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Che - Revolución

Zermahlener Mythos

 

Steven Soderbergh zeichnet den Revolutionär Ernesto "Che" Guevara in seinem Großporträt nicht als Ikone. Als was er ihn stattdessen sieht, bleibt allerdings einigermaßen rätselhaft.

 

Che, nicht Ernesto Guevara, ist eine Ikone, aber gerade als Ikone filmt Steven Soderbergh in seinem viereinhalbstündigen Porträt "Che" Ernesto Guevara nicht. Nicht dass er den Mythos frontal attackierte, er schickt ihn eher in den zermürbenden Kampf, als den er nicht nur - im zweiten Teil - das Scheitern, sondern schon das Gelingen der Revolution zeichnet. Was viele Betrachter dieses aufwändigen Films verstört hat und noch immer verstört und was an diesem Film schlicht und einfach verstörend ist, ist die Tatsache, dass Soderbergh aus dem zermahlenen Mythos kein neues, kein anderes Bild des Che Guevara formt und errichtet.

 

Es bleibt deshalb schwer zu sagen, was "Che" eigentlich ist. Einfacher schon, festzustellen, was er nicht ist. Ein Biopic zum Beispiel, das aus einem Leben ein aktförmiges Drama macht. Die Vorgeschichte des argentinischen Arztes Ernesto Guevara, alles Biografische überhaupt, bleibt fast völlig ausgespart. Kurz sitzen zu Beginn die späteren Revolutionäre Che (Benicio del Toro) und Fidel (Demian Bichir) in Mexiko City an einem Tisch. Dann aber geht es hinein in den Guerilla-Kampf in den Bergen und Wäldern und Straßen Kubas, wo rekrutiert wird, wo um die Rolle der Beteiligten in der revolutionären Bewegung gestritten wird, wo vor allem vorgedrungen, sich zurückgezogen, postiert, geschossen, gepflegt, geheilt, getötet und gestorben wird. Zwar montiert Soderbergh zwischen die unspektakulär inszenierten Kampfsituationen einen Vorausblick: Che in New York, ein Auftritt bei den Vereinten Nationen, ein Fernsehinterview. Das alles in grobkörnigem pseudo-authentischem Schwarz-Weiß. Das allerdings bleibt unverbunden mit den Szenen, die vorher spielen - und nachher -, das einzige, aber eben unverbindlich dazwischen geschnittene Scharnier zwischen Aufstieg zum Ruhm und dem kläglichen Ende von Revolution und Guevara in Bolivien.

 

Beim Kampf ist Steven Soderbergh einerseits mitten drin. Und zwar buchstäblich, denn wie meist hat er unter dem Pseudonym Peter Andrews die Kamera selbst geführt. Die Kamera übrigens ist hoch interessant, es handelt sich um die als technische Sensation geltende neu entwickelte, handliche, günstige, dennoch exzellente Bilder produzierende Digitalkamera "Red", von der Soderbergh in diesem Youtube-Clip schwärmt: "Eine Kamera, wie ich sie mir immer gewünscht habe. Die ich mit einer Hand halten und problemlos herumschwenken kann." In nicht zu unterschätzender Weise bestimmt bei einem intellektuellen Technik-Fanatiker wie Soderbergh diese neue Kameraerfahrung die Bilder von "Che". Das Mittendrinsein, das Hinterhergehen, die Bewegung, die Gräser im Bild, all das macht den Film zu einer Art Expedition; und aus dieser Perspektive ist die Revolution nicht zuletzt der perfekte Gegenstand einer revolutionären Kameratechnik.

 

Die Wackelbilder, die hier als Bilder eines bewaffneten Kampfes entstehen, haben mit den  unscharfen, hässlichen Bildern herkömmlicher Digital-Kameras wenig zu tun. "Die Bilder gleichen nichts, das ich bisher gesehen habe", meint Soderbergh und es stimmt. Diese Bilder sind schön, aber auch seltsam flach, sie laden - ganz im Geist dieses Films - das, was sie zeigen, nicht mit dem Mythos des Filmischen auf. Sie sind frei und unbelastet von der Tradition und epischen Vorbildern wie, um mal gezielt ans ganz andere Ende der Filmgeschichte zu greifen, David Leans "Lawrence von Arabien". Eher erinnern sie an digitale Fotografien in der gegenwärtigen Kunst. Sie haben etwas Installatives und tendieren eigentümlicher Weise sogar in ihren bewegten, aus der Hand gefilmten Momenten in Richtung Tableau.

 

Dem Tableau-Charakter entspricht auch die momentane Ton-Bild-Entrückung, die Soderbergh immer wieder vornimmt, wenn er als Voiceover Auszüge aus Che Guevaras Tagebuch über die fortlaufenden, aber nunmehr stummen Bilder legt. Keineswegs kommt aber andererseits Che einem über diese Text-Annäherungen näher als er es in den kleinteiligen, an- und abschwellenden Ereignismodulationen des Kampfgeschehens, des Diskutierens, Herumstehens, auch des Ächzens und Keuchens des schwer Asthmakranken tut. Wie man es dreht und wendet, bleibt "Che" ein Rätsel. Ein Tableau, das etwas Großes als von Alltäglichkeiten Bestimmtes vor Augen stellt. Eine Revolution, die nur kleinteilig voranschreitet - und noch die Bilder des Triumphs lässt Soderbergh weg. Eine auf Phasen begrenzte Biografie, die einem den Gegenstand nicht näher bringt. Der Umgang mit einer Ikone, der diese weder erklärt noch zerstört, sondern in apathisch-schönen Bildern einen niemals sonderlich charismatisch scheinenden Dschungelkämpfer sein lässt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Che - Revolución

Frankreich / Spanien / USA 2008 - Originaltitel: Che - El Argentino - Regie: Steven Soderbergh - Darsteller: Benicio Del Toro, Demián Bichir, Santiago Cabrera, Elvira Minguez, Jorge Perugorria, Julia Ormond - FSK: ab 12 - Länge: 131 min. - Start: 11.6.2009

 

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