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The Deep Blue Sea

 

 

Strudel. Schwindel. Schnitt

In Terence Davies' "The Deep Blue Sea" bekommt man Liebe vorgeführt als starres Regime, das starke Subjekte produziert.

"The Deep Blue Sea" ist ein Schmachtfetzen, aber ein sperriger. Die längste Zeit kennt man sich nicht richtig aus in diesem Film, der mit einer wundersamen Ouvertüre beginnt. Da sieht man Handlungen in Vorbereitung auf einen Selbstmord, ein Abschiedsbrief wird verlesen und auf der Anrichte deponiert, der Gashahn aufgedreht. Zischelnd strömt das Gas aus, und andere Bilder drängen heran, Erinnerungen verwirbeln und verwirren sich, begleitet von einem Violinkonzert, das immer noch einen und noch einen und noch einen Höhepunkt erklimmt, schwelgerisch und pompös. Fragmentarisch, fluide, fast ohne Worte erzählt dieser Prolog von einem Kennenlernen und Verlieben. Er kulminiert in einer kreiselnden Kamera-Bewegung: ein Zirkeln über zwei verschlungenen nackten Körpern, kalt und marmorglatt und straff und fest. Strudel. Schwindel. Schnitt. Die Kamera dreht sich weiter, im Bild nicht mehr zwei nackte Körper, sondern ein bekleideter, Hester, halbtod.

Jetzt erst, nach gut 10 Minuten, verstummt die Musik, kommt der rauschhafte Bilderbogen zum Stillstand, kristallisieren sich allmählich Dialoge, Figuren, Szenen, ein Plot heraus, jetzt erst findet der Film zu einer konventionelleren Form. London, um 1950: Lady Hester Collyer (Rachel Weisz) hat ihren Ehemann, einen angesehenen Richter, verlassen, aus leidenschaftlicher Liebe zu dem schmucken Ex-Airforce-Piloten Freddie Page (Tom Hiddleston). Freddie und Hester leben zusammen in einer kleinen Wohnung, er vergisst ihren Geburtstag. Vor der Wohnungstür liegen Trümmer und Kriegsreste und im Kopf die Erinnerungen an Bombennächte im U-Bahn-Schacht. Freddie sehnt sich nach den Intensitäten des Krieges, Hester nach Intensitäten anderer Art. Oft sieht man Hester doppelt im Bild, erfasst von Spiegelbildern, die ihr irgendwie Gewalt antun, sie verblassen lassen und zusammenstauchen: Hester, die Hans-Bellmer-Puppe.

Eine unglücklich Liebende und eine verfahrene Situation, dennoch eine Augenweide. Die Bilder von "The Deep Blue Sea" - gefilmt hat sie der dffb-Absolvent Florian Hofstatter - haben eine fast malerische Qualität, es gibt viel Dunkel, viel Schwarz, stets im Kontrast mit Lichteinfall und Lampenschein: Chiaroscuro. Ein melancholischer Glanz, ein nostalgisches Funkeln liegt auf den alten braunen Möbeln, den dunkelgelb leuchtenden Tapeten, den Leder- und Wollstoffen, aus denen die Kostüme gefertigt sind. Austattung, Beschreibung einer Welt. Die Farben sind warm und die Konturen weich: Ein Netz habe man über das Kameraobjektiv gelegt, um diesen Look hinzubekommen, erzählt Regisseur Terence Davies in einem interessanten Interview in Filmcomment.

Aber was ist das für eine Liebe, die so liebevoll ins Bild gesetzt wurde, die so gut aussieht? Warum schaut man sich solche Lieben so gerne im Kino an? "Beware of passion, Hester. It always leads to something ugly," mahnt Hesters aristokratische Schwiegermutter an einer Stelle und steht damit stellvertretend für einen ganzen Repressionsapparat aus Konvention und Anstand, einen Repressionsapparat, dem Hester sich voll Leidenschaft und Opfermut entgegenstellt (entgegenstellen darf). "The Deep Blue Sea", basierend auf einem Theaterstück von Terence Rattigan aus dem Jahr 1952, zeichnet ein verführerisches Schwarz-Weiß-Bild von der Liebe. Er entwirft die Liebe als klar und einfach strukturierten Konflikt (kein Weichzeichner auf dieser Ebene): hier Leidenschaft (Freddie), dort bestenfalls Freundschaft und Vertrautheit, letztlich aber Selbstverleugnung (Ehemann). Einem Kinopublikum von heute, dem vielleicht weniger die Repression von Leidenschaften als vielmehr der ständige Appell zum Genuss Leiden schafft, muss das attraktiv erscheinen. Statt endloser Partnerwahlmöglichkeiten und totaler Permissivität ein starres Regime, das große Gefühle und starke Subjekte produziert: Hester, die weiß, was sie will, selbst wenn es sie ins Verderben stürzt.

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de


The Deep Blue Sea
USA / Großbritannien 2011 - Regie: Terence Davies - Darsteller: Rachel Weisz, Tom Hiddleston, Simon Russell Beale, Ann Mitchell, Jolyon Coy, Karl Johnson, Harry Hadden-Paton, Sarah Kants - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 98 min. - Start: 27.9.2012
 

 

 

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