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Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht (Teil 1)

 

 

 

Bill Condons "Breaking Dawn" fügt dem "Twilight"-Franchise einen weiteren hochsexualisierten Blockbuster ohne Triebventil hinzu.

Die "Twilight"-Reihe habe den Vampirmythos gezähmt, liest man oft. Statt gefährlicher, die konventionelle Moral zersetzender Sexualität Raum und Körper zu geben, predigten die Filme wie die Bücher, gemäß einer neokonservativ-christlichen Agenda, Enthaltsamkeit und sehnten sich in die Zeit vor der sexuellen Revolution zurück. Geht man alleine nach der Handlung, kann man wenig gegen eine solche Diagnose einwenden. Der zentrale Vampir der Serie wird von der Angst getrieben, dass seine Lust im Orgasmus in Blutrausch umschlagen könnte, ein Risiko, das er nur unter dem Schutz des Ehesakraments einzugehen bereit ist.

In allen vier Filmen gibt es jedoch eine Spannung zwischen dem selbstauferlegten Triebverzicht gleich aller drei Hauptfiguren - der anfangs 17-jährigen, sterblichen Bella (Kristen Stewart), dem erwähnten Vampir Edward (Robert Pattison), dem Gestaltwandler (aka Werwolf) Jacob (Taylor Lautner) - und dem unmissverständlichen Sex, der in den Bildern steckt; zumindest in einigen Bildern: Stewarts fortdauernd schmachtende Rehaugen, der Schlafzimmerblick des freilich schauspielerisch nicht besonders begabten Pattison, Lautners in dunklen Wäldern fluoreszierend leuchtender Oberkörper erkennen auch im Verzicht auf den Vollzug die Existenz des Verlangens an - und das ist mehr, als viele andere Filme, die auf den ersten Blick eine progressivere Vorstellung von Liebe haben, leisten. Verkitschter Sex ist das, klar, aber: auch in Poesiealben artikuliert sich echtes Begehren. Es handelt sich dabei freilich nicht unbedingt um alltägliches, nachfühlbares Verlangen, eher um überlebensgroßes Verlangen-als-Spezialeffekt - und vielleicht liegt gerade da das eigentliche Problem der Filme.

Die "Twilight"-Welt ist ohnehin zu sonderbar, als dass sie auf etwas derart Profanes wie eine Verdammung außerehelicher Sexualität heruntergerechnet werden könnte. Das zentrale Paar Edward und Bella mitsamt dem ewig überzähligen Dritten Jacob wird von zwei Seiten in die Zange genommen (die dritte, menschliche Seite spielt nur im ersten Film eine größere Rolle): Auf der einen Seite steht die quasi-aristokratische, gleichzeitig erkaltete und regellose Begierde der Vampirclans, auf der anderen Seite die "animalische", auf nicht unproblematische Weise mit den amerikanischen Ureinwohnern assoziierte monogame Fortpflanzungstechnik der Gestaltwandler, die sich ihren Lebenspartnern "aufprägen" ("to imprint on someone" heißt es im englischen Original) und dabei einen Teil ihrer Persönlichkeit zu verlieren scheinen. Weniger eindimensional puritanisch, denn mehrdimensional paranoid erscheint das Bild, das sich die Autorin Stephenie Meyer und ihre wechselnden Erfüllungsgehilfen in Hollywood von Sexualität machen.

Möglicherweise könnte man dennoch eine schöne Geschichte darüber erzählen, wie sich innerhalb dieser Konstellation eine jugendliche Romanze entwickelt, wie eine emanzipative, subjektbildende Liebe sich ihr eigenes Regelwerk jenseits der Traditionen sucht. Leider konstruieren die Twilight-Bücher statt dessen mit viel Aufwand einen reichlich uninteressanten mythologischen Background für ihre Figuren und türmen eine schwachsinnig-seifenopernhafte Verwicklung auf die nächste. Und, mindestens genauso schlimm: Die Filme (mit Ausnahme der zumindest streckenweise wirklich an ihren Figuren interessierten ersten Episode) decken dann alles, was trotzdem noch an eigene Erfahrungen mit erster Liebe und erstem Sex anschließen könnte, mit geschmeidigen Montagesequenzen und fürchterlichem Teenie-Pop zu.

Leider ist in dieser Hinsicht gerade der jetzt vorliegende vierte, von "Dreamgirls"-Regisseur Bill Condon inszenierte Teil "Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht - Teil 1" (das letzte Buch der Serie wurde, wie schon bei den "Harry Potter"-Verfilmungen, für die Kinoauswertung aus naheliegenden Gründen aufgesplittet) besonders ärgerlich. Eigentlich enthält er das gesamte Herzstück der Saga: Die endlich geschlossene und auch gleich vollzogene Ehe Bellas und Edwards vor allem, außerdem noch eine Schwangerschaft, eine Geburt und zum krönenden Abschluss eine Vampirwerdung. Aber immer dann, wenn es endlich doch noch zur Sache gehen könnte, weicht die hochtrabende Romantik des vorhergehenden Verzicht- und Eifersuchtsdramas einem routiniert-leblosen Bruno-Mars-Musikvideo, einer verdinglichten Variante des Poesiealbums sozusagen, das kulturindustriell maßgeschneidert, von vornherein schick, aber verlogen ausgefüllt ist und keine eigenen Eintragungen, nichts Unfertiges, Tastendes, keine Unsicherheit mehr vorsieht.

Übrig bleibt ein weiterer hochsexualisierter Blockbuster, der nicht weiß, was er mit seinem immensen erotischen Potential anfangen soll. Das ist zwar einerseits ärgerlich - und, ja, unbefriedigend -, andererseits muss man fairerweise festhalten: schlimmer als all die vielen Jungsblockbusterserien der letzten Kinojahre ist dieses immer noch einzige Mächenblockbuster-Franchise nun auch wieder nicht.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.perlentaucher.de  

Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht (Teil 1)
USA 2011 - Originaltitel: The Twilight Saga: Breaking Dawn - Part 1 - Regie: Bill Condon - Darsteller: Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Billy Burke, Peter Facinelli, Elizabeth Reaser, Kellan Lutz, Nikki Reed - FSK: ab 12 - Länge: 117 min. - Start: 24.11.2011

 

 

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