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Charlies Welt

 

 

Roman Coppola hat seine Meriten als Drehbuchautor an der Seite von Wes Anderson („Darjeeling Limited“, fd 38 525, „Moonrise Kingdom“, fd 41 116), als Produzent von „Somewhere“ (fd 40 157) und „On the Road“ (fd 41 298) und als Regisseur von Musikvideos für The Strokes und Daft Punk.  Sein Spielfilmdebüt „GQ“, eine experimentelle Film-im-Film-Hommage an den Pop der späten 1960er-Jahre, kam hierzulande nicht in die Kinos; an den US-Kinokassen war es ein Desaster. „Charlies Welt“, der im Original den ungleich schöneren und vor allem treffenderen Titel „A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III“ trägt, erzählt von der Midlife-crisis eines erfolgreichen Werbegrafikers, dessen Leben aus den Fugen gerät, als ihn seine Freundin Ivana verlässt. Wie in Trance stolpert Charles Swan III (gespielt von Charlie Sheen), durch ein surreales Kunst-Hollywood, das mit stylisher Pop Art und allerlei Stammschauspielern aus den Filmen von Wes Anderson vollgestopft ist. Jason Schwartzman und Bill Murray glänzen in Nebenrollen, Patricia Arquette spielt Charlies Schwester Izzy. Sheen, der hier auch mit seinem öffentlichen Image als aus dem Ruder gelaufene Skandalnudel jongliert, bekämpft seine Depressionen mit Alkohol und flüchtet sich in der Rolle des Frauen liebenden Kindskopfs in Tagträume, die der Film dann sogleich in die (Film-)Realität überführt.

Das führt zu amüsanten Sketchszenen, wenn Sheen und Schwartzman im Tom Mix-Cowboy-Outfit durch die Wüste reiten und plötzlich auf eine Gruppe verführerischer Indianerinnen treffen, die sich an einem Wasserloch waschen. Angelockt von diesen Amazonen, geraten die beiden unbewaffneten Männer in einen Hinterhalt, bis ihnen ein Gewehr gereicht wird. Trotzdem wird Sheen beim Versuch, mit der Anführerin der Indianerinnen, die wie Ivana aussieht, von einem Pfeil getroffen – und erwacht im Krankenhaus. Charlie ist, ein Blick in seinen Kopf hat das zu Beginn des Films unmissverständlich klargestellt, ein lässiger, larmoyanter Macho, dessen Kopf hauptsächlich mit Sex beschäftigt ist.

Mindestens so lässig wie sein Protagonist ist auch der Film, der es sich mittels der Tagtraum-Logik erlaubt, jedem Einfall zu folgen, sei dieser gut (wie die Indianerszene) oder auch nur halbgar (wie die Begegnung mit russischen Taxifahrern, die Kaviar schmuggeln). „Charlies Welt“ erinnert immer wieder an jene kurze Phase des „New Hollywood“, als junge Kreative ihre Version der Nouvelle Vague in Szene zu setzen begannen: etwa an Bob Rafelson Monkees-Film „Head“ (1968). Dazu passt, dass Charlie als Künstler auch für die Gestaltung des neuen Albumcovers seines Freundes „Kirby“ (Schwartzman) zuständig ist, dessen Shooting als „Kitchen Sink Cowboy“ das Finale des Films markiert. Auch macht Charlie bei der finalen Begegnung mit Ivana ihr nicht nur eine überbordende Liebeserklärung, sondern fantasiert seine Zukunftsvorstellung auch gleich als brillante Shownummer, in der er und Ivana mit einer Interpretation von „Aguas De Marco“ von Tom Jobim glänzen. Charlie singt auf portugiesisch und parliert mit seiner Haushälterin auf spanisch. Überdies instrumentalisiert Coppola den Film auch als Vehikel, um einen talentierten Musiker vorzustellen: Liam Hayes.

Am Ende dieses sehr entspannten, fast schon skizzenhaften Films, der sich mehr für Style als für Inhalt interessiert, gönnt sich Coppola dann noch die Volte, die Figuren aus ihren Rollen heraustreten und sich dem Publikum vorstellen zu lassen. In einer ungeschnittenen Einstellung am Strand mit Kran-Einsatz – wie damals, am Ende von Godards „One Plus One“ (1968).

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

 

 

Charlies Welt - Wirklich nichts ist wirklich

(A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III) - USA 2012 - 85 Minuten - Start (D): 02.05.2013 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Roman Coppola - Drehbuch: Roman Coppola - Produktion: Roman Coppola, Youree Henley - Kamera: Nick Beal - Schnitt: Robert Schafer - Musik: Liam Hayes, Roger Neill - Darsteller: Charlie Sheen, Jason Schwartzman, Bill Murray, Katheryn Winnick, Patricia Arquette, Aubrey Plaza, Dermot Mulroney, Mary Elizabeth Winstead, Paul Benshoof, Angela Lindvall, Anne Bellamy, Tyne Stecklein, Lindsey McLevis, Lexy Hulme, Bar Paly

 

 

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