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The Danish Girl

 


Gewebe der Wirklichkeit

Ein Film für die Oscarsaison: Tom Hoopers Transgenderdrama "The Danish Girl" führt in eine entweltlichte Welt, in der die Abblende regiert.

Hinter dem kleinen, rechteckigen Fenster räkelt sich eine nackte Frau auf einem Stuhl, blickt lasziv ins Nichts, streichelt sich mit den Händen über Gesicht und Brüste. Vor dem kleinen, rechteckigen Fenster sitzt ein angezogener Mann auf einem Stuhl, blickt gebannt auf die Frau - und streichelt sich ebenfalls mit den Händen über Gesicht und (die noch flachen) Brüste. So ist das Dispositiv "Peep Show" nicht gedacht. Das basiert normalerweise auf der absoluten Trennung von (männlichem) Blick und (weiblichem) Körper. Wenn Einar Wegener (Eddie Redmayne) die anonyme, als Blickobjekt käufliche Schöne betrachtet, dann konfrontiert ihn das dagegen mit seinem eigenen Leib. Beziehungsweise, ähnlich wie in Lacans Theorie des Spiegelstadiums, mit dessen Makel: Der Maler fühlt sich als Frau, muss aber vorläufig noch in einem männlichen Körper leben.

Einar Wegener lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Dänemark und Frankreich. Bevor er sich dazu entschloss, sich einer der ersten vollständigen chirurgischen Geschlechtsumwandlungen zu unterziehen, erfand er als Behelfslösung die Zweitidentität Lili Elbe: Unter diesem Namen wurde in den 1910ern eine schlanke, hochgewachsene Dame in die Pariser Künstlerszene eingeführt - an der Seite von Einars Frau Gerda Wegener (im Film: Alicia Vikander), die ihrerseits ebenfalls Malerin war und nicht zuletzt mit ihren Elbe-Porträts einigen Ruhm erlangte. Eine historisch verbürgte Geschichte über die Komplexität geschlechtlicher und sexueller Erfahrung, der sich "The Danish Girl" freilich, darauf wurde von verschiedenen Seiten (zum Beispiel hier) hingewiesen, nicht in vollem Umfang stellt - unter den Tisch fällt in der Filmversion unter anderem Gerda Wegeners lesbisches Begehren.

Freilich hat eine Kritik, die strikt identitätspolitisch argumentiert, immer etwas polizeiartig Autoritäres an sich, weil sie Filme auf Repräsentationsverhältnisse und Sprecherpositionen scannt, aber sich kaum für Bilder und Darsteller interessiert. Und zum Beispiel auch die schönen Szenen zu Filmbeginn übersieht, die sich der Erfindung / Entdeckung der Lili Elbe widmen. Wie die großartig exaltiert, wirbelwindhaft aufspielende Vikander dem manchmal etwas zu bemüht virtuos, aber schon auch einnehmend intensiv aufspielenden, 1000 kleine Ticks kultivierenden Redmayne Frauenkleider anlegt, zuerst nur als Notlösung, weil ein anderes Model nicht verfügbar ist. Wie dann beide Spaß an der Sache finden, wie sie gemeinsam das Gehen auf Stöckelschuhen üben, wie sie ihm / ihr beim Schminken hilft. Wie die beiden sich schließlich als weibliches Doppel in die Öffentlichkeit wagen, nervös und aufgeregt. Zwischendurch schlüpft Redmayne wieder in Männerkleidung und, nun wieder als Einar, auch mit seiner Frau ins Bett.

Aber was wird daraus, aus dem Sex, auch aus der Liebe der beiden, wenn Lili Elbe Permanenz beansprucht, wenn irgendwann nicht mehr Kleider, sondern Geschlechtsteile ausgetauscht werden? Die ersten 20, 30 Minuten des Films entwerfen das berückende Modell einer Zweierbeziehung mit offenem Horizont: Alle sozialen, sexuellen, künsterischen Rollen stehen in jedem Moment auf dem Spiel; jede Berührung, jeder Schritt, jeder Blickwechsel ist potentiell eine neue Erfahrung. Jede Berührung vor allem. Denn Lili Elbe ist das Werk nicht eines, sondern zweier Menschen. Komplett verliert sich die filigrane Eindringlichkeit dieser frühen Szenen, die unbedingte Intimität, die sich zwischen Redmayne und Vikander herstellt, auch im weiteren Film nicht.

Aber sie wird von allen Seiten umstellt. In stilistischer Hinsicht ist sie das von Anfang an. Vor allem, weil der Regisseur Tom Hooper auf die ebenso naheliegende wie fatale Idee verfällt, seinen Film über zwei Maler auch ganz besonders "malerisch" zu gestalten. Das heißt: Es gibt jede Menge pittoreske Ton-in-Ton-Kompositionen, Hausfassaden zerfließen allerliebst in ihren Wasserspiegelungen, die Boheme-Welt erscheint als eine endlose Abfolge überkandidelter Fassnachtkostümparty-Stillleben. Bilder, die mit allerlei dekorativem Krust vollgestellt sind und gleichzeitig eine sonderbar leere, entweltlichte Welt entwerfen.

Solange Redmayne und Vikander weitgehend für sich sind, ist auch das nicht ohne Reiz, schließlich schaffen die beiden tatsächlich eine eigene, andere, offensiv künstliche und gerade darin wahrhaftige Welt. Sobald allerdings das Biopic- und Historienfilmartige stärker durchschlägt, verliert "The Danish Girl" rapide an Intensität. Hoopers Arbeit mit Schauspielern ist, das hatte auch seine auf ähnliche Weise zwiespältige "Les Miserables"-Version gezeigt, nicht uninteressant, weil er ein Gespür für das richtige Maß an Exzentrik hat; als Erzähler allerdings ist er einerseits schrecklich pedantisch und andererseits ein allzu konventioneller Rhetoriker. Es geht nicht um Menschen, die in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort leben, sondern um Punkte, die gemacht werden wollen; und die dann auch so aussehen: gemacht.

Der Punkt "Homophobie" zum Beispiel: Zwei Rumtreiber mit französischem Akzent attackieren Lili im Park! Aber schnell abblenden, bevor es schmutzig wird ... Oder der Punkt "medizinische Grausamkeiten, die glücklicherweise der Vergangenheit angehören": Lili wird, zwecks Austreibung von Weiblichkeit, auf einem Behandlungstisch festgeschnallt! Bösartiges Gerät nähert sich dem zitternden Körper, der in Aufsicht, lang ausgestreckt, dem Insektenforscherauge dargeboten wird. Dazu wummert der (leider durchweg unerträgliche) Soundtrack besonders unglücksverheißend; dann aber doch gleich wieder eine Abblende, gerade noch rechtzeitig ... Geschichte vollstreckt sich, geschmackvoll geframet, an Menschen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

 

 
The Danish Girl
USA, Großbritannien 2015 - 120 Min. - Kinostart(D): 07.01.2016 - Regie: Tom Hooper - Drehbuch: David Ebershoff, Lucinda Coxon - Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, Anne Harrison, Tom Hooper, Gail Mutrux, Linda Reisman - Kamera: Danny Cohen - Schnitt: Melanie Oliver - Musik: Alexandre Desplat - Darsteller: Alicia Vikander, Eddie Redmayne, Amber Heard, Matthias Schoenaerts, Ben Whishaw, Emerald Fennell, Sebastian Koch, Rebecca Root, Jeanne Abraham, Victoria Emslie, Adrian Schiller, Cosima Shaw, Richard Dixon, Ole Dupont, Ida Emilie Krarup - Verleih: Universal Pictures Germany

 

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