zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Brownian Movement

 

 

 

Ich bin doch da, hier, jetzt

 

Nanouk Leopolds "Brownian Movement" erzählt architektonisch die Geschichte einer Ehe und eines Betrugs.

Ein Film über ein durchaus glückliches Paar. Sie leben, Ausländer beide, in Brüssel. Charlotte und Max (Sandra Hüller und Dragan Bakema). "Brownian Movement" ist ein Film in drei Teilen, die Teile sind klar voneinander geschieden. Ein Raumfilm, in dem der Mann Architekt ist und in dem Bauten von Le Corbusier mehr als nur den Hintergrund abgeben für das, was geschieht. Menschen zeigt der Film immer als Menschen im Raum. Nicht dass die Räume die Menschen erklären, nicht dass der Mensch im Raum je ganz zuhause wäre, dennoch: Erklärung ist eher in den Räumen zu suchen als in expliziter Figurenpsychologie. Nanouk Leopold zeigt, was Charlotte in und mit Räumen tut. Sie versetzt den Betrachter in die Beobachterposition. Blickt unverwandt, komponiert klare Bilder in klaren Rahmen. Suggeriert keine Nähe, bleibt nicht auf Distanz.

Teil eins. Was Charlotte tut, das Unbegreifliche, der Skandal, den der Film sowas von überhaupt nicht skandalisiert. (Was soll auch skandalös daran sein. Charlotte tut, was sie tut.) Sie mietet ein Appartement, nicht um darin zu leben. Schön ist es nicht. Sie richtet es ein, gänzlich neutral. Bett, Tisch, Flokati. Charlotte ist Medizinerin, tätig in Forschung und Lehre. Als einmal in der Vorlesung ein Handy das Geräusch einer singenden Säge als Klingelton macht, lacht sie (lacht Sandra Hüller, ohnehin toll, wie eigentlich immer) laut auf in einer Weise, die wie vieles andere deutlich sagt: Sie ist keine unglückliche Frau, sie fühlt sich keineswegs unwohl in ihrer Haut. Sie lacht, wenn ihr nach Lachen ist. Sie liebt ihren Mann, sie ist dem Sohn eine fürsorgende Mutter, sie will nicht den Ausbruch, sie sucht nicht die Flucht, sie wünscht sich kein ganz anderes Leben.

Da ist nur der andere Raum, das Appartement. In diesem Raum, in diesem Appartement, hat sie Sex mit wildfremden Männern. Diese Männer sind, anders als Max, mit den Augen des gesellschaftlichen Standardbegehrens betrachtet, fast alle alles andere als attraktiv. Sehr behaart, sehr fett, sehr alt. Sie schleppt diese Männer ab, die Patienten aus ihrer Klinik sind, führt sie, verführt sie, berührt sie, hat Sex mit ihnen, im Bett, im Stuhl, auf dem Flokati. Gesprochen wird wenig bis nichts. Ungerührt sieht die Kamera nicht zu, aber hin. Das kleine Appartement ist atmosphärelos, aber proszeniumsartig durch Wanddurchbrüche gerahmt. Diese Rahmungen fasst die Kamera mehr als einmal als solche ins Bild und arbeitet so selbst architektonisch. Teil eins endet damit, dass man - ihr Mann - ihr draufkommt. Ohnmacht, Unverständnis, Therapie.

Das ist Teil zwei. Die Aufarbeitung des Geschehenen. Um die Ecke biegender Raum mit Licht zum Garten nach rechts. Die braune Holzwand. (Später, im dritten Teil, wieder eine Holzwand, diesmal im "eigenen" Haus.) Therapeutische Räume. In Großaufnahme wieder und wieder Charlotte im Bild. Die Kamera rückt ihr näher, wir tun es nicht. Schuldbewusstsein sieht anders aus. Sie sucht nach Erklärungen, es ist aber nicht so, dass sie keine findet. Eher erkennt sie: Erklärungen führen zu nichts. Angenehm war und ist der Sex mit dem Ehemann. Man kennt sich und versteht sich und weiß, was der andere mag. Es fehlt ihr dabei nichts. Und doch. Es war nicht falsch, was sie tat. Sie tat, was sie wollte. Sie tat, wonach ihr war. Es richtete sich kein bisschen gegen Max.

Ihn, den betrogenen Mann, sehen wir wohl. Verstehen sein Unverständnis durchaus. Auf seine Seite aber schlägt sich der Film nie. Nanouk Leopold richtet die Perspektive des Films so ein, dass wir als Zuschauer (Mann oder Frau) beinahe begreifen: Was Charlotte da tat, im Appartement, im anderen Raum, war kein Betrug. War nur etwas, das sie für sich tat. Aus Neugier und Interesse. Sie hat ihrem Begehren Raum gegeben, ganz buchstäblich. Dies Begehren kann sie nicht erklären, auch sich nicht, und doch ist sie im Reinen, mit sich, mit ihrem Begehren. Therapie ist nicht Heilung, Therapie ist der Versuch, sich und dem Mann und der Welt eine Ahnung zu geben vom Unbewussten, von dem sie sich treiben ließ, ohne Widerstand. Das ist Teil zwei: Man versteht und versteht nicht. Man versteht, dass es eigentlich keiner Erklärung bedarf. Damit leben jedoch, mit der Nichterklärungsbedürftigkeit der Bewegung der Frau in den anderen Raum eines ihr selbst fremden Begehrens, damit leben kann Max, der Mann, der sie liebt, der Mann, den sie liebt, schwer. Charlotte verliert, weil sie Patienten verführt hat, den Job. Es muss ein neues Leben beginnen.

