zur startseite

zum archiv

zu den essays

Die Damen vom Bois de Boulonge

 

 

 

Bressons zweiter Film adaptiert eine Episode aus Denis Diderots Roman Jacques le Fataliste. Dort wird von der Liebe der Madame de La Pommeraye zu dem Marquis des Arcis berichtet. Als sie merkt, daß der Marquis keine Liebe für sie empfindet, rächt sie sich an ihm, indem sie ihn in eine Mesalliance mit Mademoiselle d'Aisnon treibt, einer Frau von zweifelhaftem Ruf. Nach der Hochzeit enthüllt sie ihm triumphierend das Vorleben seiner Frau. Bresson, dem Jean Cocteau die Dialoge schrieb, hat die Episode in die vierziger Jahre verlegt. Aus der Liebesgeschichte der Madame und des Marquis, die mit einer Kritik der Moral verbunden war, wird ein psychologisches Kalkül, das seinen Höhepunkt weniger in dem formalen Verstoß gegen die Gesetze der Etikette, sondern in der Demütigung, in der Eiseskälte der Verachtung finden soll. Jedoch bei Bresson wie bei Diderot mißlingt dieser Versuch: der Marquis hält an der Liebe zu seiner Frau fest und verzeiht ihr.

 

Bresson hat einige Veränderungen in der Charakterisierung der Personen vorgenommen. Mlle. d'Aisnon, im Film die Agnès (Elina Labourdette), die in der Erzählung bloßes Instrument der Rache ist, erhält eine Bedeutung über die Existenz als Spielball der Intrigen Hélènes (Maria Casarès; im Roman die Figur der Madame de La Pommeraye) hinaus. Mehrfach versucht sie sich den Plänen und Manipulationen Hélènes zu entziehen. Agnès ist ein Opfer nicht nur der Strategie Hélènes. Nachdem es Jean (Paul Bernard; bei Diderot der Marquis des Arcis) gelungen ist, die Adresse von Agnès zu erfahren, die Hélène »zufällig« im Gespräch entschlüpft ist, paßt er diese vor ihrer Wohnung ab. Es regnet heftig. Agnès, erschreckt durch die Zudringlichkeit Jeans, der ihre geheimgehaltene Adresse herausgefunden hat, gibt ihm schließlich einen Regenschirm mit der ausdrücklichen Bitte, ihn nicht zurückzugeben, sie also kein weiteres Mal aufzusuchen. Später kommt sie glücklich nach Hause, tanzt, erzählt ihrer Mutter, daß die einsame und abhängige Existenz, die beide führen, ein Ende habe: sie hat Arbeit gefunden. Am nächsten Tag jedoch ist diese Hoffnung zu Ende: die männliche Kundschaft hat die ehemalige Tänzerin des Nachtlokals »Boîte de nuit« wiedererkannt. Der Versuch, einen eigenen Weg zu finden, nicht mehr den Plänen Hélènes, die sie irgendwie erahnt, oder dem wohlmeinenden und demütigenden Management ihrer Mutter ausgesetzt zu sein, ist gescheitert. Eine der ersten Szenen des Films zeigt ihren glanzvollen Tanz in der » Boîte de nuit«. Ein Ausbruch unmittelbarer Freude und Lust, der vor prüfenden und begehrenden Blicken verkauft wird. Das Glück und die Schönheit, welche ihr Körper vermittelt, wird vor den Blicken der Männer zu einem fungiblen Zeichen kalkulierter Lust. Dem Tausch, der hier inszeniert wird, wohnt die Zerstörung und die Herrschaft inne. Die Mutter, Madame D., bringt ihre Tochter in einem Hinterzimmer mit dem Herrenzirkel der intimen Kunden zusammen. Agnès tanzt mit einem der Herren, in betont lässiger Haltung und dessen Avancen zurückweisend. Verächtlich lächelnd, selbstherrlich und doch machtlos vor der Entschiedenheit Agnès', bläst dieser ihr den Zigarettenrauch ins Gesicht. Die Kamera, halbhoch hinter Agnès, macht die verfügende Gewalt deutlich. Die Bilder der Gewalt und des Sadismus, die dem Abweichenden, dem Ungleichen angetan wird, sind in Bressons Werk immer deutlicher und klarer geworden, bis hin zu der namenlosen Verwüstung in LANCELOT DU LAC. Agnès ist die erste der machtlosen und doch revoltierenden Frauen in Bressons Filmen.

