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Blue Valentine

 

 

 

Ein Schönes war

Eine Geschichte vom Ersterben, und zwar einer einst großen Liebe, erzählt in Flashback-Struktur Derek Cianfrances "Blue Valentine" mit Michelle Williams und Ryan Gosling.

Die Haare licht, die Brille hässlich und immer Farbe an den Händen: Dean, sechs Jahre später. Und Cindy: Aus ihren Ärztin-Träumen wurde nichts, in passiv-aggressiver Weise verschließt sie sich Deans recht verzweifeltem Versuch, zu retten, was nicht mehr zu retten ist - die Liebe zwischen ihnen. "Blue Valentine" entwirft ein Vorher-Nachher-Bild, nur dass das Schöne vorher liegt und hinterher die Ödnis einer Ehe. Wie kam's von hier nach da, was hat die beiden bloß so ruiniert? Auf diese Frage sucht der Film im Grunde keine Antwort, er zeigt nur flashbackweise hier und da, so einst, so jetzt, die Leidenschaft, hier glüht sie noch, da ist sie nun erloschen.

Ganz zu Beginn: Ein Ruf, erst leise, danach lauter: "Megan". Wer ruft, ist Frankie, Deans und Cindys Tochter. Megan ist der große Hund, der - und sei es nur als Dingsymbol - die Kleinfamilie irgendwie zusammenhielt. Nun ist er weg, ist tot, wird später dann im Garten hinten links begraben. Von hier an löst sich alles auf. Die Liebesnacht im Sex-Hotel soll, hofft wider alle Hoffnung Dean, der toten Ehe nochmal Leben geben. Cindy sträubt sich, erkennt die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, halb zerrt Dean sie, halb sinkt sie dann doch hin. Man fährt zwei Stunden lang, gebucht hat Dean den "Future Room" (Subtilität ist, nebenbei gesagt, nicht unbedingt des Drehbuchs Stärke), der Zukunftsraum ist sagenhaft abscheulich, und auch die Zukunftsnacht wird grauenhaft und endet quasi komatös; der Sex, zu dem es ansatzweise kommt, stellt keine neue Nähe her, vielmehr den Abstand zwischen beiden nur ganz besonders grausam aus.

"Blue Valentine" ist strukturell auf Pathos angelegt. Die Geschichte selbst ist durchaus stinknormal. Zwei Menschen, die von Anfang an nur wenig zueinander passten, geraten im Laufe des Zusammenlebens wieder auseinander. Er, zunächst ein herzensguter Tunichtgut, die High School abgebrochen, Umzugsmann. Sie, mit Ambition für ihre Zukunft, ist schwanger, nicht von Dean, und treibt das Kind mit knapper Not dann doch nicht ab. Weil Dean dann da ist, das Kind als seins und ihres akzeptiert, weil seinem Charme, wenn er Gitarre spielt und dazu seltsam singt, nur schwer zu widerstehen ist, weil er romantisch fast an Liebe glaubt und sie es beinah selber dadurch glauben lernt, aus allen diesen, wenn nicht durchweg guten, so doch nachvollziehbaren Gründen, entschließen sie sich zum Zusammensein in guten und in schlechten Tagen.

Im Fortgang (jetzt) erleben wir die ganz besonders schlechten, wozu der Fortgang (einst) sehr kontrapunktisch kontrastiert. Im Schnitt von hier nach da liegt die Pointe der Erzählung, die so am Herzen rupft und zupft und überm Rupfen-Zupfen ein ums andre mal dasselbe sagt: Es war so schön, es kommt nicht wieder. Dazu spielt allzu melancholische Musik. Diskurs zur Liebe allgemein, Abteilung bürgerliche Sensibilitäten, wird dialogweis draufgesetzt, von Liebe auf den ersten Blick, Romantik, dem Warten auf prince charming spricht Dean schon im Vorabbereich. "Blue Valentine" durchdringt das nicht, markiert nur hier und da mit grobem Strich den feinen Unterschied, die Kamera bleibt indiemäßig nahe dran, am Ende liegt ein Feuerwerk am Independence Day. Ein Schönes war, hieß Dean und Cindy, und ging im Licht und freute sich des Lebens. Ist nun vorbei. "Blue Valentine": ein Abgesang, ein Trauerspiel.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Blue Valentine
USA 2010 - Regie: Derek Cianfrance - Darsteller: Michelle Williams, Ryan Gosling, Faith Wladyka, John Doman, Mike Vogel, Marshall Johnson, Jen Jones, Maryann Plunkett, James Benatti, Barbara Troy, Carey Westbrook - FSK: ab 12 - Länge: 112 min. - Start: 4.8.2011

 

 

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