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Der Butler

 


Dienen für den Fortschritt: Lee Daniels hat die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung verfilmt.

Zugegeben: Auch "Precious" (2009) und "The Paperboy" (2012), die beiden bislang bekanntesten Werke von Lee Daniels, waren nicht gerade Musterbeispiele subtiler Filmkunst. Ihre inhaltliche Eindeutigkeit wurde jedoch gelockert durch eine eher grobe Form der Inszenierung, im einen Fall dominierte noch ein beinharter Sozialrealismus, im anderen eine fast Exploitation-artige Genre-Schroffheit. Mit dem aalglatten "Der Butler" – in dem schon in der zweiten Einstellung zwei gelynchte Afroamerikaner zu dramatischer Achtung-Flashback-Musik vor einer übergroßen US-Flagge baumeln – erschließt Daniels nun Neuland. Sein mit gehörigem Mut zum Pathos auf epische Breiten ausgetretener Film will mehr sein als nur persönliches Drama.

Die Handlung beruht zwar lose auf dem Leben eines echten Dieners im Weißen Haus, doch Daniels und Drehbuchautor Danny Strong haben dieses Leben gehörig ausschmücken müssen, damit es ihren hohen Ansprüchen genügt. Denn "Der Butler" will anhand seines Protagonisten Cecil, der acht verschiedenen Präsidenten in deren Amtssitz gedient hat, vor allem eine politisch-historische Geschichte erzählen – die der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Einerseits wartet Daniels dabei mit einem "Forrest-Gump"-Clou auf: Der von Forest Whittaker mit angemessener Zurückhaltung gespielte Cecil ist stets dabei, wenn die Präsidenten ihre wichtigen Entscheidungen über Bürgerrechte und Segregationsgesetze treffen. Der Film behauptet zwar nicht, der Butler habe diese Entscheidungen beeinflusst, doch hat jeder der Präsidenten seinen Cecil-Moment der Erkenntnis, in dem er gewahr wird, dass Menschen in seinem direkten Umfeld von seinem Handeln in der „Rassenfrage“ betroffen sind. Cecil repräsentiert damit den humanistischen Arm der antirassistischen Bewegung, in seiner Bescheidenheit und Treue ruft er die Menschlichkeit der Politiker an, die nun auch an ihn denken, wenn sie Gouverneuren in den Südstaaten den Kampf ansagen. Die für eine halbwegs vollständige Geschichtsschreibung nötige Ergänzung stellt Cecils ältester Sohn Louis (David Oyelowo) dar. In einer Zeit der ersten Radikalisierung vieler junger Afroamerikaner schämt er sich schon bald dafür, dass sein Vater das Stereotyp des „house negro“ nicht nur verkörpert, sondern gar zum Beruf gemacht hat – und geht schließlich selbstbewusst seinen eigenen Weg.

Es sind die stets bemühten zwei Prinzipien des afroamerikanischen Widerstands, die Daniels hier einmal mehr gegenüberstellt, schließlich aber als wichtige Aspekte desselben Kampfes verstanden wissen will und daher hegt er für beide Hauptfiguren Sympathien. Für Cecil, dessen Vater schon früh von einem weißen Farmbesitzer niedergeschossen wurde, führt jeder offensive Widerstand nur zu einer Verstärkung rassistischer Gewalt: „It’s the white man’s world, we just live in it“, hat er bereits als Kind erfahren. Louis dagegen wird im Zuge seines Studiums schnell zum Teil einer Bewegung, die vom Sinn eines offensiven Protests durch radikalen zivilen Ungehorsam überzeugt ist. Diese Gegenüberstellung ist zwar schematisch und lässt bereits etwas zu deutlich die Konzepthaftigkeit des Drehbuchs hervortreten. Doch sind die Diskussionen zwischen Cecil und Louis stark geschrieben und intensiv gespielt, vermitteln eine zentrale intergenerationale Debatte um den Umgang mit der De-facto-Segregation.

