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Defamation
In Yoav Shamirs Dokumentation "Defamation" lernt man sehr viel mehr über Antisemitismus, als
man zunächst denkt.
Sofort geht einem das auf die Nerven: Deplatziert beschwingte
Musik und ein an Michael Moore, denkt man, geschulter Erzähler, der sich
dämlicher gibt, als die für den politischen Dokumentarfilm zuständige
Polizei es erlaubt. Um nicht weniger als den Antisemitismus und wie und wo er
sich in der Gegenwart findet, soll es gehen in Yoav Shamirs Film "Defamation". Und ausgerechnet auf ein derart vermintes Feld
begibt sich der Regisseur mit dieser Ausgangsdevise des Films, nicht explizit,
aber doch deutlich: Da stelle mer uns janz dumm,
weil dumm dokumentiert gut. Shamir tut jedenfalls erst einmal, als habe er nichts recherchiert,
als kennte er nichts und niemanden und schon gar nicht die einschlägige
Literatur. Mit entwaffnender Ahnungslosigkeit und einer unsichtbaren Narrenkippa auf dem Kopf rückt er noch und gerade einer so dermaßen
umstrittenen Figur wie Norman Finkelstein auf die Pelle: Und während der
zunächst noch halbwegs bei Sinnen scheint, in einem Büro und dem Fragenden
seine Theorie von der Holocaust-Industrie nochmal erklärt, tickt er später
in seiner Privatwohnung und auf dem Weg auf die Straße völlig aus,
mit Hitler-Gruß und wüsten Hasstiraden gegen Abe Foxman, den
Vorsitzenden der jüdischen US-Lobby-Organisation "Anti Defamation League". Wenn noch einer bezweifelt hat, dass Finkelstein ein
pathologischer Fall ist, dann ist er nach Ansicht dieses peinlichen Bildmaterials
für immer eines Besseren belehrt. Vielleicht dokumentiert dumm wirklich
gut?
Die beschwingte Musik schweigt an dieser Stelle des Films
freilich schon. Der Ton ist deutlich ernster geworden und man begreift das anfängliche
Herangehen Shamirs als strategischen Zug. Er hat sich wirklich Türen
geöffnet mit seiner offensichtlich auch den Gesprächspartnern gegenüber
demonstrierten Naivität. (Vielleicht ist er tatsächlich naiv. Das
wäre natürlich das Raffinierteste überhaupt!) Weit offen steht
die Tür in der New Yorker Zentrale der "Anti Defamation
League". Der von Finkelstein später wüst beschimpfte Foxman führt Shamir hier ziemlich zu Anfang des Films in Erwartung wohl
eher einer Werbedokumentation für seine Organisation herum. Shamir darf ihn und die immer mit herumschwirrenden Delegationen auch auf
Auslandsreisen begleiten. Wo immer ein antisemitisches Flämmchen züngelt
oder zu züngeln scheint, rücken Foxman und die ADL-Leute
mit einer ganzen Feuerwehrbrigade an. Das wird von manchem der jüdischen
Sache durchaus gewogenen Gesprächspartner hinter vorgehaltener Hand (buchstäblich!)
kritisch gesehen. Wenn man Foxman sieht und ihn ernsthaft behaupten hört, die jüdische
Lobby habe erstens gar keine Macht, und dann erklärt er im Auto, sie verdiene
die Macht, die sie zweitens dann vielleicht doch hat, einer Art Bluff, nämlich
dem bloßen Glauben aller an ebendiese gewaltige Macht, und dieser Glaube
sei sozusagen selbst antisemitisch, aber man müsse ihn trotzdem nützen
- dann hat man eigentlich schon wieder eine ganze Menge verstanden.
Neben dem Foxman-Strang (in den die
Gespräche mit Finkelstein, aber auch den als vergleichsweise sehr luzide
rüberkommenden "Israel-Lobby"-Autoren Walt und Mearsheimer
gehören) gibt es einen anderen Strang: Da folgt Shamir einer
israelischen Schulklasse auf ihrer Bildungsreise nach Auschwitz. Sehr genau
beobachtet er die Vorbereitungen auf diesen Ausflug. Sie bestehen aus historischen
Informationen, aber auch aus etwas, das man kaum anders denn als Indoktrination
bezeichnen kann: Der Antisemitismus, wird den Schülerinnen und Schülern
zu verstehen gegeben, ist auch heute noch - und nicht nur in Polen - allgegenwärtig.
