zur startseite

zum archiv

zu den essays

Bijou (1972)

„Bijou" von 1972, digital remastered 2010, ist ein paradiesischer Schatz, gehoben aus Zeiten der großen Unschuld, in der Sex in allen Varianten Alltag war, was Schönes am Feierabend. – Naja, meine großen Worte sind voll daneben, denn es geht in „Bijou" grade nicht um pathetische Ergüsse, sondern schlicht und einfach um körperliche. Aber wieso sehe ich den Film erst jetzt zum erstenmal? Ich hab 1972 doch auch schon über Film geschrieben, im nämlichen Jahr über Werner Schroeters „Willow Springs“, gedreht in der Mojave Desert, und über Rosa von Praunheims „Armee der Liebenden" oder „Revolte der Perversen", gedreht ebenfalls 1972 u .a. in New York. – Ich hab mit den beiden viel gesprochen, aber nie ein Wort über "Bijou" und seinen Autor und Regisseur Wakefield Poole gehört. Wieso gabs da keine Verbindung? Schroeter und von Praunheim sind doch, jeder auf seine Art, mindestens Parallelen. War etwa das, was in „Bijou“ in aller Schönheit zu sehen ist, bei uns nur schwuler Hardcore Porno und nichts weiter?

Gehörte so was einfach nicht dazu? Zu uns? – Ich frag ja nur. In den U.S. war ganz im Gegenteil mit Wakefield Pooles „Boys in the Sand“ (1971) und „Bijou“ (1972) die Zeit des mainstreamfähigen porno chics ausgebrochen. Die Leute strömten in die Kinos, seriöse Filmkritiken erschienen, die Kasse klingelte.
So.
Man kann den Film aber ohne all dieses Gedöns sehen. Ich hab auch erst hinterher gegoogelt. Dann sieht man einen Bauarbeiter (Bill Harrison), der in den Straßen von Lower Manhattan auf dem Weg nachhaus ist. Dichter Verkehr. Schwere Lastwagen, viel Menschen, Ampeln, Kreuzungen, alles voll. Eine junge Frau kommt jetzt häufiger ins Bild, auffallend schöne, schlanke Beine, in den Bildern steigert sich was, Großaufnahmen von einem Steuerrad, von einer Ampelschaltung, und, es kam, was kommen musste, die tolle Frau liegt tot unter einem Auto. Passanten eilen herbei, unser Arbeiterheld bückt sich, nimmt die Handtasche des Opfers und ab. Ein Straßenschild, groß, PRINCE ST.
Aha. Ich kann jetzt wieder anfangen und Koordinaten für „Bijou“ ziehen. Wir sind also jetzt auf der Höhe von der Williamsburg Bridge und dem Holland Tunnel. – Warum ich das schreibe? Weil ich, sorry, genau 1972 in der Prince Street gewesen war, voll naiv und unbeleckt vom
porno chic.
Es geht hier aber nicht um mich, sondern um „Bijou"?
Okay, ich rezipier man bloß.
Also, unser Arbeiterheld zwängt sich durch die bekannten superengen Gänge ins ziemlich dunkle Innere eines heruntergekommenen Hauses, seine Schultern kratzen auf beiden Seiten die Wände entlang. Dann ist er daheim. Er hat nur seine Jeans an. Lässig liegt er auf dem Bett und untersucht die Handtasche des Opfers. Neugierig schon, aber unaufgeregt (er wird seine stoische Mimik beibehalten, egal was kommt, und es kommt einiges). Ja der Lippenstift, Großaufnahme, er dreht ihn auf; das sieht so sinnlich aus, als ob an was Erigiertem dreht, er leckt am Stift. Der Film ist jetzt bei Minute 6, und die geile Spannung ist da. Wir haben es schriftlich. Denn aus der Handtasche fischt er den Flyer vom Club Bijou, heute 19 Uhr. Na denn. Die Hand hat er schon in der Hose. Er zieht den Schwanz raus. Nicht schlecht. Reicht deutlich über den Nabel raus. Beim Onanieren gibt’s dann Zwischenschnitte. Nackte Frauenbrüste. Die tote Frau. Geil das. Und dann duschen.
Unser Arbeiter ist voll behaart, und ich muss wieder dazwischenquatschen. Bitte hört endlich auf mit dem Abrasieren! Haare sind geil. Sie leben! Beim Duschen liegen sie wie lauter Striche auf dem Körper. Getrocknet kräuseln sie sich ins Dreidimensionale. -
Tschuldigung. Soll nicht wieder vorkommen.
Und jetzt das Hauptprogramm. 19 Uhr. Der Abend im Bijou. Den Flyer der Toten vorweisen, dann lässt ihn die dicke, potthässliche Beschließerin rein. Im Dunkelzimmer ist er allein. Er kriegt per Leuchtschrift Botschaften. „Schuhe ausziehen!“. „Alles ausziehen!“. Und dann geht’s los.