Überhaupt sind die dem Anspruch des Films geschuldeten Kompromisse – die Checklist-Mentalität der historischen Chronologie, die Glattheit der Inszenierung, die eher irritierenden Cameo-Auftritte von Hollywood-Stars als Präsidenten – nicht das größte Problem des Films. Vor allem ist es Daniels’ bereits nach "Precious" kritisierter Rückgriff auf klischeehafte Repräsentationen afroamerikanischen Lebens, die erst im allegorischen Modus von "Der Butler" so richtig Kopfschmerzen bereiten. Seine Form der Thematisierung von rassistischer Exklusion ist in historiografischer Sicht konservativ, geschlechterpolitisch geradezu reaktionär. Denn "Der Butler" erzählt die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung nicht bloß anhand einer Familie, das US-amerikanische Familienideal ist auch das primäre Vehikel für die Skandalisierung von Rassismus. Schon in einer der ersten Szenen erscheint es als ultimative Demütigung der männlichen Landarbeiter, als eine ihrer Frauen vom Farmbesitzer misshandelt wird. Und später ist es vor allem Cecils Abwesenheit im Heim, sein Versagen als Versorger, das als Beweis für die Unmenschlichkeit rassischer Ungleichbehandlung herhalten muss. Hauptsächliches Symptom von Rassismus und Segregation ist das Scheitern normativer Männlichkeit und „funktionaler“ Familien – ein in der Geschichtsschreibung längst kritisch dekonstruiertes Narrativ. Cecils Frau (stark gespielt von niemand anderem als Oprah Winfrey) wird zur Alkoholikerin und Ehebrecherin, weil ihr Mann nicht zu Hause ist und sie vom Leben nichts anderes erwartet als genau dies. Die einzige unabhängige Frauenfigur ist Louis’ kurzzeitige Freundin: ein einziges Angela-Davis-Klischee, das letztlich nur dazu da ist, die gefährliche Militanz der Black Panther zu problematisieren – eine Gruppierung, die in Daniels’ Fortschrittsgeschichte der Bürgerrechte nur als historisches Kuriosum auftauchen kann.

Das heißt nicht, dass der Film nicht auch von einer ehrlichen antirassistischen Wut getragen wäre. Wenn einer der zahlreichen Solidaritätsbusse auf dem Weg in den Süden von einer KKK-Meute angegriffen wird und Feuer fängt, wenn Louis und seine Freunde bei einem der anti-segregationistischen Sit-ins brutal angefeindet werden, dann kommt Daniels’ Talent als Filmemacher durchaus zum Vorschein, dann übersetzt der progressiv genutzte Modus des Melodram das Politische auf überzeugende Weise in filmische Präsenz, kommt es zu einer Intensivierung des Historischen. Doch weil "Der Butler" keine singuläre, sondern eine repräsentative Geschichte erzählen will, ist diesen Bildern keine Autonomie gestattet, die epische Breite strömt nicht aus ihnen, sondern erdrückt sie mit ihrer ganzen Last.

So ordnen sich die Ereignisse einer Fortschrittserzählung unter, die mit hängenden Schwarzen beginnt und mit einem schwarzen Präsidenten endet. Zwar thematisiert der Film einige der hinter diesem Fortschritt schwelenden Kämpfe und Debatten, doch tut er dies stets aus der Perspektive nationaler Geschichtsschreibung, einer Perspektive der Abgeschlossenheit, die diese Kämpfe doch wieder stillstellt, keine Diskontinuitäten duldet und in denen nicht realisierte Wege vernünftigerweise als Irrwege erscheinen müssen – so als strebten die amerikanischen Ideale ganz von sich aus zu ihrer Verwirklichung. In der „post-rassistischen“ US-Gesellschaft der Obama-Zeit dürfte "Der Butler" damit zumindest gute Chancen haben, ab dem nächsten Jahr den Geschichtsunterricht ein wenig kurzweiliger zu gestalten.

Till Kadritzke

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.critic.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Der Butler

(The Butler) - USA 2013 - 130 Minuten - Start(D): 10.10.2013 - Regie: Lee Daniels - Drehbuch: Lee Daniels, Danny Strong - Produktion: Lee Daniels, Cassian Elwes, Buddy Patrick, Laura Ziskin - Kamera: Andrew Dunn - Schnitt: Joe Klotz - Darsteller: Alex Pettyfer, John Cusack, Robin Williams, James Marsden, Alan Rickman, Liev Schreiber, Jesse Williams, Cuba Gooding jr., Minka Kelly, Forest Whitaker, Terrence Howard, Melissa Leo, Vanessa Redgrave, Jane Fonda, Nelsan Ellis

 

 

 

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