Es muss nicht verwundern, dass man vor Ort dann Dinge hört und sieht, die
sich von außen betrachtet doch etwas anders ausnehmen. Gleichfalls gar
nicht schön anzusehen ist, wie die SchülerInnen sich in
Auschwitz dann auf sehr zeitgenössische Weise unter Druck gesetzt fühlen,
das Entsetzliche tief zu empfinden. Als genügte der Versuch zu begreifen
nicht, als authentifizierte erst der emotionale Zusammenbruch die Wahrheit dessen,
was hier geschah. Lange sind die Jugendlichen unzufrieden mit ihrer identitätsstiftenden
Trauerarbeit, dann ganz gegen Ende endlich doch: Tränen. Und zum Schluss
als Kontrast noch eine Szene unter dem ikonischen "Arbeit macht frei"-Tor:
Man steht zusammen zum Gruppenbild, alle lachen und sagen nicht "Cheese", sondern, wirklich wahr, "Auschwitz".
Ganz nach links und ganz nach rechts wagt sich Shamir, vor dem man im Verlauf des Films dann doch immer größeren
Respekt bekommt, in die Höhlen der Löwen. Uri Avnery, einer
der radikalsten Antizionisten in Israel (und als israelischer Vorkämpfer
für die Sache der Palästinenser auch in Deutschland gerne
genommen), betont mit doch etwas verdächtiger Insistenz, dass es in den
USA gar keinen, wirklich überhaupt keinen Antisemitismus mehr gebe und
deshalb die "Anti Defamation League" die Konflikte, die sie beklage, eher aufwiegle,
als zur Verständigung der Ethnien etwas beizutragen. Einerseits ist es
wahr, dass die von der ADL notierten Vorfälle, denen Shamir nachgeht,
einen zum größeren Teil nur bedingt dramatischen Eindruck machen.
Andererseits befragt er dann ein paar Schwarze in Crown Heights
Brooklyn, die mit den jüdischen Bewohnern des Viertels Haus an Haus leben.
Und da muss Shamir weiß Gott nicht lange an der Oberfläche kratzen,
um die übelsten antisemitischen Klischees zu hören und den Verweis
auf die in den "Protokollen der Weisen von Zion" ja wohl unwiderleglich
dokumentierten Weltherrschaftspläne der Juden präsentiert zu bekommen.
Auch den Jahreskongress der ADL hat Shamir besucht. Als ein britischer Soziologe die Besetzung der Palästinensergebiete
in einer Rede hier nur erwähnt und andeutungsweise klarzumachen versucht,
dass es für eine antizionistische Haltung rationale Gründe geben kann,
rührt sich im Anschluss im Publikum keine einzige Hand zum Applaus. Auf
den Gedanken, dass es eine von Antisemitismus wirklich und wahrhaftig freie
Zionismus- und Israel-Kritik nicht geben kann, wollen die hier Versammelten
sich nicht einlassen. "Zuhause", sagt der Soziologe später im
Hotelzimmer zu Shamir, "halten sie mich für einen Rechten und palästinenserfeindlichen
Rassisten." Hier ist er der Mann, der das Unaussprechliche aussprach. Jedenfalls
stellt Shamir es so dar. Am Ende des Films wagt auch er sich zu vorsichtigen
Urteilen vor: Abe Foxman, der für seine Ablehnung des Moscheebaus
in der Nähe des Ground Zero gerade heftig in der Kritik ist, und am Ende des
Films sicher eher in ungünstigem Licht dasteht, will er als Mann mit unendlich
feinem, vielleicht etwas zu feinem, Radar begreifen.
Es ist ganz gewiss eine Stärke, dass es der Film
sich und dem Betrachter zu guter Letzt nicht einfach macht. Recht gelassen wird
darin der Gedanke ausgesprochen, dass Israel von der Shoah immer
auch wie von einem Kredit zehrt, der das eigene Verhalten gegen Kritik teilweise
jedenfalls immunisiert. Irgendwo zwischen dieser - von Antisemiten natürlich
gerne missbrauchten - Feststellung und dem Vergleich Israels selbst mit den
Nazis liegt die Linie, die die Kritik am hoch kritikwürdigen Handeln eines
Staats von einer genuin antisemitischen Diffamierung trennt. Wo genau sie jeweils
verläuft, dazu behauptet "Defamation" keineswegs
eine Antwort zu haben. Weil er aber sehr unterschiedliche Perspektiven auf ein
heikles Feld präsentiert, schafft er jedenfalls auch keine falschen Klarheiten.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Defamation
OT: Hashmatsa
Israel / Dänemark / USA / Österreich 2009 -
93 min.
Regie: Yoav Shamir - Drehbuch:
Yoav Shamir - Produktion: Sandra Itkoff, Karoline
Leth, Knut Ogris - Kamera: Yoav Shamir - Schnitt: Morten Højbjerg - Musik:
Mischa Krausz - Verleih: Real Fiction - Altersfreigabe: ab 12 Jahre
- Besetzung: Abraham Foxman, Norman Finkelstein, Stephen M. Walt, John J. Mearsheimer
Kinostart (D): 26.08.2010
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