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Die Brut

Gorgonischer Schock

 

Es hat eine Iris, aber keine Retina; seine Oberlippe ist gespalten, der schnabelähnliche Gaumen hingegen ist es nicht - eine echte Hasenscharte; die Zunge in der zahnlosen Mundhöhle ist zu dick und unbeweglich, um zu sprechen; zwischen den Schulterblättern befindet sich eine Art zusammengefallener, fleischiger Sack, der gewisse Spuren irgendeines Nährstoffes enthält; es hat keine Geschlechtsorgane, keinen Bauchnabel. Es wurde nicht wie ein Mensch geboren.

 

Diese pathologischen Eckdaten des Körperhorrors, Ergebnisse der Autopsie eines kleinen fremdartigen Wesens, werden in einem rosafarbenen Licht vorgetragen. In dieser farbspektral ungewöhnlichen Szene wird der Surrealität des Sujets auch optisch einmal vollends Rechnung getragen. Eine Seltenheit. Gemeinhin schlummert das Unwirkliche, das unwirklich Kränkliche bei Cronenberg im pathologischsten aller Sinne förmlich unter der Haut, lediglich der Phänotyp des Abgründigen gelangt für einige wenige Schlüsselaugenblicke in anatomischer Genauigkeit an die Oberfläche. Viele frühe Filme Cronenbergs funktionieren gerade deshalb, weil sie aus einer einzigartigen Materie bestehen, in der das Unvorstellbare geradezu kafkagleich in die Filmrealität eingeschrieben ist. Es stellt sich weniger die Frage, wie etwas möglich ist, sondern was damit einhergeht, weil Cronenberg für das Wie stets eine pseudonaturwissenschaftliche Antwort parat hat und selbst schaurige mutative Verformungen des Körpers schließlich eine naturgesetzliche Selbstverständlichkeit seien. Eine Unumstößlichkeit, die bei Cronenberg durch den Pioniergeist des Wissenschaftlers jedoch noch beschleunigt wird.

 

Dabei bedeutet Wissenschaft nicht nur Biologie und Körperlichkeit, sondern beim Kanadier vor allem: Psychosomatik. Nichts vollzieht die äußere Metamorphose, ohne sich nicht auch emotional zu verändern. In "Die Brut" präsentiert Dr. Hal Raglan eine neuartige Form der Psychotherapie, die sich Psychoplasmatik nennt. Die Einführungsszene, die zunächst wie ein bizarres Theaterstück anmutet, zeigt bereits, wie man sich Dr. Raglans Sitzungen vorzustellen hat: Es sind Rollenspiele, die sich auf die Kräfte der Suggestion und Hypnose berufen. Der schauspielernde Psychotherapeut versetzt sich dabei in eine Person aus dem Umfeld des Patienten und treibt diesen dazu, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Dr. Raglan, eine bis zuletzt zwielichtige Figur, ist darin so überragend, dass sich bei seinen Patienten eine Abhängigkeit entwickelt und sie sich nach immer weiteren Sitzungen des zum Ersatz für unter anderem Vater oder Mutter werdenden Therapeuten sehnen. Auch Frank Carveths Ehefrau Nola befindet sich bei ihm in Behandlung und steht, wie sich langsam herausstellt, im Zentrum der Raglan'schen Therapie und Forschung.

 

Mit ihr sprengt der Doktor Grenzen, indem die nicht greibare Emotion plötzlich greifbar wird und aus ihrer gegenstandslosen Form ausbricht. Gefühle verändern ihren Aggregatzustand, werden zu Körpern. Der Fortschritt pervertiert und wird zur Bedrohung, weil er plastische Monster gebiert. Angefangen bei "Shivers“ bis hin zu "Die Fliege“ durchzieht das Motiv der scheiternden Wissenschaft das frühere, rohe Oeuvre Cronenbergs wie ein roter Faden. Dabei schaut hier zunächst alles, ohne Umschweife so geradeaus weg erzählt und spartanisch gefilmt, nur nach einem kleinen Horrorthriller aus, der gelegentlich Slasher-Elemente an den Tag legt, nach etwas Kurzweiligem, Vorübergehendem, durchaus auch Übernatürlichem - doch definitiv nicht nach etwas, das einen aus der Kurve zu tragen vermag. Und vielleicht ist das Fatale an vielen Cronenberg-Filmen, dass sich das Grauenhafte über die einzigartige, unwirklich-wirkliche Materie wie ein Trojanisches Pferd aus der Latenz heraus an die Oberfläche anschleicht. Bis es sie irgendwann blutig durchbricht, für eben jenen kurzen Moment den Akt des Überfalls vollführt, indem es vor unseren Augen mutiert oder uns das abartige Ergebnis seiner Mutation zur Schau stellt.

 

"Die Brut", das ist so ein Überfall, das ist in den letzten Minuten freilich ein Paradigma der organischen Deformationsvielfalt des David Cronenberg. Die Andeutung des Schreckens ist im Grunde bereits jene auf dem Obduktionstisch liegende Kreatur, deren Entstellungen zu hören (der Pathologe gibt Auskunft), aber weniger zu sehen sind. Dieses Ding ist die Brut, oder zumindest ein Teil von ihr, und es ist ein Handlanger, so etwas wie ein gehorchendes, Gemütszustände ausdrückendes Ausscheidungsprodukt der Seele - das Exkrement, das Nola Carveths Psyche entwich. Sie entwickelt sich zu einem supermassiven schwarzen Loch, das sich verselbstständigt. Der gleichbedeutende familiäre Niedergang macht den Film neben der entartenden Wissenschaft zu einer doppelten Tragödie.

 

"Die Brut" ist alleine schon deshalb ein zerrüttendes Werk, weil es Cronenberg irgendwie gelang, die kleine Cindy Hinds (als Tochter der Carveths) die komplette Zeit über mit einem Gesichtsausdruck der Vorahnung zu filmen. Das Ende gibt der Intuition Recht: ein unbarmherziger Schock, der einem Medusa-Anblick gleichen muss, ein Augenblick, der entsetzt, lähmt, versteinert. Nie wieder wird er sich aus meinem Gedächtnis vertreiben lassen, nie wieder werde ich wohl die Verstörung vergessen, die dieser Film hinterließ. Dafür ist Cronenberg zu danken.

 

Daniel Szczotkowski

 

Die Brut

THE BROOD

Kanada - 1979 - 92 min. - Verleih: Cinevox, Toppic (Video) - Erstaufführung: 12.11.1982 - Produktionsfirma: New World Pictures - Produktion: Claude Héroux

Regie: David Cronenberg

Buch: David Cronenberg

Kamera: Mark Irwin

Musik: Howard Shore

Schnitt: Alan Collins

Darsteller:

Oliver Reed (Dr. Raglan)

Samantha Eggar (Nola)

Art Hindle (Frank)

Cindy Hinds (Candice)

Nuala Fitzgerald (Julianna)

Henry Beckerman (Barton Kelly)

 

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