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Die bitteren Tränen der Petra von Kant

 

 

Petra von Kant (Margit Carstensen), erfolgreiche Modeschöpferin in Bremen, lebt zusammen mit ihrer Dienerin Marlene (Irm Hermann) in einem geräumigen Appartement. Ihr erster Mann ist verunglückt, von ihm hat sie eine Tochter Gabriele (Eva Mattes), von ihrem zweiten hat sie sich scheiden lassen. Sie verliebt sich in ein Mädchen, das gut zehn lahre jünger ist als sie, Karin Thimm (Hanna Schygulla). Petra will die junge Karin ganz für sich haben, Karin die vermögende Petra ausnutzen, jedoch ihre Freiheit bewahren. Als ihr Mann, der in Australien war, sich uberraschend meldet, kehrt sie zu ihm zurück. Petra verzweifelt. Allmählich aber beginnt sie zu verstehen: »Ich habe Karin gar nicht geliebt, ich habe sie nur besitzen wollen.« Sie bietet ihrer Sekretärin Marlene, die sie bisher wie einen Gegenstand behandelt hatte, Zusammenarbeit, Freiheit, Spaß an. Aber Marlene, die nie ein Wort sprach, packt wortlos ihren Koffer und geht.

Der Film geht auf ein Theaterstück Fassbinders zurück, das bei der Experimenta 1971 in Frankfurt uraufgeführt wurde und bei der Kritik durchfiel. Fassbinder löst die Handlung nicht, wie man so sagt, filmisch auf. Alles spielt sich in einer Wohnung ah, fast nur in einem Zimmer. Die Akteinteilung ist deutlich zu erkennen. So ist der Film eine Studie über einen Raum und eine Frau, die diesen Raum bewohnt und prägt, die in ihm eingeschlossen ist und mit ihr die Kamera. Das Zimmer: ganz verspielt, ein wenig kitschig, halb zwanziger Jahre, halb Gegenwart. Nicht denkbar, daß ein Mann darin leben könnte.

Als Karin auftaucht, entsteht für einen Augenblick eine Vision von Glück. Zwei Frauen, von den Männern enttäuscht, emanzipiert. Petra ehrgeizig, gebildet, sorgfältig in ihrer Sprache, sensibel. Karin faul, unwissend, leichtsinnig, in ihrer Sprechweise unverblümt, auch unpräzise. Gegensätze also, aber doch eine Möglichkeit des Glücks, solange Petra und Karin die Vergangenheit und die Außenwelt nicht zu sich hereinlassen. Da das unmöglich ist, muß die Liebe scheitern.

Die Männer, ausgeschlossen aus diesem Raum, sind ständig anwesend im Verhalten der beiden Frauen. Petra und Karin spielen das alte Spiel von Besitzgier und Eifersucht, Unterdrückung und Abhängigkeit.

Ein Film zwischen Kunst und Kitsch, zwischen Erlesenheit und Talmi (Petra entwirft eine Kollektion für Karstadt!). Und trotzdem muß man dieses Melodram ernst nehmen, wie es sich selbst ernst nimmt (die schmale Grenze zur Selbstparodie wird nie überschritten). Wenn Petra, von Karin verlassen, zu toben beginnt, hat ihr Ausbruch eine Kraft (nicht zuletzt durch die Leistung von Margit Carstensen), die mögliche Einwände des Zuschauers hinwegfegt: »Ihre herrschaftliche Kunsthaltung, ihre beteuerte Emanzipation, die kostbar und klar Distanz haltende Sprache, das alles bricht zusammen. Mit silbernen Sandalen tritt sie lustvoll, wehleidig ein Teeservice in Scherben. Ihre Freundin, ihre Familie starren: Hier wird ja mehr zugrunde gerichtet als nur ein Einzelwesen, hier bricht >Kultur< zusammen. Fassbinder, kein Zweifel, erzählt seine Version vom >Tod in Venedig<« (Reinhard Baumgart, Süddeutsche Zeitung, v. 8.12.72). Was wie eine Beleidiguug des guten Geschmacks aussieht, setzt Maßstäbe des Geschmacks einfach außer Kraft. »So viel fühlen, so viel leiden, so abhängig sein wie diese Petra von Kant, das ist eben geschmacklos. Folglich wird das Äußerste an echter Empfindung mit einem äußersten Aufwand von unnatürlicher Stilisierung gezeigt.« (a.a.O.)

Wilhelm Roth

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rainer Werner Fassbinder; Band 2 (5. Auflage) der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1985, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags und des Autors Wilhelm Roth.

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Die bitteren Tränen der Petra von Kant

BRD 1972 - Regie: Rainer Werner Fassbinder - Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder (nach seinem Theaterstück) – Kamera: Michael Ballhaus – Schnitt: Thea Eymèsz - Ton: Gunther Kortwich - Musik: "Smoke Gets in Your Eyes" von Jerome Kern und und Otto Harbach, "The Great Pretender" von Buck Ram, gesungen von The Platters, "In My Room" von Joacquin, Pirieto, Lee Pockriss und Paul Vince, gesungen von The Walker Brothers; Giuseppe Verdi - Ausstattung: Kurt Raab - Regieassistent: Harry Baer, Kurt Raab - Darsteller: Margit Carstensen (Petra von Kant), Hanna Schygulla (Karin Thimm), Irm Hermann (Marlene), Eva Mattes (Gabriele von Kant), Katrin Schaake (DSidonie von Grasenabb), Gisela Fackeldey (Valerie von Kant) - Produktionsfirma: Tango-Film, München - Kosten: ca. 325 000 DM - Drehzeit: 10 Tage / Januar 1972 - Drehort: Worpswede - Uraufführung: 25.6.1972, Berlin (Filmfestspiele) - Kinostart: 5.10.1972  - TV-Erstausstrahlung: 19.11.1973 (ARD) - Format: 35 mm, Farbe - Länge: 3.389 m = 124 min.Verleih: Filmverlag der Autoren (35 mm) - Der Film ist "Gewidmet dem, der hier Marlene wurde".

 

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