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Bittere Kirschen

 

 

 

Reise nach Oswiecim


Diese Romanverfilmung scheitert an ihrem eigenen Kunstanspruch

Der neue Film von Didi Danquart, die recht freie Verfilmung von Judith Kuckarts Roman "Lenas Liebe", beginnt mit einem Vorspruch von Cees Nooteboom: "Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will." "Und auch wann!", möchte man ergänzen. Damit gibt Danquart früh sein Erzählverfahren preis, denn "Bittere Kirschen" organisiert ein kunstvolles Mosaik von Gegenwart und Erinnerung gleich mehrerer Generationen um einen Ort herum, der heute Oswiecim heißt, aber als Auschwitz geradezu Sinnbild deutscher Schuld und Verdrängung ist.

Mehrere Figuren reisen dorthin, erfahren die polnische Gegenwart, die dort immer auch eine Repräsentation von Geschichte ist, was Erinnerungsschübe mit sich bringt. Das forciert nicht-lineare Erzählen erlaubt sich ein frei-assoziatives Driften mit allerlei blinden Stellen und surrealen Effekten zwischen den Zeiten, das erst allmählich ein auch dann noch unvollständiges Bild ergibt. Die guten Schauspieler geben sich alle Mühe, nicht zu schwer an ihren Erinnerungen zu tragen, geben sich gern einmal unbeteiligt, weshalb die Dialoge zwischen Redundanz und philosophischer Pointe wechseln. Derart ambitioniert konzipiert, wird der Film mitunter unterhaltsam-hermetisches Kunsthandwerk, um dann wieder in schlimmstes Fernseh­allerlei umzukippen. Insofern muss die Reminiszenz des Filmtitels an Ingmar Bergmans "Wilde Erdbeeren", die Danquart selbst ins Spiel gebracht hat, auch als etwas anmaßend gewertet werden.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der:Stuttgarter Zeitung

 


Bittere Kirschen
Deutschland 2011 - Regie: Didi Danquart - Darsteller: Anna Stieblich, Martin Lüttge, Wolfram Koch, Roland Kukulies, Arnel Taci, Jytte-Merle Böhrnsen, Jonathan Dümcke, Sylvester Groth, Jörg Metzner, Rolf Hoppe - FSK: ab 12 - Länge: 107 min. - Start: 13.9.2012

 

 

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