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Chéri

Parfüm auf schlaffer Haut

 

Stephen Frears schaut in seinem neuen Film "Chéri" einer Pariser Kurtisane beim Älterwerden zu. Der Regisseur erzählt im ironischen Plauderton und hält sich an die Etikette.

 

Als roter Faden zieht sich durch Stephen Frearsí Filmografie ein Interesse an Umgangsformen und Benimmregeln, das sich vor allem auf eines konzentriert: die Macht der richtig gewählten Worte. Denn sie sind es, mit denen sich Gefühle manipulieren und Schicksale ruinieren lassen. Interessanterweise stehen dabei oft starke Frauen im Mittelpunkt.

 

Die Macht der Worte also nicht durchs männliche Machtwort exekutiert, sondern in fein ausformulierten Bemerkungen, die umso schärfer treffen, je beiläufiger sie dahingesagt sind. In "The Queen" war es ein harmloser Satz wie "Nennen sie mich Tony", der die Autorität der Monarchie untergraben konnte. Mit ähnlichen Absichten der Unterminierung fällt in "Chéri" die Bemerkung: "Sie duften so gut! Finden Sie nicht auch, dass nun, da die Haut etwas schlaffer wird, sich das Parfüm besser hält?"

 

Wir sind in der Belle Époque, und Kathy Bates, die hier mit vollem Einsatz ihres fülligen Leibes eine ehemalige Kurtisane verkörpert, begrüßt mit diesem vergifteten Kompliment ihre alte Freundin und Kollegin Lea, von Michelle Pfeiffer in altersloser fragiler Schönheit präsentiert. Wie hat es dieser Satz in sich! Da ist die Gemeinheit der Anspielung darauf, dass man auch Lea ihr Alter anzusehen beginnt, aber zugleich auch eine solidarische Vereinnahmung ("nicht auch") und der nicht unernst gemeinter Trost, dass das Altern tatsächlich auch Vorteile hat.

 

Reden als Waffe: Die Kunst der spitzzüngigen Auseinandersetzung mit lächelndem Gesicht zeigt Frears in "Chéri" als Erfindung jener vergangenen Welt der Kurtisanen, an die der Film eine Hommage ist. Mit relativer Nähe zu Colettes literarischer Vorlage führt "Chéri" das Kurtisanentum als weibliche Unternehmerklasse vor, deren größtes Geschäftsproblem darin besteht, das erarbeitete Vermögen in eine Altersversorgung umzuwandeln.

 

Tatsächlich möchte Lea (Pfeiffer) mit bald 50 Jahren gerade in Rente gehen, als Madame Peloux (Bates) sie darum bittet, sich doch ein wenig um ihren Sohn zu kümmern. Dieser, von Rupert Friend gespielt und "Chéri" gerufen, ist gerade dabei, sein junges Leben so hemmungslos zu genießen, dass ihm der vorzeitige Exodus droht. Lea erweist der alten Kollegin den Gefallen. Aber dann wird aus dem, was eine kurze Affäre der Belehrung sein sollte, eine langjährige Liaison. Der Film zeigt sie im Zeitraffer als spielerisches Zusammensein zweier Individualisten, die sich auf angenehm illusionslose Weise miteinander arrangieren. Erst als sie sich trennen sollen, wird erwogen, dass es da auch ernste Gefühle geben könnte.

 

Die Trennung muss sein, weil Mutter Peloux nach sechs Jahren endlich eine gute Partie für ihren Sohn gefunden hat. Die Heirat dient nicht zuletzt der Vermögenssicherung. Alle Beteiligten sehen die Sinnfälligkeit dieses Arrangements ein. Weshalb auch der Widerstand, den zunächst Lea und dann auch Chéri dagegen proben, innerhalb des Rahmens bleibt. Ein paar Liebesintrigen, deren Konsequenzen sich jederzeit wieder wenden lassen.

 

Analog dazu bleibt auch Frears' Film innerhalb der Etikette, erzählt im leicht ironischen Plauderton, ohne allzu kritischen Impetus oder gar Entlarvungswünsche zu verraten. Einzig wenn Bates als Madame Peloux in ihr markantes, dreckiges Lachen ausbricht, droht mit der Sprengung ihrer Kleidernähte so etwas wie echte Erschütterung.

 

Am Ende bleibt ein schales Gefühl zurück. Es ist, als habe sich Frears nicht entscheiden können, ob er nun einen Film über die Kurtisanen als Vorläufer der Frauenemanzipation drehen wollte oder doch lieber einen Film über Liebe und die bittere Erkenntnis, dass die falsche die wahre sein kann, wie es am Ende heißt?

 

Oder sollte der Akzent auf dem Problem des Alterns liegen? Mit der Paradoxie, dass die Person, um deren Alter es hier geht, vor der Kamera als gleichbleibend makellose Michelle Pfeiffer erscheint? Einmal sitzt Lea in einem Teehaus, in dem sich die wirklich alt Gewordenen ihres Gewerbes treffen, die mit der tatsächlich schlaffen Haut und den maskenhaft aufgetakelten Gesichtern. Wie wissende böse Geister grinsen sie ihr zu, und für einen kurzen Moment glaubt man sich außerhalb der schützend strengen Etikette - in einem Horrorfilm.

 

Barbara Schweizerhof

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

Chéri - Eine Komödie der Eitelkeiten

Großbritannien / Deutschland / Frankreich 2009 - Originaltitel: Chéri - Regie: Stephen Frears - Darsteller: Michelle Pfeiffer, Kathy Bates, Rupert Friend, Felicity Jones, Frances Tomelty, Anita Pallenberg, Harriet Walter, Iben Hjejle - FSK: ab 6 - Länge: 93 min. - Start: 27.8.2009

 

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