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Circles

 

 

Srdan Golubovics Traumafilm "Circles" läuft auf die Erkenntnis heraus, dass kein Tod sinnlos ist.

Obwohl es einem die serbisch-deutsch-französisch-slowenisch-kroatische Koproduktion "Circles" eigentlich sehr einfach macht, hatte ich mich, ehe mir klar wurde, welches Spiel hier gespielt wird, geschätzte dreißig Minuten auf der falschen Fährte befunden. Gleich zu Beginn ereignet sich ein Zeitsprung. Auch weil die zunächst auf jung geschminkten Darsteller in der rahmenden Rückblende so sonderbar aussahen, konnte ich sie in der Erzählgegenwart, auf alt geschminkt und darin kaum weniger sonderbar, erst nicht richtig zuordnen. So legte sich, für geschätzte dreißig Minuten, auf in Wirklichkeit sehr überschaubare Vorgänge ein Nimbus des Rätselhaften; der fade Förderfilm, der "Circles" recht eigentlich ist, ward seltsam und fremd. Waren Täter- und Opferrollen in den dazwischen liegenden Jahren neu verteilt worden? Sind das aufgesetzte Makeup und das historisch ungenaue Kostümbild zuletzt beabsichtigte V-Effekte? Als es Licht wurde in meinem Kopf, begann der Film sich einzutrüben: Manchmal ist Begriffsstutzigkeit ein Segen.
 
Drei Episoden - ins emphatische Idiom des Films übertragen: "drei Leben" - entfaltet Regisseur Srdan Golubovic, laut Einblendung ausgehend von einer "wahren Begebenheit" aus dem Bosnienkrieg, als ein serbischer Soldat einen muslimischen Zivilisten in Schutz nahm und dafür mit dem Leben bezahlte. Am Küchentisch erklärt der Vater des Soldaten den Titel des Films: Wenn man einen Stein ins Wasser wirft, breiten sich im Kreis Wellen aus. Hat der Opfertod seines Sohnes Wellen geworfen? Oder ist er stumm und unerlöst untergegangen? "Circles" weiß die Antwort von Anfang an ("Kein Tod ist sinnlos"), nimmt sich aber trotzdem 112 Minuten, um diese so souverän wie einfallslos heimzubringen. Oft wähnt man sich in einem Fernsehfilm: Auf arte oder bei der ARD, die beide als Geldgeber fungieren, würde "Circles" wenn nicht angenehm, so doch nicht unangenehm auffallen.

Zwei der drei Geschichten handeln vom Vergeben. Einmal werden ein Arzt, der mit dem Toten befreundet war, und ein Patient, der sich als einer der Mörder entpuppt, in ein existenzielles Dilemma verstrickt: Der Arzt ist der einzige, der die lebensrettende Operation durchführen kann. Dann ist es der sture Vater des Soldaten, der den Sohn des anderen Täters als seinen eigenen annehmen soll, weil das Drehbuch es so will. Der dritte Erzählstrang folgt dem muslimischen Zivilisten nach Halle, wo er mit deutscher Frau und zwei kleinen Töchtern lebt. Haris arbeitet bei BMW, ist leicht entfremdet (wie geometrisch kadrierte Wohnblockbilder penetrant zu erkennen geben), dabei aber auch irgendwie glücklich. Doch bevor "Circles" ihn in Ruhe lässt, muss Haris beweisen, dass sein Leben das Opfer des mutigen Serben wert war, und zwar indem er es - Achtung Spoiler - aufs Spiel setzt, um der ehemaligen Verlobten des Toten, dafür eigens nach Halle angereist, in einer akuten Gefahrensituation zur Seite stehen zu können.
 
"Circles" ist durchgehend und aufdringlich gescriptet, im Kleinen wie im Großen. So wie der Todesfall, um den alles kreist, darf auch das Leben nicht sinnlos vergehen. Jede einzelne Geste trägt ihre Bedeutung, auch das Erzählganze ist, wie es sich im esoterischen Titel schon andeutet, von höherer Vorsehung durchwaltet. Der Begriff, den sich "Circles" vom historischen Trauma macht, ist auch nicht eben unesoterisch: Wenn es den Menschen nur gelänge, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, die Fensterläden zu öffnen und das Licht hereinzulassen ­- dann fiele das Vergangene endlich ab von den Überlebenden, auf denen es eben noch wie ein Alb lastete.

Unter anderen Umständen wäre gegen all das gar nichts einzuwenden. In der populären Kunstform Kino, sofern sie ihre billigen Effekte selbstbewusst zu instrumentieren versteht, kann auch ein kitschiger Humanismus wie der von "Circles" noch seine innere Richtigkeit haben. Leider hält der Film sich für etwas Besseres und ist gerade darum unerträgliches Mittelmaß - wo Figuren, Gesten, erzählerische Einsätze weder zu klein noch zu groß sein dürfen.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 


Circles
(Krugovi) - Serbien, Deutschland, Frankreich, Slowenien, Kroatien 2013 - 112 Minuten - Start(D):17.04.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Srdan Golubovic - Drehbuch: Melina Pota Koljevic, Srdjan Koljevic - Produktion: Émilie Georges, Danijel Hocevar, Boris T. Matic, Jelena Mitrovic, Alexander Ris - Kamera: Aleksandar Ilic: Schnitt: Marko Glusac - Musik: Mario Schneider - Darsteller: Aleksandar Bercek, Radoje Cupic, Jasna Djuricic, Nebojša Glogovac, Emir Hadžihafizbegovic, Boris Isakovic, Marko Janketic, Vuk Kostic, Leon Lucev, Hristina Popovic, Nikola Rakocevic

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