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Blonde Cobra

 

Dies ist nicht ein Film, es sind mindestens zwei. Ken Jacobs bekommt das Material in die Hände, das Bobby Fleischner aufgenommen hat. In Szene aber setzt der unnachahmliche Jack Smith sich selbst. Welche Szene, das ist nicht ganz klar. Er ist kostümiert und die Kamera rückt ihm nahe; das, scheint es, will er auch so. Auf die Kamera bezogen ist sein Spiel, seine Performance (im Grunde macht es ganz den Eindruck, als spielte er das Spielen und Darstellen nur), aber nicht auf die Kamera als das Instrument eines Regisseurs, der fiktive Wirklichkeit erschafft. Eher bezieht sich Jack Smith auf die Kamera wie das verwöhnte Kind auf den Blick der Mutter. Und nicht nur den Blick, sondern die Hände. Und nicht nur die Hände, sondern auch die Worte, die wie Hände sind. Jack Smith, der sich narzisstisch im Spiegel spiegelt, möchte von der Kamera gestreichelt werden und so streichelt sie ihn. Für uns als Betrachter ist das nicht recht zu begreifen. Wir sehen seinen Mund, der geschminkt ist, wir sehen seine große Nase und wir sehen den albernen Kopfschmuck. Aber für unseren Blick ist das nicht. Jack Smith und die Kamera, eine Symbiose, da sind wir als Betrachter überflüssig und das lässt man uns spüren.

Wie ein böser Vater aber fährt zwischen das Kind und seine Mutter, die Kamera und ihr Bild, der Ton, der damit nichts zu tun hat. Ja, dies Dazwischenfahren - nicht unbedingt ein Machtwort, womöglich sogar eher eine den narzisstischen Selbstbezug nur doppelnde Geste - findet immer wieder eine Art Ausdruck in ausgedehnten Momenten von Schwarzbild. Das Bild wird getilgt, aber Jack Smith spricht - aus dem Off - immer weiter. Denn wer da spricht und quengelt, wie ein Kind, das man hinausgesperrt hat aus dem Bild, wie ein Kind, das seine Mutter/Kamera wiederhaben will, das ist Jack Smith. Er klagt und singt und erzählt irgendwelche Geschichten. Er sagt, wehleidig, "Sex is a pain in the ass". Andererseits spricht auf der Tonspur nicht nur Jack Smith, es spricht zugleich auch aus ihm. Er spielt, im Bild, in Drag, Madame Nescience, das Unbewusste selbst. Er erzählt Geschichten von sexueller Perversion im Kloster. Er/es spricht immer weiter, auch und gerade im Schwarzbild. Auf der Tonspur geht uns Jack Smith auf irgendwie faszinierende Weise auf die Nerven. Im Bild, das sich nicht an uns richtet und so tut, als rechnete es nicht einmal mit uns, geht er uns nichts an. Unter diese Filme, dieses dissoziative Miteinander von Ton, Bild und Nichtbild, setzt Ken Jacobs seine Signatur, ohne dass sich damit etwas (er)schließt.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.jump-cut.de

 

 

 

Blonde Cobra

(USA 1963) - 33 min. - Regie: Ken Jacobs - Darsteller: Ken Jacobs, Jack Smith (Madame Nescience)  

 

 

 

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