Aber auch Hélène, Gegenspielerin von Agnès und Motor der Handlung, ist kein dämonischer Drachen, sondern ihr Motiv ist die enttäuschte Liebe zu Jean. Nachdem ihr »alter Freund« Jacques sie darauf hinweist, daß Jean sie nicht mehr wirklich liebt, faßt sie ihren Plan. Sie will Jean prüfen und erklärt ihm, daß ihre Leidenschaft für ihn geschwunden sei. Jean, glücklich über dieses Geständnis, das ihm erlaubt, nun seinerseits die erkaltete Liebe einzugestehen, macht einen Vorschlag: man solle weiterhin »Freunde bleiben«. Das ist das Äußerste an Zurückweisung für Hélène. »Ich werde mich rächen.« Sie sucht Madame D. und Agnès auf, welche sie von früher kennt, bietet ihnen an, sie von ihrer dürftigen Existenz zu befreien, bezahlt ihre Schulden, verschafft ihnen eine neue Wohnung. Die Bedingung: beide müssen tun, was sie sagt, sie sollen sich ganz von ihrer früheren Existenz lösen. Planmäßig führt Hélène das erste Zusammentreffen zwischen Jean und Agnès im Bois de Boulogne herbei. Auf Bitte Jeans, der bald von Agnès' Anblick gefangen ist, arrangiert sie ein Essen, zu dem »zufällig« auch Jean kommt. Sie bestärkt Jean in seinen Heiratsabsichten und stellt Agnès, die zögert, - weil Jean, den Brief, den sie ihm geschrieben hatte, nicht gelesen hat und der deshalb die Wahrheit über ihr Vorleben nicht kennt - vor die Alternative zu heiraten oder Jean die Wahrheit zu sagen und ihn möglicherweise zu verlieren. Schließlich arrangiert sie eine große Hochzeit; noch in der Sakristei gibt sie Jean den Rat, sich vorsichtshalber über »diese Kleine« zu erkundigen.

Hélène disponiert; sie verfügt über die Zeit und den Raum, schiebt die Personen wie auf einem Schachbrett hin und her. Ihre scheinbare Aufrichtigkeit Jean gegenüber verleiht ihr Macht über ihn; das Geld, mit dem sie die Schulden von Madame D. und Agnès bezahlt, über Mutter und Tochter. Macht und Geld, Zeit und Raum: obwohl Bresson eindeutige Verweise auf die Realität der vierziger Jahre vermeidet, allen Personen etwas Zeitloses und generell Typisches anhaftet, hat er doch in der Artikulation dieser Momente, wenn auch noch dunkel, die Instrumente der verfügenden Gewalt benannt. Hinzu kommt noch: Hélènes Macht beruht auf dem Wissen, das die anderen nicht haben. Sie disponiert: telefonisch bestellt sie Agnès und ihre Mutter zur Kaskade im Bois de Boulogne; telefonisch teilt sie Madame D. ihre Zufriedenheit nach diesem Zusammenkommen mit; sie läßt Agnès einen Brief schreiben, an sie adressiert, den sie Jean aushändigt; sie empfiehlt Agnès: »Streichen Sie drei Jahre aus Ihrem Leben!«; sie prophezeiht Jean, er werde seine Reise bald wieder abbrechen; sie gibt Adressen preis und dirigiert die Choreographie des Treffens am Bois de Boulogne. Jedoch ihre Organisation scheitert. Jean hat den Empfang nach der Hochzeit verlassen, fassungslos, er versucht mit seinem Auto wegzufahren. Da erscheint Hélène im Fenster, zum letzten Schlag ausholend: »Sie haben eine Hure geheiratet ... Sie haben mir einen Streich gespielt, ich habe das Gleiche mit Ihnen getan.« Jean fährt weg, Hélène verschwindet aus dem Bild; für einen Moment fängt der Film die Einsamkeit ein, in der Hélène nun endgültig versinken wird.

 