Ich verlass jetzt mal das Wortprotokoll. Ich bin ja schon bei 3000 Zeichen. Schade irgendwie. Aber ich fass lieber zusammen. Was passiert in „Bijou“? Der Film bietet ein unerhörtes ästhetisches Bilderlebnis (echt! Gehört zum mainstream porno chic. Geilt raffiniert-indirekt an), entspannen, wahrnehmen und genießen ist angesagt, also bittschön auf sich zukommen lassen und sich ganz der Rezeption hingeben. Easy, Leute! Eine Lichtgestaltung erster Sahne. Körper rötlich, gelblich, Teile in Bewegung, aus dem Dunkel in das Dunkel. Spiegel Spiegel Spiegel. Du bist allein im Kreis. In Großaufnahme rote Finger um Dich herum. Du stehst nackt in voller Größe da und wirst befingert. Also bist Du im Bild ganz klein, fingergroß. Spielball, Du. Umkreist von den mannigfachen Kreisen. Beschäftige Dich mit Dir selbst. Onanier!
Wir kommen zum zweiten
event. Was ist denn nun vom versprochenen hardcore zu sehen? – Moment, es wird heftig werden. Eine Frau (ist es die Tote von anfangs?) zieht sich aus, ein Mann nach dem andern desgleichen, vier Bilder gleichzeitig im Bild. Hallo, Michelangelos David schiebt sich dazwischen. Alle onanieren (ja, der David irgendwie nein). Doch dann geht’s ans Lutschen, Ficken, Sperma träufeln in den offenen Mund. Da! Ein Dreier, Vierer, Fünfer … Wir haben alle Zeit der Welt. Alle völlig entspannt, aber geschäftig. Wie in Trance, dazu die unglaublich gute Musik, repetitiv, semiklassisch, die Motive werden sich in dir verankern. Ein Konzertsaal-Erlebnis, während gleichzeitig auf der Bildebene ein schöner Typ mit Riemen operiert und sie liebevoll unserem Arbeiterhelden um den Hals legt. Zieht er zu? Selig liegt der Zuzuriemende auf dem Boden, ganz Hingabe.
Ähem. Schlussendlich entfernt sich einer nach dem anderen in verschiedener Richtung. Unser Held raucht die Zigarette danach. Er guckt zurück auf das Bijou, dreht sich um zur Kamera – und lacht. Zum erstenmal in diesem Film.
Ich reiß mich zusammen, erwacht aus der Hypnose. Wieso war ich eigentlich in diesen Film so tief eingetaucht? Inzwischen weiß ich es. Weil mich nichts davon abgehalten hat, genau das zu tun. Ich wollte es doch auch. Und was hätte das sein sollen, was mich vor Kontrollverlust und Distanzlosigkeit bewahrt? Leute, es ist der Dialog! „Bijou“ hat aber keinen Dialog! Ganz Bild, Geräusch, Musik.
Ein Rausch.

Dietrich Kuhlbrodt

Dieser Text wird im Frühling 2015 erscheinen in: "So many Men, so little Time", einemSammelband zum Golden Age of Gay Porn; Herausgeber: Silvia Szymanski und Marco Siedelmann im Verlag Salzgeber

Bijou (1972)
USA 1972 - Regie: Wakefield Poole - Drehbuch: Wakefield Poole - Produzent: Marvin Shulman - Kamera: Wakefield Poole - Schnitt: Wakefield Poole, Peter Schneckenburger - Darsteller: Ronnie Shark, Bill Harrison, Cassandra Hart, Lydia Black, Robert Lewis, Peter Schneckenburger, Rocco Passalini, Michael Green, Bruce Shenton, Bill Cable u.a.

  

zur startseite

zum archiv

zu den essays