Teil drei, sie bleiben zusammen. Gehen anderswo hin. Beginnen in Indien ein neues Leben. Zwillinge sind geboren. Max arbeitet, Charlotte hat Zeit, ist zuhause, läuft durch die Gegend. Das neue Leben scheint eingerichtet, Charlotte sucht aber wieder andere Räume auf. Die Baustelle, auf der ihr Mann arbeitet, das unfertige Gebäude, das Blicke eröffnet, das verborgene Winkel bietet. Eine Unruhe, eine Bewegung, ein Sich-Niederlassen am einsamen Ort. Der Mann folgt ihr, das Misstrauen ist geblieben, ist mit nach Indien gegangen, so leicht wird es nicht verschwinden. Von dieser Lage der Dinge erzählt im dritten Teil Leopolds Film.

Zwei Schlüsselszenen zum Schluss. Eine im Bett, ein Gespräch, die nicht - nicht so leicht oder überhaupt nicht - wiederzugewinnende Nähe. Eine Frage des Vertrauens. "Ich bin doch da, hier, jetzt", sagt Charlotte. Das muss genügen. Ob es genügt? Letztes Bild von "Brownian Movement": Eine Fahrt in die Wüste, die erhabene Schönheit davonsprengender Tiere. Charlottes Kopf auf der Schulter von Max.

P.S.: Brownsche Bewegung ist ein Begriff aus der Physik. Er beschreibt die Wärmebewegung von Teilchen in Flüssigkeiten und Gasen. Es gibt ein mathematisches Modell zur Berechnung dieser Bewegung, jedoch hat Lukrez - Dank an die englischsprachige Wikipedia für den Hinweis - den Sachverhalt im Sonnenstäubchen-Kapitel seiner naturpoetischen "De rerum natura" nicht ganz auf dem Stand der gegenwärtigen Physik, aber im Prinzip korrekt und jedenfalls sehr viel schöner beschrieben. Nämlich, in der deutschen Übersetzung von Hermann Diels, so:

Folgendes Gleichnis und Abbild der eben erwähnten Erscheinung
Schwebt uns immer vor Augen und drängt sich täglich dem Blick auf.
Laß in ein dunkeles Zimmer einmal die Strahlen der Sonne
Fallen durch irgendein Loch und betrachte dann näher den Lichtstrahl:
Du wirst dann in dem Strahl unzählige, winzige Stäubchen
Wimmeln sehn, die im Leeren sich mannigfach kreuzend vermischen,
Die wie in ewigem Kriege sich Schlachten und Kämpfe zu liefern
Rottenweise bemühen und keinen Moment sich verschnaufen.
Immer erregt sie der Drang zur Trennung wie zur Verbindung
Daraus kannst du erschließen, wie jene Erscheinung sich abspielt,
Wenn sich der Urstoff stets im unendlichen Leeren beweget,
Insofern auch das Kleine von größeren Dingen ein Abbild
Geben und führen uns kann zu den Spuren der wahren Erkenntnis.
Um so mehr ist es recht, daß du diese Erscheinung beachtest,
Wie in dem Sonnenstrahle die winzigen Körperchen wimmeln,
Weil dergleichen Gewimmel beweist, auch in der Materie
Gibt's ein unsichtbares, verborgenes Weben der Kräfte.
Denn bei den Stäubchen erkennst du, wieviele die Richtung verändern,
Trifft sie ein heimlicher Stoß, und wie sie sich rückwärts wenden,
Hierhin und dorthin getrieben nach allen möglichen Seiten.

Merke, die ganze Bewegung beginnt hier bei den Atomen.
Denn es erhalten zuerst die Urelemente den Anstoß,
Hierauf werden die Körper, die wenig Verbindungen haben
Und in der Kraft sich am nächsten den Urelementen vergleichen,
Durch unmerkbare Stöße von diesen dann weiter getrieben,
Und sie führen dann selbst den Stoß auf die größeren weiter,
So geht von dem Atom die Bewegung empor und sie endet
Mählich bei unseren Sinnen, bis endlich auch das sich beweget,
Was wir im Lichte der Sonne mit Augen zu schauen vermögen,
Ohne doch deutlich die Stöße zu sehn, die Bewegung erregen.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Brownian Movement
Niederlande / Deutschland / Belgien 2010 - Regie: Nanouk Leopold - Darsteller: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timoteo, Ryan Brodie, Frieda Pittoors, Nicole Shirer, Ergun Simsek, Kuno Bakker, Gelijn Molier, Nilofer Raza - FSK: ab 16 - Länge: 100 min. - Start: 30.6.2011

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays