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Deutschboden

We don't need no education!" (Techno-Proleten-Version)

Als neulich "Fack Ju Göthe" locker die Vier-Millionen-an-der-Kasse-Mauer rockte, zogen eine Handvoll Filmkritiker noch einmal los, um zu gucken, warum "die Leute" so ticken wie sie ticken. Für "Die Zeit" übernahm Special Agent Moritz von Uslar, der goldene Reiter der 99 Fragen, diesen Job. Er ging ins Kino, hörte, was zu hören war - und schrieb anschließend eine Eloge auf die Benutzung der deutschen Sprache in diesem Film, eine Sprachkritik, die mit einem Kniefall vor "Herr Müller, sind Sie geborderlinert, oder was? Müller, ey, Sie Geisterkranker!" endete. Fazit: "Es sind, natürlich, die Wucht, die Härte, der Bums, die absolute Zeitgemäßheit und Gegenwärtigkeit der Sprache", die, so Uslar, dem Film seine Kraft verleihen. Da war der richtige Mann am richtigen Ort, denn auch Moritz von Uslar hat ihn voll drauf, den Bums. Beweis gefällig? Dann bitte "Deutschboden" lesen oder gucken!

Ein Experimentalfilm über mitmachendes Am-Thesen-daneben-Stehen, Sie Geisterkranker. Ey! Wie konnte es dazu nur kommen? Die Antwort kann man in der Kommentarleiste bei amazon.de lesen: "Der rheinische Adelsspross Hans Moritz Walther Freiherr von Uslar-Gleichen, dessen zerebrale Formung wohl im Nobel-Internat Birklehof in Hinterzarten (Schulgeld 2.400 Euro pro Monat) stattfand, hat pünktlich zum Beitrittsjubiläum bewiesen, dass der schreibselnden Kaffeehaus-Elite die ungeliebten Schmuddelkinder immerhin eine mitfühlende Beobachtung wert sind - wenn sie denn bezahlt wird. Das Resultat daraus erinnert allerdings an ein schlecht redigiertes Tagebuch aus dem Indianer-Reservat."

Kann man so sehen, muss man aber nicht. Vielleicht lieber so: Im Frühsommer 2009 fasste der Star-Autor Moritz von Uslar ("Die Zeit") einen so irrwitzigen wie kühnen Plan. Aus dem sicheren Terrain von Berlin-Mitte wolle er als Ein-Mann-Expedition dorthin aufbrechen, "wo kaum ein Mensch je vor uns war": nach Hardrockhausen ins Brandenburgische, wo sich Hartzer, Nazi-Skins und sonnenbankgebräunte Bräute "Gute Nacht" sagen, wo Discounter "Mäc Geiz" heißen und "Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen." Hier soll "des Prolls reine Seele" gefunden werden. Große Sache. Mutig! Kurzum: im Frühsommer 2009 wollte von Uslar sich in der DDR unters Volk mischen und eine teilnehmende Beobachtung wagen.

Zunächst einmal galt es, eine entsprechend heruntergerockte Kleinstadt zu finden. "Sumpfow", "Stopfow", "Trostlosow" und "Zappendüsterow" schieden wohl aus; es dauerte eine Weile, bis der Reporter seine Stadt gefunden hatte: "Oberhavel", besser zu finden unter dem Namen Zehdenick. Es mag bezeichnend sein, dass man ein Vierteljahrhundert nach dem Anschluss der DDR den stillen Schrecken vor dieser Expedition in den Wilden Osten nur etwas übertrieben findet und deshalb als filmreifes rhetorisches Mittel liest. Die so entstandene Großreportage "Deutschboden" erzählte vom Leben in der ostdeutschen Provinz, alle Vorurteile gleichermaßen bestätigend wie negierend.

Der Horror war da, aber es gab dort Skins, die sich durch ihr ereignisarmes Leben lebten, ganz unspektakulär, obwohl sie, klar, mal Nazi-Skins gewesen waren. In den Neunzigern. Am Ende stand die erstaunliche Einsicht: "Deutschland ist ein feiner Kerl!" - und diese Einsicht zeugte vom Respekt, den Uslar den Eingeborenen von Ostzonien jetzt entgegenbrachte. Die Angst war umgeschlagen in emphatische Affirmation. Ein Gleichklang der Seelen? Eher eine Ethnografie des Inlands.

"Deutschboden", sprachlich mit dicker Hose und coolem Sound verfasst, wurde ein großer Erfolg bei Publikum wie Kritik und mit dem Fontane-Preis für Literatur der Stadt Neuruppin ausgezeichnet. Wenn Moritz von Uslar jetzt in der Verfilmung von "Deutschboden" als »der Reporter« in Oberhavel aufschlägt, dann erinnert sein federnder Habitus etwas an Eddie Murphy in "Nur 48 Stunden": "Sagt den Leuten, es ist ein neuer Sheriff in der Stadt!" Der Reporter stellt sich als teilnehmender Beobachter der Kleinstadt zur Verfügung: Beobachten, zuhören, nicht bewerten.

Dem Filmemacher André Schäfer hat "Deutschboden" jedenfalls so gut gefallen, dass er nach Oberhavel, besser: Zehdenick aufgebrochen ist, um die Reportage zu »verfilmen«. Soweit möglich mit den realen Figuren, die in der anonymisierten Reportage vorkommen, wie zum Beispiel die Jungs von der Punkband "5 Teeth Less" - und eben mit Uslar als Uslar, der mit markanter Stimme seine Original-Texte auf dem Off zum Besten und vor laufender Kamera den cooler Poser gibt. Aber selbstredend ist dies eine »unreine« Literaturverfilmung geworden, konzentrierter auf nur ein paar Figuren der Reportage, die eben zwei, drei Jahre älter geworden sind. Viel verändert hat sich zwar offenbar nicht, aber dennoch entsteht eine deutliche Spannung zwischen den beiden medial so unterschiedlichen »teilnehmenden Beobachtungen«, weil es fad gewesen wäre, bestimmte besonders gelungene Szenen einfach zu re-enacten.

Dafür wird der Film mit neuen Pointen belohnt, die dann doch - wie die Reportage - sehr gelassen von einer unerhörten Liebeserklärung an die Provinz, eine nur scheinbar fremde Welt künden. Dazu braucht es allerdings nicht unbedingt die artifizielle Fallhöhe aus Berlin-Mitte, die uns fragt: "War das hier noch Deutschland oder schon der Kosovo?" Folgt man Moritz von Uslar, dann bietet das Projekt "Deutschboden" etwas Ähnliches an wie "Fack Ju Göthe": "Der Zuschauer erhält eine sagenhaft hochprozentige Injektion deutscher Poesie, deutschen Alltags, deutscher Wirklichkeit. Wir alle sollten noch oft über diesen Film sprechen." (MvU)

Benotung des Films: (8/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

 

 


Deutschboden
Deutschland 2013 - 96 min. - Regie: André Schäfer - Drehbuch: André Schäfer - Produktion: Marianne Schäfer, Oliver Bätz, Rieke Brendel - Kamera: Andy Lehmann - Schnitt: Fritz Busse - Musik: Five Teeth Less, Max Pellnitz, Ritchie Staringer - Verleih: W-Film - Besetzung: Five Teeth Less, Moritz von Uslar - Kinostart (D): 27.03.2014

 

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