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Biutiful

Großes Solo für Javier Bardem: In seinem neuen Film "Biutiful" pfeift der virtuose Kinotechniker Alejando Gonzalez Iñárritu nun auch auf den letzten Drehbuch-Anschein von Komplexität.

Die ersten drei Arbeiten des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzalez Iñarritu verschränkten verschiedene, parallel laufende Handlungsfäden auf mehr oder weniger elegante Art und Weise. Die Filme - durchweg nach Drehbüchern von Guillermo Arriaga - knüpften narrative Netze, deren Knotenpunkte mit den Plotstrukturierungen der klassischen Spielfilmdramaturgie nicht identisch waren. Die Konstruktionsprinzipien der jeweiligen Netze wurden zuerst ("Amores Perros") von einem naiven, dann ("21 Gramm") von einem esoterischen Schicksalsbegriff und zuletzt ("Babel") von nichts Geringerem als der globalisierten Wirtschaftsordnung - oder was Iñárritu und Arriaga dafür hielten - determiniert. An letzteres Motiv schließt "Biutiful" an. Das Netz allerdings ist ebenso wie nach einem Streit mit Iñárritu der Drehbuchautor Arriaga verschwunden. Die Erzählung des neuen Films verläuft strikt linear, anstatt eines Panoramas ungefähr gleichberechtigter Figuren entfaltet sich eine Javier-Bardem-One-Man-Show sondergleichen.

All das, was in "Babel" über drei Kontinente und ein gutes Dutzend Charaktere verteilt wurde, wird in "Biutiful" dem Schauspieler auf die Schultern geladen, der in "No Country for Old Men" noch mit einer Pressluftpistole Texas unsicher machen durfte und sich in Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona" zwischen Penelope Cruz und Scarlett Johansson amüsieren konnte. Bei Iñárritu aber ist Schluss mit lustig. Bardems Uxbal ist ein lebender Brennpunkt der Globalisierung, ein Kleinkrimineller auf den Straßen Barcelonas, der mit chinesischen Produktpiraten Geschäfte macht und afrikanischen Migranten Schwarzarbeit oder Produkte für den illegalen Straßenverkauf vermittelt. Uxbal steht, vor allem dank seines spanischen Passes, in der Hierarchie der katalanischen Unterwelt etwas höher als die Illegalen, aber mehr als eine prekäre Ich-AG im Lumpenproletariat hat er sich nicht aufbauen können.

Zu den Eigentümlichkeiten der Filme Iñárritus zählte schon immer, dass ihre relative narrative Komplexität nie reflexiv gewendet wurde. Schon die Bilder selbst verschließen sich auf einer sehr basalen Ebene ihrer kritischen Befragung oder auch nur simplen begrifflichen Bestimmungen, sie zielen direkt und ohne Umschweife auf Affekte. Die impressionistische Handkameraarbeit (alle vier Filme sind vom Starkameramann Rodrigo Prieto fotografiert), die Subjektives und Objektives so elegant wie manipulativ in eins setzen, die dynamische Montage, die dem gedanklichen Nachvollzug immer einen sanften Schritt voraus zu sein scheint, die organischen Farb-Klang-Kompositionen aus angedeuteten Gitarrenmelodien und ghettoromantischen Stimmungsbildern (in "Biutiful" sind das zum Beispiel verwischte Leuchtreklamen und harter Pflasterstein, bläulich ausgeleuchtete Bruchbuden mit tropfenden Decken): dass der Mexikaner ein virtuoser Handwerker ist, kann man kaum bestreiten, eine Partyszene gegen Ende des Films vor allem, in der Iñárritu seinen Protagonisten in einem audiovisuellen Strudel versinken lässt, ist ein technisches Meisterstück. Doch derartige Bilder gewinnen, das unterscheidet ihn grundlegend von anderen, deutlich sympatischeren Arthaus-Manipulatoren wie Michael Haneke oder Gaspar Noé, nie einen ästhetischen Eigenwert, der über die bloße Gefühlsmechanik hinausreichen würde. Alles muss in ihnen unmittelbar gegeben sein, Bilder, Farben, Bewegungen sollen zu direkten Äquivalenten von Emotionen werden.

Und die Emotionen wiederum sollen die mal metaphysischen, mal in sehr allgemeiner Form gesellschaftskritischen Behauptungen, die die Plots der Filme zusammenhalten, unterfüttern, ihnen, in Abwesenheit ästhetischer Reflektion, provisorische Plausibilität verschaffen. Immersive Überwältigungsästhetik alleine genügt da freilich nicht, sie will ergänzt werden durch melodramatische Taschenspielertricks der alten Schule.

In "Biutiful", wo selbst noch die oberflächliche Komplexität der Intrige verschwunden ist, hat der Taschenspieler Iñárritu umso mehr zu tun. Das beginnt damit, dass Uxbal nicht einfach nur in einer ökonomisch schwierigen Lage steckt. Gleichzeitig ist er todkrank, er pisst Blut, hustet am laufenden Band, schwankt im Großen und Ganzen reichlich elegisch seinem Ende entgegen. Dann hat er auch noch zwei niedliche Kinder und eine manisch-depressive Exfrau, die mit seinem (großkriminellen) Bruder schläft, sich sein weniges Geld unter den Nagel reißen möchte, den gemeinsamen Sohn verprügelt und auch sonst jede Menge Ärger macht. Und schließlich hat der gute Uxbal, auf den alle Leiden dieser Welt zu projizieren Iñárritu fest entschlossen ist, auch noch ein Gewissen. Das zwingt ihn dazu, eine junge Afrikanerin samt Neugeborenem bei sich aufzunehmen, nachdem ihr Ehemann abgeschoben wurde, und es peinigt ihn, nachdem in einem chinesisch-katalanischem Sweat Shop ein Gasleck eine Katastrophe verursacht hat.

"Biutiful" ist - und erst das macht aus einem uninteressanten Film einen wirklich ärgerlichen, der sich nahe am Rassismus bewegt - Starkino der perfidesten Sorte. Zum einen sind Bardem die Zeichen körperlichen und sozialen Verfalls genau so dick aufs Gesicht geschminkt, dass der glamouröse Starkörper in seiner scheinbaren Negation nur umso besser zur Geltung kommt. Zum anderen agieren um den alles dominierenden Hauptdarsteller fast ausschließlich Laien ohne Kinoerfahrung und -personae.

Bardem ist in "Biutiful" nicht mehr Teil eines relational organisierten Starsystems (primus inter pares), sondern eine freigestellte Attraktion, die sich qualitativ von den restlichen Elementen des Films unterscheidet. Als Kontrastfolien um ihn herum angelagert: seedy locations sowie Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe und / oder dezidiert nicht-hollywoodtauglichen Physiognomien. Selbst, wenn in einer wilden, hektisch gefilmten Polizeihatz über die Touristenmeile La Rambla für einen Moment reale Gewalt, wie man ihr während eines Spaziergangs durch Barcelona vermutlich fast täglich begegnen könnte, in die melodramatische Konstruktion einbricht, interessiert sich der Film nur für die blutige Nase seiner durch und durch erlogenen Hauptfigur.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 


Biutiful
Spanien / Mexiko 2010 - Regie: Alejandro González Iñárritu - Darsteller: Javier Bardem, Maricel Álvarez, Eduard Fernández, Hanaa Bouchaib, Ana Wagener, Manolo Solo, Rubén Ochandiano, Guillermo Estrella - FSK: ab 16 - Länge: 147 min. - Start: 10.3.2011

 

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