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Caché

 

 

 

Der Schlachter sieht alles

 

 

Mit ,,Caché" verstrickt Michael Haneke uns in die Feedbackschleifen eines mysteriösen Krimidramas, in dem sich postkoloniale Schuldgefühle über alle Grenzen hin ausbreiten.

 

Wenn ein Film ,,Caché" heißt, also ,,versteckt" oder ,,geheim", dann ist zu erwarten, dass Verstecktes gefunden und ein Geheimnis gelüftet wird. Wie im Krimi: Klärung eines Verbrechens, Ermittlung von Schuldigen. Im Fall von ,,Caché" ist die Ermittlung jenes geheimnisvollen Unbekannten zu erwarten, der eine gutbürgerliche Pariser Kleinfamilie durch Zusendung von Kinderzeichnungen blutender Figuren und von Videobändern terrorisiert.

 

Dass es ganz anders kommt, ist leicht gesagt und heißt nicht viel. Entscheidend ist, dass die Inszenierung von Anfang an mit unserem Zuschauen und unseren Erwartungen spielt. Es beginnt mit einer Aufnahme des Familienhauses, darüber der Vorspann. Das Bild steht weiter da, streng, starr, ereignislos; dann beginnen zwei Stimmen aus dem Off, es zu kommentieren, und plötzlich gerät es in Bewegung, wird im Suchlaufmodus aus seiner Normalität gerissen. Wir haben, so stellt sich jetzt heraus, aus der Sicht des bestürzten Ehepaares auf eine jener beunruhigenden Videobotschaften geschaut, die deren Haus aus der Sicht des versteckten Absenders zeigen. Erst unmerklich, dann abrupt sind wir von der Ereignislosigkeit eines Anblicks dazu übergegangen, dessen Vergangenheit neu zu bewerten, als Videobild zu revidieren. Gegenwart beobachten, zurückspulen, neu absuchen: Darum geht es in ,,Caché", auch in der Story, in die uns der Film mehr verwickelt als dass er sie uns erzählt.

 

Als Moderator einer Literaturtalkshow ist der Familienvater geübt im Umgang mit Video wie auch mit Botschaften, die es auf ihre ,,Absender", Autoren, hin zu befragen gilt. Seine Nachforschungen über die rätselhaften Videos bringen allerdings, in Rückblenden und Geständniserzählungen, Verstecktes und Geheimgehaltenes aus seiner eigenen Kindheit zutage: Als seine Eltern Majid, den zum Waisen gewordenen Sohn algerischstämmiger Arbeiter auf ihrem Gutshof, adoptieren wollten, hatte er dies verhindert, indem er seinen künftigen Ziehbruder als unberechenbaren Gewalttäter anschwärzte. Der biografische Schuldzusammenhang, der sich so verspätet entfaltet, ist mit politischer Schuld verknüpft, die im Gedächtnis der Nation lang verdeckt war: Die algerischen Eltern, heißt es en passant in der Kindheitserzählung, zählten zu den Opfern eines ungesühnten Massakers, 1961 verübt von der Pariser Polizei an Teilnehmern einer Großdemonstration gegen eine über Muslime verhängte nächtliche Ausgangssperre.

 

Es kommt zu Wiederbegegnungen, aber es wird nicht klar, was der in Armut gealterte Algerier heute von seinem verleumderischen Nicht-Bruder will; auch nicht, ob die Videos von ihm stammen, von seinem Sohn oder von irgendwo anders her, wo jemand alles sieht und sühnt. Während der Krimiplot des Films in der Schwebe erstarrt, sehen wir, wie Schuldgefühl weitere Geheimhaltung nach sich zieht, dem Paar manch Abend mit Freunden verdirbt und den Ehealltag strapaziert. Virtuos spielen Daniel Auteuil und Juliette Binoche kommunikative Wendungen und emotionale Details von Verlegenheit und Misstrauen aus. Dennoch zielt ,,Caché" im Kern nicht auf unsere Anteilnahme an einem Psychodrama. Auch die Gegenrichtung zur Identifikation, aus der, etwa nach Art Claude Chabrols, ,,sezierende Blicke" auf innere Widersprüche bürgerlicher Abschottung fallen, schlägt der Film nicht ein.

 

Vielmehr geht es um Schuld als verzeitlichtes soziales Verhältnis: als unentrinnbare Bindung eines kuscheligen Innen an ein insistierendes Außen. Der Film gibt nicht vor, dieses unbürgerliche Außen präsent machen, uns etwa den Alltag algerischstämmiger Franzosen oder dessen diskriminierende Bedingungen vorführen zu können. Dafür spielen vielsagende Bild-Chiffren eine Rolle, etwa der Kontrast zwischen dem Gutshofidyll und dem Wohnort des alten Majid: kahles Zimmer, Sozialbaukorridor, Vorstadt mit Straßenschild, das just ,,Rue Lenine" als Adresse angibt. Im Sinn jenes Bilder-Lesens und -Vernetzens, das der Geheimnisplot von ,,Caché" nahelegt, könnten wir aktuelle TV-Bilder von Ausgangssperren und vom Aufruhr der MigrantInnen in Frankreichs Sozialbauvorstädten als Parallelspur des Films hinzu assoziieren. Aber das wäre redundant, schon allein weil in einigen Szenen ohnehin die Fernsehnachrichten mit unübersehbarer Beiläufigkeit Gewaltakte islamischer Fundamentalisten ins Familien-Innen hinein senden.

 

Der Proletarier hat kein Vaterland, wie Lenin meinte, also: Was tun? Als quasi revolutionärer Akt, als Ereignis, das alles umstellt, erscheint in ,,Caché" das eigentümliche Selbstmordattentat eines Algeriers. Im Unterschied zum Bombenterror (und zum Autos Abfackeln) geht dessen Gewalt ganz im Schrecken eines Bildes auf, das Zeugen gleichermaßen erschüttert wie impliziert. Im Rahmen der Story betrifft dies den Schuld kaschierenden Familienvater und ist – über die Analogie zweier schockierender Schnitte in den Hals – mit dem Bild eines Hahns, wohl nicht zufällig ein französisches Nationalsymbol, ohne Kopf verbunden. Eine Anstrengung noch, Franzosen...: Enthauptungen pflastern den Weg der Republik.  Doch auch wenn wir weder Franzosen noch Literaturshowhosts sind – dass wir, die wir (bildungs)privilegiert genug sind, uns sowas anzuschauen, uns ertappt fühlen, das wird in ,,Caché" zur Struktur, und die Botschaft kommt an: Es gibt ein Außen, das uns sieht, es gibt Vergangenheit, die als Geschichte nachwirkt.

 

Die bedrohlichen Videos ohne Absender erinnern an ,,Lost Highway" oder gar an ,,The Ring", und das ist gut so. Weit überzeugender als auf den gewohnten Gletscherhöhen der Entfremdungskritik formuliert Regisseur Michael Haneke hier im Modus eines Genredramas mit niedrigschwelligem Einstiegsangebot sein Programm: eine reflexive Ethik/Ästhetik ereignishafter Einbrüche triebhafter oder postkolonialer Wirklichkeit in eng begrenzte Schutzräume liberaler Aufgeschlossenheit.

 

Drehli Robnik

 

Dieser Text erschien in der Ausg. 46/2005 der Wiener Wochenzeitung Falter, S. 63.

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Caché
Frankreich / Österreich / Italien / Deutschland 2005 - Regie: Michael Haneke - Darsteller: Juliette Binoche, Daniel Auteuil, Annie Giradot, Maurice Benichou, Daniel Duval, Nathalie Richard - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 119 min. - Start: 26.1.2006
 

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