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Der Club der toten Dichter

Die Märchenstunde des Captains

 

„Wir lesen und schreiben Gedichte nicht nur zum Spaß“, erklärt Lehrer Keating seinen aufmerksamen Schülern. Wir lesen und schreiben Gedichte, weil wir zur Spezies Mensch zählen. Und die Spezies Mensch ist von Leidenschaft erfüllt. Jura, Wirtschaft, Medizin und Technik sind zwar durchaus edle Ziele und auch notwendig, aber Poesie, Schönheit, Romantik und Liebe sind die Freuden unseres Lebens. Wozu nützt das Leben? Wozu bin ich da? Damit das Spiel der Mächte weitergeht und ich meinen Vers dazu beitragen kann.“

 

Solche Sätze aus dem Mund eines Lehrers sind revolutionär; erst recht in Zeiten, in denen kaum noch gelesen wird, die Geisteswissenschaften für die Gestaltung der Gesellschaft kaum noch ernst genommen werden und Bildung und Intellektualität immer seltener die allgemeine Alltagstechnokratie durchbrechen. Wörter machen Leute behauptet also Keating. Bei dieser erholsam romantischen Vorstellung über die Macht der Wörter lässt sich die allgemeine Beliebtheit für diesen Film verstehen.

 

Zählt demnach „Der Club der Toten Dichter“ auch zu den wenigen guten Filmen über Schule? So wie beispielsweise Lindsay Andersons „If…“ (1968), Marek Kanievskas „Another Country“ (1984) oder Gus Van Sants „Elephant“ (2003)? Diese Werke sind herausragend, weil sie kompromisslos Schule als das zeichnen, was sie meistens ist: ein Unterdrückungsapparat, ein mörderischer Massenbetrieb und eine Reproduktionsstätte der Macht und Ungleichheit. Etwas Anderes könne Schule auch gar nicht sein, wenn man den französischen Denkern Pierre Bourdieu und Michael Foucault Glauben schenkt. Es ist nun einmal der Auftrag der Schule, für den Erhalt einer Gesellschaft nützliche und gehorsame Funktionsträger heranzuziehen und keine Rebellen.

 

Wenn der australische Regisseur Peter Weir sich des Schulthemas annimmt, kann man auch etwas ähnlich Gutes erwarten wie bei „If…“ oder „Elephant“. Denn schon einmal, Ende der siebziger Jahre, hatte sich Weir mit dem kleinen Meisterwerk „Picknick am Valentinstag“ erfolgreich dem Schul-Sujet gewidmet und damit sogar das australische Kino auf die kinematografische Landkarte gebracht. Damals schilderte er in Gestalt eines Mystery-Dramas, wie die züchtig-viktorianisch geordnete Welt eines Mädcheninternats aus den Fugen gerät, als drei Schülerinnen und eine Lehrerin sexuell erwachen und der Enge ihrer Schulwelt durch ihr Verschwinden entfliehen.

    

Bei „Der Club der toten Dichter“ sind nun statt der Mädchen dieses Mal die Jungen dran und tatsächlich ist die Grundidee auch gar nicht übel: Wir befinden uns auf der elitären Welton-Akademie, in den fünfziger Jahren der Vereinigten Staaten. Dort sollen, basierend auf den Werten Tradition, Ehre, Disziplin und Leistung, Schüler zu zukünftigen Stützen der Gesellschaft geformt werden. Alle Schüler folgen deshalb vorgefertigten Lebensentwürfen. Doch ausgerechnet der neue Englischlehrer John Keating vermittelt seinen Schülern Eigenständigkeit und den Mut zum Leben und predigt ihnen die Verpflichtung, etwas Außergewöhnliches daraus zu machen. Das klingt auch heute noch wohltuend aktuell; gerade im Hinblick auf die unaufhörliche Erziehungs- und Bildungsmisere, die so alt ist wie der Film selbst. Obgleich man zugeben muss, dass Keating gar kein richtiger Lehrer ist, der mit seinen Schülern gemeinsam Inhalte erarbeitet. Vielmehr ist er ein Philosoph, der seinen Schülern sein fertiges Weltbild vermittelt. Dennoch gelingt Captain Keating das, was die höchste Pflicht und Her-ausforderung für einen Lehrer sein sollte und zugleich der Prüfstein seines Könnens bedeutet: Er verhilft seinen Schülern Neal, Todd oder Knox zum Glauben an sich selbst und die ihnen eigenen Talente. Das ist ein Meisterstück erzieherischen Handwerks. Wo gibt es das heute noch bei dem immer schlechter werdenden Lehrerpersonal? Wo finden Schüler heute noch Lehrer, die sie mit Vertrauen und Liebe führen, statt mit einstudiertem pädagogischen Firlefanz zu langweilen? „Oh Captain, mein Captain“, kann man da nur klagen.

