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The Dark Knight Rises

 

 

Christopher Nolan beschließt seine Batman-Trilogie des heiligen Ernstes: In "The Dark Knight Rises" bekommt es Bruce Wayne mit einem psychotischen Maskenmann zu tun.

Ein Riss zieht sich durch Gotham City: Der Superschurke Bane, dessen Gesicht von einer Maske zusammengehalten wird, "damit der Schmerz erträglich bleibt", hat Bomben gezündet, die eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Die Spur führt zu einem Footballstadion, in dem der Maskenmann, direkt nach dem letzten Touchdown ever, die neue Ordnung verkündet: das alte, korrupte System ist gestürzt, jetzt regiert Bane im Namen des Volkes, unterstützt von einer Bombe, die die vermeintliche Revolution im Folgenden gleichzeitig antreiben und untergraben, verkörpern und ersetzen wird. Szenen wie diese, die hochtechnisiertes Spektakelkino verbinden mit in ihrem semantischen Gehalt zwar unscharfen, aber in jedem Fall reichlich düsteren gesellschaftlichen Allegorien, haben Christopher Nolans Batman-Trilogie, die nun mit "The Dark Knight Rises" ihren Abschluss findet, zu zentralen Werken des zeitgenössischen Hollywoodkinos gemacht: Gerade in ihrer Überfrachtung, in ihren energetischen und diskursiven Überschüssen, scheinen Nolans Filme in der Lage zu sein, jene Verbindung zwischen hochkapitalisierter Kulturindustrie und dem sozialen Raum, der sie umgibt, herzustellen, die in den meisten anderen Blockbustern der Gegenwart weitgehend gekappt zu sein scheint.

Dass der durch den originell erzählten Neo-Noir "Memento" bekannt gewordene Christopher Nolan in den letzten Jahren zum unumstrittenen Liebling einer neuen, hauptsächlich jungmännlichen und comicaffinen Cinephilie avanciert ist, hat mir dennoch immer nur halb eingeleuchtet. Zweifellos kommen seine am Reißbrett entworfenen Drehbücher und seine humorlos-perfektionistische Regie einer Rezeptionshaltung entgegen, der Vorlagentreue und "innere Logik" des Dargestellten über alles geht und die dem Fantastischen, an dem sie mit erschreckender Ausschließlichkeit interessiert ist, letzten Endes ein Korsett anlegt, das beengender ist als eine Orientierung am psychologischen Alltagsrealismus. Aber gleichzeitig entsteht in popkulturellen Zusammenhängen Mehrwert in erster Linie durch Rekombination bereits vorhandener Elemente und also durch ein bis zu einem gewissen Grad spielerisches Verhältnis zum Material; und wenn Nolans Filme etwas überhaupt nicht sind, dann spielerisch.

Nolans Kino ist eines des unbedingten, heiligen Ernstes und des bis zum Boden durchgetretenen Gaspedals, es befindet sich in einer ständigen Bewegung, die darauf gerichtet ist, die in ihm und in seinen männlichen Helden angelegten Widersprüche bis zum Äußersten zu treiben; selbst die Katharsis am Ende bleibt aus, im Fall von "The Dark Knight Rises" wird das besonders deutlich, weil der Film zwar auf ein zwangsläufiges, fast schon über-kathartisches Schlussbild zuläuft, das dann aber doch nicht stehen bleiben darf. Dass es in Nolans Gesamtwerk nicht eine interessante Frauenfigur gibt - Anne Hathaways Catwoman-Figur ist die vielleicht größte Enttäuschung im neuen Film, zumal wenn man an Michelle Pfeiffer in Tim Burtons "Batman Returns" zurückdenkt -, ist kein Zufall: Nolans Filme funktionieren sozusagen wie films noirs, in denen die Frau, die, wie die feministische Filmtheorie erklärt hat, den Blick anhält, den narrativen drive suspendiert, neutralisiert wurde. Was bleibt, sind hyperventilierende maskuline Neurosen. Wenn sein Kino nicht in einem Lauf Vollgas gibt, droht es, in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus, oder, siehe "Inception", wie eine Traumwelt nach dem Aufwachen. (Zur Frage, was das alles mit den fürchterlichen Ereignissen von Aurora, Colorado zu tun haben könnte, sei dieser dichte und dennoch vorsichtige Text des amerikanischen Kritikers Michael Sicinski empfohlen)

Manchmal mag man sich dann wünschen, dass genau das passiert, dass die bis zum Äußersten aufgeplusterten Filme platzen, in sich zusammenfallen, sich im Moment ihres Scheiterns neu erfinden müssen. Andererseits ist auch "The Dark Knight Rises" am stärksten, wenn er am lautesten ist, in dem großartig konstruierten - oder eher, auch dank Hans Zimmers wieder einmal unerbittlich wummernder Musik: orchestrierten - Mittelteil, wenn Nolan einen einspannt in eine epische Parallelmontage. Gotham City wird von Bane übernommen und mithilfe eines proletarischen Mobs totalisiert. (Man muss bei Blockbustern, die aus Prinzip zumeist alles und auch das Gegenteil sagen, vorsichtig sein mit politischen Interpretationen, deshalb kommt sie in die Klammer: Auf dieser Ebene ist der Film zumindest auch eine right-wing-Fantasie. Widerstand gegen Totalisierung ist nicht anders als polizeilich zu denken im selbst für Superheldenverhältnisse undemokratischen Batman-Universum. Die Ikonografie der Occupy-Bewegung wird mit der der französischen Revolution verknüpft, nur um beide auf einmal diskreditieren zu können. Batman ist ein gefallener Held, der in einer gefallenen Stadt für den schlechten Status Quo kämpft. In seinen besten Momenten formt der Film das Bild einer Welt, in der es nur falsche Entscheidungen gibt, in seinen schlechtesten tauchen adrette Waisenjungen auf, die Bruce Wayne stellvertretend fürs große Ganze retten darf.)

Währenddessen ist der Schmerzensmann Christian Bale als Bruce Wayne / Batman in einer dunklen Unterwelt gefangen, in einer Grube der Verdammten, deren Wände er erklimmen muss, um wieder ans Tageslicht zu gelangen. Dabei konturiert sich Stück für Stück eine Geschichte aus einer mythischen Vorzeit, über Freundschaft und Verrat, über Wunden, die nicht heilen und die den Schrecken aus dem dunklen, vorgeschichtlichen Loch in die moderne Welt und in die Gegenwart hinausträgt.

Daneben gibt es, vor allem am Anfang und am Ende, viel Leerlauf, Nebenhandlungen, die vor allem dazu da zu sein scheinen, einen Film, der in einer anderen Produktionslogik ein stringenter Neunzigminüter sein könnte, auf Blockbusterlänge zu strecken. "The Dark Knight Rises" ist nicht so kraftvoll wie "The Dark Knight" und lange nicht so gut geölt wie "Inception". Und als Versuch, Autorenkino unter den Bedingungen des Blockbusterkinos zu machen, leider vermutlich ein Auslaufmodell. Nächstes Jahr folgt noch Zack Snyders (von Nolan geschriebene) Superman-Version, danach wird sich aller Voraussicht nach die Strategie der Marvel Studios ("Marvel's The Avengers" und Umfeld) durchgesetzt haben, denen es gelungen zu sein scheint, den Moment des Wahnwitz', der die großen Actionspektakel der letzten zwei, drei Jahrzehnte erst interessant gemacht hat, zu bändigen: Unambitionierte Regisseure drehen stromlinienförmige Fantasystreifen, die vor allem unter dem Aspekt ihrer Anschlussfähigkeit an vorhandene franchises konzipiert sind: ein Triumph der popkulturellen Kombinatorik, errungen gegen die Widerstände einer chaotischen Gegenwart.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

The Dark Knight Rises
USA / Großbritannien 2012 - Regie: Christopher Nolan - Darsteller: Christian Bale, Anne Hathaway, Tom Hardy, Marion Cotillard, Joseph Gordon-Levitt, Michael Caine, Gary Oldman, Morgan Freeman, Matthew Modine - FSK: ab 12 - Länge: 164 min. - Start: 26.7.2012

 

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