bruce Beatty, De'aundre Bonds, Julian Brand, Quincy Brown, Kiersey Clemons, Kimberly Elise, Rick Fox, Christopher Glenn, Amin Joseph, Ricky Harris, Chanel Iman, Wyking Jones, Kapg - Verleih: Sony Pictures Germa
ny

 

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