 

Der romantische Kniff dabei: Keatings Carpe-Diem-Prinzip ist angenehm erfolgsunabhängig. Es kommt nicht darauf an, einen Ertrag zu erwirtschaften, sondern die Grenzüberschreitung zum Außergewöhnlichen an sich bereitet bereits Befriedigung. Der liebestrunkene Knox beweist das in einer Schlüsselszene, als er seiner angebeteten Chris vor ihren Mitschülern ein Liebesgedicht vorträgt. Ihre Reaktion war für Knox nach seiner Selbstoffenbarung nicht mehr wichtig. Hauptsache, er hatte den Mut dazu, das zu tun.

Robin Williams ist mit seinem energischen Temperament für Keatings Enthusiasmus die passende Besetzung. Dabei fällt auf, dass er in dieser frühen dramatischen Rolle erholsam unaufdringlich spielt und nicht ins eitle Overacting verfällt – wir wissen, er kann auch anders und eine Rolle mit selbstgefälligen Gesten komplett zerspielen, besonders in seinen Komödien wie „Good Morning Vietnam“. Liam Neeson, der ursprünglich für die Hauptrolle vorgesehen war, wäre mit seiner stillen Nachdenklichkeit die falsche Wahl gewesen.

 

Doch gegen das Dilemma seiner Figur kann auch ein Robin Williams in guter Form nicht anspielen: So bleiben nämlich Captain Keatings Erziehungsmethoden unglaubwürdig und an dieser Stelle fängt die Misere des Films an. Es erscheint doch eher wie eine märchenhafte Vereinfachung, wenn Captain Keating über Stühle und Bänke hüpft, um seinen Schülern Individualität zu veranschaulichen. Außer diesen akrobatischen Revuenummern bietet er nicht viel an Unterricht. Für Meister Keating scheint es den Lehrauftrag nicht mehr zu geben, Literatur zu unterrichten. Zum Teufel mit dem Lehrplan und zum Teufel mit dem Examen, auf das Keating seine Schutzbefohlenen vorzubereiten hat.

 

Gewiss, diese pädagogische Märchenstunde im Klassenzimmer ist den Zwängen eines Massenfilmes geschuldet. In erster Linie muss sich eine Botschaft gut anfühlen, wenn sie nicht verpuffen soll. Das sind nun einmal die Gesetze der Kommunikation. Die kritisch-rationale Überprüfung auf ihren Realitätsgehalt kommt erst in zweiter oder dritter Linie. Zu diesem Zweck weiß Weir auch mit der Bildgestaltung das Wohlfühlklima im Film mit hohen Temperaturen zu versehen. Zusammen mit seinem Kameramann John Seale komponiert er einnehmende Bilder, die die Stimmung der dramatischen Handlung betonen. Und die Wahrnehmung des Zuschauers geschickt steuern. So baden beispielsweise die Landschaftsbilder des Schulgrundstücks geradezu in goldbraunen Herbstfarben, bis sie sich später am Wendepunkt des Filmes zu einer satten Schneelandschaft wandeln. Dieser Wechsel der Jahreszeiten, vom Herbst zum Winter, ist ein Gestaltungsspiel mit Archetypen und symbolisiert die sich anbahnende Tragödie des Schülers Neal bei seinem Versuch, sich gegen den Willen seines diktatorischen Vaters als Schauspieler selbst zu verwirklichen. Nach Neals Selbstmord und Keatings Entlassung vermitteln die Schlussbilder jedoch wieder Hoffnung. Die goldbraunen Farben kehren zurück, zumindest ins Klassenzimmer. Das Klassenzimmer wird so zum psychologischen Raum, zum Raum der Hoffnung, die Todds Revolte für den Zuschauer vermittelt. Es ist ja auch herzzerreißend, wenn die wesentliche Identifikationsfigur des Films, der schüchterne und unbeholfene Todd, alle Härten des Systems abschüttelt und dem ungerechten Schulleiter trotzt, um so seine Solidarität für den geschassten Captain Keating zu demonstrieren. Das weckt bei so manchen den Wunsch, selbst einmal die Kraft zum Widerstand zu finden, zumindest für eine Revolte im Kleinen, und im Kino- oder Fernsehsessel sind derartige Träume erlaubt.

