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B-Movie: Lust & Sounds in West Berlin1979 - 1989

 

"B-Movie" von Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange rekonstruiert subkulturelle Szenen der 1980er.

Die von Punk, Industrial und artverwandten Spielarten geprägte Subkultur der 1980er Jahre bleibt auch weiterhin ein ertragreicher Nährboden - nicht nur für die damaligen Protagonisten, die von ihrem biografischen Kapital bis heute mal mehr, mal weniger zehren, sondern auch für die Zweitauswertung dieser in der alten BRD wichtigen und transformierenden Phase der Popkultur in Form zahlreicher Bücher, Radiohörspiele und -features, Spielfilme und Dokumentationen. Auch der zum großen Teil ziemlich ungebrochen nostalgisch schwelgende Dokumentarfilm "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989" reiht sich in diese Reihe von Rückschauen ein, besticht aber durch seine strikt subjektive Perspektive, die das Geschehen von vornherein ins sanft Exotische schiebt: Denn Mark Reeder, um dessen Erfahrungen es geht, ist nicht nur ein vom Punk her kommender Uniformfetischist, sondern auch Brite, der im Manchester der 70er mit Krautrock und der "Kosmischen Musik" in Berührung kommt und sich in diesen Sounds ein fantastisches Abbruch-Deutschland erträumt, das er schließlich im abrissreifen Kreuzberg der späten 70er und 80er Jahre auch tatsächlich findet, sodass er kurzerhand einfach dableibt: Die apokalyptisch-nihilistische, aber keineswegs spaßbefreite Subkultur als von Ferne erträumtes Fantasieland, das auf Jahre hin nichts als Abenteuer, Spaß und zynischen Humor verspricht.

In diesem Ruinenparadies ist Reeder fortan Szenegänger: Er treibt sich bei Blixa Bargeld im "Risiko" genauso herum, wie er später in den Splatterfilmen von Jörg Buttgereit als Darsteller auftaucht, geht in Norbert "Der wahre Heino" Hähnels "Scheißladen" Tapes kaufen, holt Joy Division nach Berlin, erlebt im SO36 ausufernde Konzerte, während in der Nachbarschaft heute als Kult gehandelte Filme entstehen (ob nun Carl Schenkels "Kalt wie Eis" oder Andrzej Zulawskis "Possession"), managt und produziert Bands, fährt seine Uniformen durch Kreuzberg auf dem Rad spazieren, zieht mit britischen Fernsehteams durchs West-Berliner Nachtleben, besucht Ost-Berlin ("ein Disneyland für Depressive", wie er schwärmt) und tanzt 1989 auf der allerersten, nur von ein paar verstrahlten Verpeilos besuchten Loveparade, die in Gestus und Ästhetik den dadaistischeren Spielarten des Punk-Undergrounds noch näher steht als dem heutigen Hochleistungs-Rave der McFit-Generation. Als die Mauer bröckelt und Kreuzberg mit einem Mal nicht mehr vergessen am Stadtrand liegt, sondern mitten im Stadtzentrum, gründet er das Trance-Label MFS - da mündet die in den alten unsanierten Freiräumen zwischen Nonsense, Weltuntergang und fröhlicher Drastik munter experimentierende Subkultur ein ins Partyjahrzehnt der 90er, dem kurzen Sommer der Post-Histoire. Zu den bizarrsten Artefakten, die "B-Movie" im reichen Angebot hat, zählt ein früher Auftritt des Ex-Punks und späteren Techno-Superstars Westbam an genau dieser subkulturellen Scharnierstelle.

Irgendeine Kamera lief offenbar immer mit, sodass Reeder aus einem reichhaltigen audiovisuellen Archiv schöpfen kann (fiktionale Szenen etwa aus Buttgereits "Nekromantik 2" werden nonchalant biografisch inkorporiert), das er hier mit einem manchmal vielleicht etwas zu sehr auf beschaulich getrimmten Voiceover verdichtet. Schon wegen der Überfülle an Material lohnt der Film, aber eben auch wegen des subjektiven Zugriffs auf eine Zeit, die - das belegt "B-Movie" eindrucksvoll - eben tatsächlich nach Strich und Faden verloren und vergangen ist: Nicht nur ist Kreuzberg heute längst ein durchsaniertes, sonniges Latte-Macchiato-Paradies für Besserverdienende, auch bilden die heutigen Partyexzesse der Easy-Jet-Raver im Kiez zwischen Falckenstein- und Warschauer Straße kaum noch Momente widerständiger Kultur, sondern sind ein in der Wirtschaftsbilanz der Stadt fest einkalkulierter Faktor.

Schön an "B-Movie" ist der strikt hedonistische Gestus: Mensch, war das toll, war das frei. Hier erinnert sich einer an die tollste Zeit seines Lebens - sicher mit ein bisschen Verklärung, aber doch, anders als die meisten Rückblicke dieser Art, ohne die nervige "naja, wir waren halt die coolsten"-Rhetorik, die aus dem Mund heutiger Kulturbetriebs-Etablierter rasch dünkelhaft wirkt. Hier erzählt nicht Opa vom Krieg oder der guten alten Zeit - vielmehr ist der Lebensfreude dieses Films stets anzumerken, dass die Person dahinter eigentlich jedem Menschen wünscht, selbst einmal ein solches lebensweltliches High zu erleben. Sehr sympathisch.

Schön ist der Film auch wegen einer zweiten Facette: Manchester, von wo aus die Reise nach Berlin geht, ist Ende der 70er die vielleicht hässlichste Stadt der Welt. Der kaputte Osten des alten West-Berlins steht dem kaum nach. Es ist vielleicht gerade diese Tristesse - neben den günstigen Mieten und den letzten Geschenken eines umhegenden Sozialstaats kurz vor dessen Abglimmphase -, die die Leute zur anarchischen, mit viel Lebens- und Spielfreude über alle Stränge schlagenden Kunst treibt. Gegen bessere Wohnverhältnisse ist wenig zu sagen, aber man wird doch den Gedanken nicht los, dass der satte neo-kleinbürgerliche Bionade-Biedermeier, der sich heute hinter lachsfarben gestrichenen Fassaden eingerichtet hat, schlicht keine Substanz mehr für große Sprünge bietet.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 


B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989

Deutschland 2015 - 92 Min. - Start(D): 21.05.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Jörg A. Hoppe, Heiko Lange, Klaus Maeck - Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Heiko Lange, Klaus Maeck, Mark Reeder - Produktion: Jörg A. Hoppe, Heiko Lange, Klaus Maeck, Christoph Post, Alexander von Sturmfeder - Schnitt: Alexander von Sturmfeder - Darsteller: Blixa Bargeld, Gudrun Gut, Annette Humpe, Mark Reeder

 

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