Der Bedeutung der Planung und Organisation, die in diesem Film noch in der Psychologie der Hélène konzentriert sind, entspricht die der Kommunikationsmittel. Der Planung und Verwaltung des Zusammenhangs und Zusammentreffens zwischen Menschen entspricht die Einsamkeit, die auch die Kommunikationswege nicht überbrücken, die Mißverständnisse und Irrtümer. Gegenstände, die von einem zum andern gehen, Botschaften, Wege spielen in diesem Film wie in den späteren Filmen Bressons eine außerordentliche Rolle. Der Brief, den Hélène Agnès schreiben läßt, der Brief, den Agnès vergeblich Jean geben will, der Brief von diesem an Agnès, in dem er seine Liebe beteuert - der Regenschirm, den Agnès Jean gibt; die Blumen der Freier, von Jean für Agnès; das Telefon, das Botschaften vermittelt, welche die Adressaten nicht durchschauen; die Mitteilung von Adressen, die über das Schicksal entscheidet; die Ohrringe, die Hélène von ihrem Juwelier her kennt und die sie plötzlich bei Agnès wiederfindet; die gewundenen Treppen, durch die Schatten auf den Wänden zur Imagination von Gittern, endlosen Wegen und Hindernissen verstärkt, sowohl vor dem Appartement Hélènes wie in der Wohnung Agnès', die Türen, das Auto, in dem Jean Agnès nach ihrem Treffen an der Kaskade mitnimmt - sie verloren im Fond. »Die Kommunikation besorgt die Angleichung der Menschen durch ihre Vereinzelung«, schrieben Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung zu etwa der gleichen Zeit. Der Zusammenhang von Kommunikation und Vereinzelung, den Bresson berührt, ist besonders greifbar in der Szene im Treppenhaus. Jean, wütend über Hélènes fehlende Kooperationsbereitschaft für ein Treffen mit Agnès, stürzt aus ihrem Appartement, er nimmt den Aufzug. Hélène, ihm nacheilend, hält den Aufzug, der bereits einen halben Stock tiefer ist, an, indem sie die Aufzugtüre ihres Stockwerks aufzieht. Kurzer Disput. Der Aufzug fährt weiter, Hélène, der die Kamera folgt, läuft ihm auf der Treppe nach; sie erreicht Jean unten und gibt ihm schließlich nach. Eifersucht: Grund ihrer ersten Weigerung; Angst: Jeans brüsker Abschied gefährdete ihren Plan, daher ihr Nachgeben; alles bleibt unausgesprochen, es kommt gerade zur Regelung technischer Einzelheiten; die Sprache und die Menschen werden vom technischen Apparat überwältigt, sie laufen ihm gerade noch hinterher.

 

Die Damen vom Bois de Boulonge ist Bressons Abschied von dem, was er »photographiertes Theater«, Cinema, nennt. Er hat hier noch einmal mit dem vordergründigen Realismus eines alle Ebenen des Films umfassenden Sujets gearbeitet, die psychologische Charakterisierung und Deutung der Personen, die dramatische Entwicklung, die Konstruktion eines geschlossenen Zusammenhangs versucht. Noch herrscht die vertikale Hierarchie von Schauspielern und fiktiven Personen, von Sprache und Denken, Bild und Ton, Intention und realisierter Darstellung vor. Trotzdem gibt es bereits ein neues Element. Die mehrfach notierte Geschlossenheit, Einheitlichkeit und Ökonomie des Films, die sich nicht nur auf den Inhalt bezieht, hat ein paradoxes Resultat gezeitigt: die zunehmende Konzentration, die Vergeistigung, implizierte nicht nur den Verzicht auf Psychologie als Explikation dessen, was verständlich ist, sondern die Aufgabe jener Einheit, in der alle Elemente scheinbar bruchlos ineinander aufgehen.

 

 

Stefan Schädler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Robert Bresson; Band 15 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1978, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags.

 

Die Damen vom Bois de Boulogne

LES DAMES DU BOIS DE BOULOGNE

Frankreich 1944/45

Regie : Robert Bresson Buch: Robert Bresson, nach einer Episode aus Denis Diderots Roman Jacques le fataliste et son maître; Dialoge: Jean Cocteau. - Kamera: Philippe Agostini (2. Kamera: Jean Bourgoin). - Schnitt: Jean Feyte. - Musik: Jean-Jacques Grunenwald. - Ton: René Louge, Robert Ivonnet, Lucien Legrand. - Szenenbild: Max Douy. - Kostüme: Grès. - Regieassistenz: Roger Mercanton, Raymond Bailly, Paul Barbellioni. - Darsteller: Maria Casarès (Hélène), Elina Labourdette (Agnès), Lucienne Bogaert (Madame D., Mutter von Agnès), Paul Bernard (Jean), Jean Marchat (Jacques), Yvette Etievant (Zimmermädchen), Bernard Lajarrige, Nicole Regnault, Marcel Rouzé, Emma Lyonel, Lucy Lancy, Marguerite de Morlaye, der Hund Katsou. - Produktionsfirma: Los Films Raoul Ploquin. - Produzent: Raoul Ploquin. - Produktionsleitung: Robert Lavallée. - Gedreht im Mai 1944 und Februar 1945 in Paris. - Format: 35 mm, sw. - Originallänge: 2642 m = 96 min. 34 sec. Deutsche Länge (Fernsehfassung): 2240 m = 78 min. 36 sec. Sendelänge. - Uraufführung: 21. 9.1945, Paris. - TV: 12. 5.1969 (ZDF). - In der Bundesrepublik nicht verliehen.

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays