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Blick in den Abgrund

 

 


Wie stellt man als Filmemacherin absolute Dunkelheit, sagen wir: die Schwärze der menschlichen Seele dar? Die Naturwissenschaften helfen nicht weiter. Nach physikalischem Verständnis entsteht ein schwarzer Farbeindruck, wenn das gesamte Wellenspektrum des Lichts geschluckt wird. Schwarz ist gleichbedeutend mit einer Abwesenheit. Leere.
Wer also den Blick in einen (menschlichen) Abgrund wirft, steht vor einem Problem, das sich ästhetisch nicht leicht lösen lässt. Die österreichische Filmemacherin Barbara Eder hat sich davon nicht irritieren lassen. Die Nicht-Beschreibbarkeit ihres Gegenstandes ist das Leitmotiv, das die Porträtierten in der Dokumentation Blick in den Abgrund verbindet. „Was haben Sie gesehen, als Sie in den Abgrund geschaut haben“, fragt der Polizeipsychologe an einer Stelle einen Triebtäter. „Nichts“, entgegnet der Mann ungerührt. „Was war ihre Maximalfantasie?“ bohrt der Psychologe weiter. „Na, bis zum Tod.“ – „Und Tod ist gut? – „Tod ist gut.“

Eder folgt diesem Blick in die Dunkelheit nicht aus Sicht des Täters, sondern aus der Perspektive der Ermittler. Sechs Profiler aus den USA, Finnland, Südafrika und Deutschland hat sie für Blick in den Abgrund bei ihrer Arbeit begleitet. Profiler sind eine Mischung aus Forensikern und Psychologen. Sie sammeln Spuren eines Gewaltverbrechens und suchen darin nach Mustern für ein Täterprofil. Das ist Traumaarbeit der härteren Sorte – um das zu verdeutlichen, wären die langen, stummen Passagen und die leeren Blicke an der Kamera vorbei nicht immer nötig gewesen.

Die Tathergänge, die die Experten mit professioneller Distanz diskutieren, legen ein Gewaltpotential offen, das normalen Menschen schlaflose Nächte bereiten würde. Aber auch die psychologische Arbeit geht an die Substanz. Helen Morrison, die seit fast 40 Jahren in Chicago Täterprofile erstellt, erzählt in einer Szene, dass sie nach der Arbeit nicht zu ihrer Familie zurückkehren kann. Sie checkt für eine Nacht in einem Motel ein. „Ein 16-Stunden-Tag mit einem Serienmörder kann sehr primitive Gefühle in einem hervorbringen. Sie verfügen über die Fähigkeit, in deinen Kopf einzudringen.“

Die unsichtbare Schwelle zwischen Beruf und Privatleben muss auch Eder mit ihrem Film überschreiten. Eine Trennung der beiden Sphären ist in diesem Job unmöglich. Die etwas zu fernsehmäßige Alltagsinszenierungen nach dem Prinzip der scripted reality – Helen Morrison beim Abendessen mit der Familie, Helinä Häkkänen-Nyholm auf Angelausflug mit ihrem Mann – sind daher vielleicht als Versuch zu werten, wieder Kontrolle über eine Situation zu erlangen, in der Nachbilder einer irrationalen Gewalt langsam psychologisch manifest werden. „In dieser Arbeit hat man selten Momente von Freude und Glück“, erzählt Häkkänen-Nyholm mit Blick aufs Meer. „Es geht immer um menschliche Schicksale und Tragödien.“ Selbst die Versuche, das Unbeschreibliche wieder auf ein rationales Fundament zu stellen, sind als bloße Übersprungshandlungen erkennbar. Morrison streitet seit Jahren mit der amerikanischen Justiz darum, die Gehirne von Serienmördern wissenschaftlich zu untersuchen – ein Vorschlag, den ihr Ehemann, ein Neurologe, für einen Eingriff in die Grundrechte eines Straftäters hält.

Ein Allgemeinplatz, den vor allem die Männer in "Blick in den Abgrund" zementieren, ist die Feststellung, nicht jeder sei für den Job des Profilers geeignet. Die meisten, erklärt der Südafrikaner Gérard N. Labuschagne, stiegen nach einigen Jahren wieder aus. Über diesen interessanten Punkt kommt Eder leider nicht hinaus. Es gelingt ihr trotz frappierender Inneneinsichten in 90 mitunter höchst unerfreulichen Minuten nicht zu erklären, was die sechs Profiler dazu bewegt, sich mit extremer körperlicher Gewalt und seelischer Depravation auseinanderzusetzen. Die Persönlichkeitsstrukturen lassen, abgesehen von der manisch-obsessiven Morrison, kaum Rückschlüsse zu. Hier stößt die scripted reality an Grenzen.

In einer der unterhaltsameren Szenen deutet "Blick in den Abgrund" beiläufig an, dass in den Inszenierungen des Dokumentarischen ein Zugriff auf eine tiefere Wahrheit möglich wäre. Da sitzen zwei pensionierte FBI-Profiler vor dem Fernseher und sehen sich vergnügt Szenen aus "Das Schweigen der Lämmer" an, für deren Protagonisten sie selbst als Vorbild dienten: Die Wirklichkeit beobachtet sich bei der eigenen Fiktionalisierung. Vielleicht ist es ein Trugschluss, anzunehmen, dass man lange genug in die Schwärze starren muss, bis etwas zurückblickt.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der freitag

 

 

 

Blick in den Abgrund
Österreich 2013 - 90 Minuten - Kinostart: 23.01.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Barbara Eder - Drehbuch: Barbara Eder - Produktion: Viktoria Salcher, Mathias Forberg, Nicole Ringhut - Kamera: Hajo Schomerus - Schnitt: Dieter Pichler, Rosana Saavedra Santis - Verleih: RealFiction

 

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