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Caché

 

 

 

 

Lebendig begraben: Das Schlafzimmer in Michael Hanekes „Caché"

 

Mein erster Haneke-Film war „Funny Games". Auf der Kinositzkante klebend, kam ich mir vor wie die Festgesellschaft in Buñuels „Würgeengel", die das Haus ihres Gastgebers nicht verlassen kann. Mein „Gefängnis" war das Kino. Auf der Leinwand wurden Vater, Mutter, Kind ermordet, und ich war weder imstande wegzusehen noch hinauszugehen. Irgendwann kehrte im Kino jene Friedhofsruhe ein, die man sich bei Michael Haneke wünscht - und das nur, weil sich in seinen unerbittlichen Filmen früh abzeichnet, dass man auf Befreiung oder Katharsis vergeblich wartet.

 

Der Fernsehmoderator, den Daniel Auteuil in „Caché" verkörpert, will auch nichts als Ruhe für sich und seine Familie. Um ihn herum hat bis zuletzt alles seine schöne Ordnung: Die Kulissenwand mit den leeren Bucheinbänden in seiner Literatursendung; die Designerregale zuhause, in denen Bücher und Schallplatten säuberlich verwahrt sind. Wie ein Herdfeuer knistert in dieser Familienhöhle der Fernseher, in dem die CNN-Katastrophen verglühen, ohne Beachtung gefunden zu haben. Nichtssagend und beunruhigend zugleich sind aber die Videoaufnahmen des Hauses, die mehrmals als anonyme „Drohungen" im Briefkasten stecken. Allmählich entsinnt sich Auteuil einer lange verdrängten Schuld, die Haneke mit dem kollektiv tabuisierten Massaker an 200 Algeriern verknüpft, 1961 in Paris.

 

In „Caché" (zu deutsch: „verborgen") geht es weniger um die politische oder private Untat allein, sondern um das Verschweigen danach, das Aussitzen und die Unfähigkeit, für das, was getan ist, Verantwortung zu übernehmen. Haneke zeigt immer die schlimmste anzunehmende, tragische Verstrickung. Das reißt mich hier nicht zuletzt dank des grandiosen Hauptdarstellers mit. Und neben Auteuil mit seinem in stillem Trotz verschlossenen Gesicht ist auch das Außenset der Wohnung genial gewählt, mit der verschachtelten Architektur und der Eingangstür, die stets im Schatten einer dichten Hecke liegt: Ein verwundbarer Panzer um das, was der erfolgreiche Fernsehmann sich aufgebaut hat.

 

„Was tun wir nicht alles, um nichts zu verlieren", ist ein Schlüsselsatz des Films. Bald ist Auteuil fertig, weil er alles Mögliche unternommen hat, aber mit nichts wirklich zu tun haben will. Vordergründig dokumentiert „Caché" eine Suchbewegung, er maskiert sich als Detektivfilm, in dem videographierte Räume auf verräterische Spuren untersucht werden und sich am Ende langer, schmutziger Flure in der Pariser Banlieue das letzte Puzzleteilchen finden könnte. In Wahrheit wird aber von Flucht erzählt.

 

Am Schluss bleibt Auteuil - der sich noch schlimmer hineingeritten hat in die Schuld - nur mehr die Zuflucht des eigenen Schlafzimmers. Er nimmt zwei Valium, schließt die schwarzen Chintzvorhänge, rollt sich in die Bettdecke ein und bleibt wie leichenstarr in der dämmrigen Designergruft liegen. Für mich der unvergessliche, vielschichtigste Film-Raum des Jahres, an den Haneke mit hartem Schnitt das glasklare Erinnerungsbild des kindlichen „Verbrechens" knüpft. Und das ist die wirklich schlimme Botschaft: Das Kino im Kopf hat keinen Notausgang.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Caché
Frankreich / Österreich / Italien / Deutschland 2005 - Regie: Michael Haneke - Darsteller: Juliette Binoche, Daniel Auteuil, Annie Giradot, Maurice Benichou, Daniel Duval, Nathalie Richard - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 119 min. - Start: 26.1.2006

 

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