 

Trotzdem: Mögen die filmischen Mittel noch so gekonnt sein, Keatings Figurenzeichnung bleibt unglaubwürdig. Denn wie kann es sein, das ausgerechnet eine Eliteschule wie die Welton-Akademie, die doch so sorgfältig das Personal an Schülern und Lehrern auswählt, einem revolutionären Pädagogen in ihre Anstalt aufnimmt, einen Pädagogen, der alles unternimmt, vorgegebene Inhalte und Werte dieser Eliteschule durch sein Erziehungsideal „Carpe Diem“ zu torpedieren. Nicht zuletzt fragt man sich, wie Keating zu dem Freidenker geworden ist. Wie konnte er beim Marsch durch die Institutionen einen derartigen Freigeist entwickeln? Doch diese Frage lässt der Film unbeantwortet, wahrscheinlich weil das ein derart bemerkenswertes Kunststück ist, das in der Realität kaum einer vollbringt. Zumal jeder bei diesem Marsch dazu ausgebildet wird, Macht und Ungleichheit zu reproduzieren und Schüler zu funktionalisieren, und deswegen gerade nicht Schüler individuell zu begaben.

 

Die Neals, Todds und Knoxes dieser Welt müssten schon aus sich selbst heraus ein Unrechtsbewusstsein und einen Widerspruchsgeist entwickeln. So wie in „If…“, wo eine Gruppe von Schülern gegen die Unterdrückungsmaschinerie ihrer Schule zu den Waffen greift. Doch auch „If…“ bietet inzwischen nicht mehr als eine romantische Vorstellung eines Widerstandes. Zu überholt ist der Rebellionsgeist der 68er-Zeit und zwar in zweierlei Hinsicht: Denn erstens gilt der Gewaltakt, gegen ein Unrecht ausgeführt, längst nicht mehr als progressive Tat und zweitens haben die „If…“-Schüler nichts mehr mit dem heutigen Schülerbild zu tun. Denn wo gibt es noch Schüler, die aus sich selbst heraus Ungehorsam gegen die Unterdrückung entwickeln und Widerstand gegen die Anpassung leisten? Wo? Wenn doch Anpassung und Charakterlosigkeit nicht erst seit heute als Zeitgeist gelten, und immer mehr Schüler stolz darauf sind, nie ein Buch gelesen zu haben; Schüler, aus denen auch eines Tages Lehrer werden.

 

Malte Krüger

 

Der Club der toten Dichter

DEAD POETS SOCIETY

USA - 1988 - 128 min. - Verleih: Warner Bros., EuroVideo (Video) - Erstaufführung: 25.1.1990/11.12.1990 Video - Produktionsfirma: Touchstone/Silverscreen Partners IV/Steven Haft Prod./Witt-Thomas Prod. - Produktion: Steven Haft, Paul Junger Witt, Tony Thomas

Regie: Peter Weir

Buch: Tom Schulman

Kamera: John Seale

Musik: Maurice Jarre

Schnitt: William M. Anderson

Darsteller:

Robin Williams (John Keating)

Robert Sean Leonard (Neil Perry)

Ethan Hawke (Todd Anderson)

Josh Charles (Knox Overstreet)

Gale Hansen (Charlie Dalton)

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